Die Lehrkräfte am Gymnasium leisten jeden Tag wertvolle Arbeit. Sie begeistern Kinder für die Inhalte ihrer Fächer, zeigen ihnen Entwicklungsmöglichkeiten auf und unterstützen sie beim Erwachsenwerden. Doch diese Arbeit leisten sie unter widrigen Umständen: Die Klassengrößen steigen, überbordende Bürokratie bindet Arbeitszeit, eng getaktete Prüfungsintervalle belasten Lehrkräfte wie Schüler:innen und übervolle Lehrpläne verhindern tiefes und verständnisintensives Lernen – eigentlich ein Kernmerkmal des Gymnasiums. Dies alles führt auf Seiten der Schüler:innen zu Desinteresse, bei Lehrkräften und Schüler:innen zu Stress, Überlastung und gesundheitlichen Problemen.

Nach der überstürzten Einführung des G8, seinen halbherzigen und homöopathischen Reformen sowie der darauffolgenden Rückabwicklung des G8 hin zum „neuen“ G9 ist die Lust auf weitere Reformen des Gymnasiums gering. Lehrkräfte und Schüler:innen wollen – verständlicherweise – einfach in Ruhe arbeiten können.

Doch ehrlicherweise muss konstatiert werden: Auch das neue G9 hat, abgesehen von der Belastung durch häufigen Nachmittagsunterricht, weder die Probleme des G8 noch die des alten G9 gelöst. Ganz im Gegenteil.

Auch das G9 leidet...

In zu vielen getrennten Fächern werden zu viele Inhalte in zu kurzer Zeit behandelt. Obwohl das Gymnasium um ein Jahr verlängert wurde, sind Stoffpensum und -progression kontinuierlich viel zu hoch – insbesondere in den Fremdsprachen und vor allem in der Unterstufe. Kernfächer haben weniger Stunden im Schuljahr und werden ab der 8. Jahrgangsstufe meist nur noch dreistündig unterrichtet. Auch in den Sachfächern müssen zu viele zu disparate Themen behandelt werden.

Dies führt dazu, dass der Stoff oft nur oberflächlich gelernt, aber nicht durchdrungen und nachhaltig verinnerlicht wird. In Mathematik und den Naturwissenschaften fehlt die Zeit für Übungen und für die Entwicklung von Verständnis mathematischer und naturwissenschaftlicher Zusammenhänge. Es reicht oftmals nur für das Auswendiglernen und Abspulen vorgeführter Algorithmen. Die Stofffülle führt in allen Fächern dazu, dass viel zu viel belehrt werden muss, statt dass die Schülerinnen und Schüler Zeit haben, selbstständig zu lernen. Sie pauken auf Prüfungen hin, der Stoff wird abgeprüft und schnell vergessen. Stofffülle und Prüfungsdichte erschweren weiterhin einen kompetenzorientierten und nachhaltigen Unterricht.

Der Unterricht am Gymnasium findet in den meisten Fällen strikt in einzelne Fächer getrennt statt, die sich zum größten Teil noch an einem Fächerkanon aus dem frühen 20. Jahrhundert orientieren. Wissenschaftliches Arbeiten und auch die moderne Berufswelt erfordern aber ein fachübergreifendes, multiperspektivisches Herangehen und Lösen von Problemen. Doch echtes fachübergreifendes Arbeiten kommt am Gymnasium viel zu kurz oder wird nur vorgegaukelt (z. B. im Fach Natur und Technik, in dem die einzelnen Fächer weiterhin streng getrennt sind und lediglich eine gemeinsame Note gegeben wird).

Auch konservative Bildungspolitiker:innen können sich vor schulischen Modernisierungen nicht komplett verschließen. Am Gymnasium führt das dazu, dass immer mehr zusätzliche Inhalte verpflichtend eingeführt werden: die Verfassungsviertelstunde, zahlreiche Veranstaltungen der beruflichen Orientierung (z. B. der „Tag des Handwerks“), Präventionsprojekte (z. B. netpiloten) oder auch die „Schule fürs Leben“ – genauso wie außerunterrichtliche Projekte, die schon immer das Schulleben bereichert haben (z. B. Theateraufführungen). Dies alles sind wichtige und sinnvolle Anliegen.

