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Akzente – der politische Kommentar
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Was Jim denkbar nötig hat

Schulfrühstück im reichen Bayern? Mehr nachgefragt denn je. Doch ein Besuch an einer Schule in München, die so ein Frühstück anbietet, zeigt: Es braucht mehr als eine gesunde, kostenlose Brotzeit. Es braucht eben das, was ein hochwertiger Ganztag grundlegend bringen könnte: sozialen Zusammenhalt.

Diese Hospitation wird eine ganz besondere, das merke ich schon im Foyer. Es ist 7.30 Uhr, die Grundschule und das Förderzentrum unter demselben Dach wirken leer, doch aus dem Keller kommen Stimmen.

In einem Raum im Untergeschoss finde ich sie: die Gäste des BLLV-Schulfrühstücks. Kinder und Jugendliche, die ihr Zuhause oder ihre Unterkunft regelmäßig ohne was im Magen verlassen. Dann die Überraschung: Nicht alle, die zum Frühstück gekommen sind, sind gekommen, um zu frühstücken. Zum Beispiel dieser hochgewachsene Junge da.

Jim (Name geändert) besucht die 8. Klasse, doch eigentlich, verrät er mir, dürfte er jetzt gar nicht hier beim Schulfrühstück sein. Er absolviert ja gerade ein zweiwöchiges Praktikum bei einem Schreiner um die Ecke. Heute Morgen bedient er sich aber gar nicht an dem kostenlosen und reichhaltigen Angebot. In der Früh, sagt er, hat er nie Hunger. Warum kommt er dann? Er berichtet: Zu Hause ist niemand. Hier kann er wenigstens ein bisschen erzählen. Vor allem, wenn diese ältere Frau hier ist. Sie hilft ehrenamtlich im Betreuerteam. Sie gibt ihm kein Essen, sondern ein Gefühl von Heimat. Ich spüre: Sie ist so was wie seine Oma.

Was junge Menschen wie Jim wirklich nährt, ist nicht aus Milch und Mehl. Es ist die Gemeinschaft, die er hier erlebt, der soziale Zusammenhalt. Persönlich begrüßt werden, gemeinsam in den Tag starten, andere treffen. Ich erzähle diese Geschichte übrigens nicht, um für die Unterstützung unseres Schulfrühstücks zu werben (das tue ich selbstverständlich bei anderer Gelegenheit). Ich erzähle diese Geschichte, weil es schon bemerkenswert ist: Mitten in Bayern, mitten in München kommen Kinder und Jugendliche extra früh zur Schule, um was Gesundes in den Magen zu kriegen. Mehr noch, um zu erleben: Wir gehören zusammen, ich gehöre dazu.

Und ich frage mich: War das nicht immer Teil der Vision unseres Verbandes im Zusammenhang mit dem Ganztag? Jetzt kommt sie ja wohl endlich, die Ganztagsgarantie. Aber was für ein Ganztag wird das sein? Der hochwertige, der gebundene Ganztag, den alle besuchen und der deshalb nicht nur das kognitive Lernen fördert, sondern auch die Freude am Lernen, die Kreativität, die Gemeinschaft? Und wenn es jetzt doch wieder vor allem um Betreuung geht, um Aufbewahrung: Welche Kinder werden bei diesem Ganztag light garantiert nicht auftauchen? Klar: diejenigen, die von all dem mehr brauchen, mehr Zeit, mehr Aufmerksamkeit, mehr Gefühl von Zusammengehörigkeit.

Machen wir uns mal ehrlich: Beste Bildung, rhythmisierter Ganztag, das wird in Bayern so bald nicht flächendeckend vorgehalten werden. Stattdessen wursteln wir weiter mit diesem Gemischtwarenladen an Betreuungsangeboten. Und verlieren werden auch da wieder die Ärmsten. Sie werden vielleicht satt werden, aber trotzdem schulisch abgehängt bleiben, weil sie wieder keinen sozialen Zusammenhalt erleben. Schule sollte nicht fürs Frühstück zuständig sein müssen – und Schule sollte zugleich mehr sein, als Wissen reinschaufeln und ausspucken. Schule sollte echter Lern- und Lebensraum sein, alle mitnehmen. Das könnte auch helfen, die zunehmende Spaltung in der Gesellschaft zu überwinden.

Es kann doch verdammt nochmal nicht sein, dass wir es in diesem reichen Bundesland nicht schaffen, den sozioökonomischen Hintergrund des Elternhauses auszugleichen. Eine Gesellschaft, die immer mehr auseinanderdriftet in arm und reich, eine Gesellschaft, die diejenigen zurücklässt, bei denen es nicht einmal für ein Frühstück reicht – eine solche Gesellschaft kann nur verlieren. Es lohnt sich also zu kämpfen. Für den Erhalt des Schulfrühstücks, das auf Spenden und verstärkt auf Zuwendungen vom Sozialministerium angewiesenen ist, klar. Letztlich aber für Bildungsgerechtigkeit. Für den professionellen, den gebundenen Ganztag, für die Multiprofessionalität im Bereich der Inklusion, für individuelle Förderung. Für Kinder wie Jim.

>> zur bayerischen schule #3: Zusammenhalt