Doch beim gleichzeitigen Beharren auf einer übertriebenen Dominanz der Fachlichkeit des Gymnasiums lassen sich diese nicht effektiv umsetzen. Denn jede zusätzliche Veranstaltung geht auf Kosten des Fachunterrichts, der durch die hohe Stoffdichte bereits auf Kante genäht ist.

Auch das neue G9 leidet demnach unter dem Spagat zwischen dem Festhalten an überkommenen und veralteten Strukturen und Traditionen einerseits und einer halbherzigen und größtenteils oberflächlich postulierten Öffnung für das unvermeidlich Neue andererseits. Dieser Widerspruch, den Lehrkräfte und Schüler:innen nicht auflösen können, steht nachhaltigem Lernen entgegen.

Erfolgreiches Lernen beruht auf einer positiven Beziehung zwischen Lehrer:innen und Schüler:innen. Am Gymnasium sind Lehrkräfte durch die neue, noch enger getaktete Stundentafel noch weniger Stunden pro Woche in ihren Klassen als im G8. Das erschwert den Aufbau stabiler Beziehungen, insbesondere da aufgrund der Stofffülle und des dadurch hohen Unterrichtstempos zu selten auf einzelne Schüler:innen und ihre Bedürfnisse eingegangen werden kann. Pädagogische Arbeit findet oft außerhalb der Unterrichtszeit statt, unter Zeitdruck in Pausen oder nachmittags. Das bedeutet eine zusätzliche Belastung für Lehrkräfte und Schüler:innen.

Für viele Schüler:innen führen die enge Taktung, die Stofffülle und die Prüfungsdichte zu erheblichem Druck. Es gibt kaum prüfungsfreie Zeiten am Gymnasium – sieht man einmal vom üblichen „Weihnachtsfrieden“ ab. Wenn unangekündigte Leistungsnachweise nach wie vor verlangt werden, müssen Schüler:innen ständig damit rechnen, geprüft zu werden. Dass dies nicht zu besseren Leistungen führt, ist durch die Lernpsychologie hinreichend belegt.

Natürlich muss überprüft werden, über welche Kompetenzen und Fertigkeiten und über welches Wissen Schüler:innen verfügen. Ein konstruktives Feedback zum individuellen Leistungsstand ist unerlässlich für gelingende Lernprozesse. Jedoch dienen Prüfungen am Gymnasium in ihrer heutigen Form zu häufig nicht dem Lernen, sondern legitimieren die Zeugnisnoten und sind in erster Linie ein Verwaltungsakt. Lehrkräfte müssen daher einen erheblichen Aufwand betreiben, um juristisch korrekte Prüfungsaufgaben und -formate zu entwickeln. Dies erschwert das Etablieren modernerer Prüfungsformen (z. B. Projektprüfungen, mündliche Gruppenprüfungen) deutlich und verleitet zur Reduktion des Unterrichts auf vor allem abprüfbares Wissen.

Die meisten Prüfungen sind daher per se defizitorientiert. Für individuelles Feed-Back oder gar für individuelles Feed-Up (Wo musst Du hin und wo stehst Du auf diesem Weg?) bzw. Feed-Forward (Was musst Du als Nächstes tun?) fehlen Zeit und Ressourcen.

Wegen des starken Fokus‘ auf vorrückungsrelevante Prüfungen nehmen Schüler:innen Lehrkräfte oftmals nicht als helfend und unterstützend wahr, sondern als Beurteiler:innen. Das belastet das Verhältnis der Lehrkräfte zu ihren Schüler:innen und das zu den Erziehungsberechtigten.

Was ist zu tun?

Das Gymnasium blickt auf eine lange und stolze Tradition zurück.

Im Blick nach vorne müssen neue Wege gewagt werden.

Damit sich das System Gymnasium zu einer modernen, am Lernen statt am Belehren und Abprüfen orientierten Schule entwickeln kann, braucht es grundlegende Reformen.
 

Der BLLV hat dazu klare Positionen

Die Schüler:innen behalten oftmals erschreckend wenig der behandelten Inhalte. Das Lehrplanpensum erfordert ein zu hohes Lerntempo, intensive Verstehens- und Übungsphasen kommen daher oft zu kurz. Der schnelle Wechsel der Unterrichtsfächer führt zu oberflächlichem Lernen. Es fehlt die Zeit, in die Tiefe zu gehen und so handlungs- und verstehensbezogene Kompetenzen aufbauen zu können.

Daher müssen alle Lehrplaninhalte auf den Prüfstand. Es geht nicht darum, bestimmte Inhalte als unwichtig abzuwerten – jeder Lehrplaninhalt ist interessant und wichtig. Aber es ist die Frage zu stellen: Ist dieser Inhalt wirklich nötig oder kann darauf verzichtet werden, um einen anderen Inhalt dafür vertiefter behandeln zu können? Oder anders formuliert: Ist dieser Inhalt so wichtig, dass deswegen ein anderer Inhalt nur oberflächlich behandelt wird? Denn nachhaltiges Lernen verlangt Vertiefung, Wiederholung, Vernetzung und Anwendung. Lerninhalte müssen sich daher auf exemplarische Inhalte begrenzen, die kategoriales Wissen und den Aufbau von Kompetenzen ermöglichen.

Sollen neue (fachübergreifende bzw. fachunabhängige) Inhalte eingeführt werden, so müssen durch Streichungen bisheriger Inhalte Freiräume dafür geschaffen werden. Es kann nicht sein, dass durch sinnvolle Themen, wie der Demokratievermittlung, der eigentliche Fachunterricht noch stärker verdichtet wird, Veranstaltungen hierzu in den unterrichtsfreien Nachmittag verlagert werden oder gleich den Schüler:innen, wie beim Aufbaumodul der Beruflichen Orientierung, zum Selbststudium auferlegt werden.

Der Fächerkanon am Gymnasium ist zu stark aufgesplittert. Bei 16 verschiedenen Fächern wie etwa in der 10. Klasse kann Lernen nur oberflächlich stattfinden.

Auch lernen Schüler:innen verschiedene Facetten eines Themas oft in unterschiedlichen Fächern, ohne die Zusammenhänge zu erkennen. Die Lehrkräfte der unterschiedlichen Fächer können sich aufgrund der organisatorischen Zwänge nur in Einzelfällen thematisch absprechen und koordinieren. Dies verstärkt die Tendenz, bloßes Faktenwissen statt kategorialem Wissen zu vermitteln.

Kategoriales Wissen können sich Schüler:innen am besten in fächerübergreifenden Projekten mit konkretem Bezug zur Lebenswelt aneignen. Die Wissenschaftswoche in der 11. Klasse ist daher ein Schritt in die richtige Richtung. Doch eine einzige Woche in neun Schuljahren ist dafür viel zu wenig.

Die hohe Anzahl verschiedener Fächer in der Unter-, vor allem aber in der Mittelstufe, muss reduziert werden. Entscheidend ist nicht Fächervielfalt, sondern eine Vielfalt an Themen sowie die Vermittlung zukunftsorientierter Kompetenzen, die Schüler:innen befähigen, sich selbstständig und vertieft mit den Inhalten zu beschäftigen. Der Unterricht muss daher nicht nur in Einzelfächern (z. B. Fremdsprachen, Mathematik), sondern insbesondere auch in Domänen (z. B. Natur- oder Gesellschaftswissenschaften) organisiert werden. In diesen Domänen soll überwiegend projektorientiert an unterschiedlichen Themen gearbeitet werden. Dabei werden Kompetenzen und Fähigkeiten der einzelnen Fächer vermittelt, eingeübt und angewandt. In diese Projektfächer fließen auch Inhalte der Sachfächer ein, die in der jeweiligen Jahrgangsstufe nicht unterrichtet werden. Dies hätte auch den Vorteil, dass Fächer wie Geographie nicht mehr in einem Schuljahr komplett wegfallen, sondern dass deren Inhalte und Sichtweisen in jedem Schuljahr eine Rolle spielen.

Lehrkräfte müssen mehr Zeit für ihre Schüler:innen und Schulentwicklung haben.

Lernen ist Beziehungsarbeit. Die Zeit, die Lehrkräfte mit ihren Klassen verbringen, muss daher erhöht werden. Alle Lehrkräfte sollen deswegen möglichst in allen von ihnen studierten Fächern in der gleichen Klasse eingesetzt werden. Darüber hinaus benötigen immer mehr Schüler:innen eine intensivere Betreuung durch ihre Lehrkräfte. Dazu zählen nicht nur Schüler:innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf oder mit Migrationshintergrund, sondern auch Schüler:innen mit psychischen Schwierigkeiten oder mit belastenden Familiensituationen, oder sogar die gesamte Schülerschaft. Schließlich verbringen Schüler:innen aufgrund veränderter Gesellschaftsstrukturen mit zwei berufstätigen Elternteilen immer mehr Zeit in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen als mit der eigenen Familie. Somit wird für immer mehr Schüler:innen auch das Gymnasium ein wichtiger Lebensraum, der Sicherheit und Geborgenheit gibt.

Die Lehrplaninhalte müssen deshalb so reduziert werden, dass im Unterricht auch genügend Zeit für pädagogische Arbeit bleibt. Schließlich muss das Gymnasium neben seinem Bildungsauftrag auch seinen Erziehungsauftrag erfüllen können.

Multiprofessionelle Teams müssen etabliert werden, um Lehrkräfte zu unterstützen und zu entlasten. Sie dürfen aber nicht dazu führen, dass Lehrkräfte nur noch für die Inhaltsvermittlung zuständig sind. Denn die Gymnasiallehrkräfte wollen ihre Schüler:innen nicht nur in ihren Fächern unterrichten, sondern sie auch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und auf ihrem Weg vom Kind zum Erwachsenen begleiten, unterstützen und zur Seite stehen.

Zudem gilt es, das pädagogische Fachpersonal von bildungs- und pädagogikfremden Aufgaben zu entlasten. Dies betrifft insbesondere den kontinuierlich zunehmenden Verwaltungsaufwand der digitalen Infrastruktur. Die ursprünglich als vorwiegend pädagogisch angedachte Verantwortlichkeit der Systemadministration ist durch den stetigen Zuwachs an technischer und digitaler Infrastruktur zu einem großen verwaltungstechnischen Akt verkommen. Zudem bindet der darüber hinaus bestehende massive Zeitbedarf bei defekten bzw. falsch eingestellten Geräten wertvolle Ressourcen des pädagogischen Fachpersonals. Ressourcen, die weder der Qualitätssicherung von Bildung, noch den Schüler:innen, noch der Schulentwicklung zukommen können. Entsprechend sollte es an jeder Schule eine:n hauptberufliche:n Systembetreuer:in geben, der / die entsprechendes KnowHow aufweist und die reibungslose Funktionalität der digitalen Infrastruktur sicherstellen kann.

Das Durchfallen in der jetzigen Form muss beendet werden

Ziffernnoten an sich sind nicht problematisch. Problematisch ist der Umgang mit ihnen. Endlose Diskussionen in Lehrerzimmern und Klassenkonferenzen, ob bei der Bildung der Gesamtnote nun nach der ersten oder zweiten Nachkommastelle abgeschnitten wird, ob man mit „Komma 6“ noch die bessere Note geben oder ob ein Schüler wegen „4,51 gleich 5“ durchfallen darf, zeigen, dass Noten eben nicht als individuelles Feedback für die Schüler:innen genutzt werden, sondern vor allem der Legitimation der Zeugnisnote bzw. der Vorrückungsentscheidung dienen.

Nicht selten bereiten sich Schüler:innen auf die letzte Schulaufgabe gar nicht mehr vor, wenn sich ihre Zeugnisnote dadurch nicht mehr ändern würde. Damit wird der eigentliche Zweck von Lernzielkontrollen, nämlich den Schüler:innen eine verbindliche Rückmeldung über ihren aktuellen Leistungs- und Kenntnisstand zu geben, völlig pervertiert. Das Wiederholen einer Jahrgangsstufe wird von den Schüler:innen zurecht nicht als Chance gesehen, Lücken aufzuholen, sondern als Versagen oder Bestrafung. In vielen Fällen haben Wiederholungsschüler:innen auch in den Folgejahren schulische Probleme, was zeigt, dass das Wiederholen in der aktuellen Form nicht zielführend ist. Niemand kann außerdem vernünftig begründen, warum ein:e Schüler:in mit zwei Fünfern im Jahreszeugnis nicht nur diese beiden, sondern alle Fächer wiederholen muss.

Das Durchfallen in der bestehenden Form muss daher abgeschafft oder zumindest neu überdacht werden. In einem ersten Schritt sollte die Anzahl der versetzungsrelevanten Fächer reduziert werden. Mittelfristig sollte durch ein modulares System den Schüler:innen die Möglichkeit geboten werden, in Fächern, in denen sie Schwierigkeiten haben, mehr Zeit zu bekommen und damit mehr Gelegenheit zum Üben und zum Durchdringen des Stoffes, während sie gleichzeitig in anderen Fächern in der normalen Progression lernen können.

Das stärkere Abkoppeln der Lernzielkontrollen von der Vorrückungsentscheidung erleichtert es auch, moderne Prüfungsformate durchzuführen, vor allem auch Projektprüfungen in Gruppen.

Darüber hinaus muss die Vermischung von Lern- und Prüfungsphasen beendet werden. Schüler:innen müssen in Lernphasen Fehler machen können und auch unterschiedlich lange benötigen dürfen, um sich einen Inhalt anzueignen. Dies ist nicht möglich, wenn sie nicht wissen, ob sie sich in einer Prüfungssituation befinden oder nicht. Lern- und Prüfungssituationen und -phasen müssen daher stärker und verbindlich voneinander getrennt werden. Ob eine Lehrkraft dafür generell auf unangekündigte Leistungsnachweise verzichtet oder verbindlich mehrwöchige prüfungsfreie Zeiten festlegt, ist hierbei zweitrangig.

Eine Schule, in der Neues gewagt wird: Mit dem Modulsystem ganz neue Wege gehen

Das Bildungsbewusstsein zahlreicher Eltern und der Wunsch nach einer gymnasialen Ausbildung sind ungebrochen hoch. Der Besuch des Gymnasiums dient nicht mehr nur der Vorbereitung bzw. Zulassung zu einem Studium. Die vertiefte Beschäftigung mit vielfältigen Inhalten oder das Erlernen von mindestens zwei Fremdsprachen werden von vielen Schüler:innen sowie deren Eltern unabhängig vom Berufswunsch als wichtige Ziele gesehen. Denn Bildung ist ein Menschenrecht.

Diese vor Jahrzehnten einsetzende Entwicklung führt zu zahlreichen Herausforderungen am Gymnasium und rüttelt an seiner hergebrachten, traditionellen inneren Verfasstheit: Die soziale Herkunft, der Bildungshintergrund, die Umgangsformen und die Lernerfahrungen der Schüler:innen am Gymnasium sind heute um ein Vielfaches heterogener als noch vor vierzig Jahren.

Auf diese Herausforderungen muss das Gymnasium auch mit einer Reform der eigenen Struktur reagieren. Es ist daher Zeit, neue Wege zu wagen. Ein bedeutender Schritt könnte die Einführung eines Modulsystems in den Jahrgangsstufen 7 bis 11 sein. Dies würde eine echte Individualisierung erlauben und für alle Schüler:innen ein flexibles und passgenaues Angebot mit individueller Lernzeit bieten.

Im Modulsystem werden keine Fächer „abgewählt“, sondern die Schüler:innen wählen aus den Angeboten der Schule unter Berücksichtigung bestimmter Rahmenvorgaben verschiedene Module, die den LehrplanPLUS abdecken. 

Die gewählten Module müssen nicht zwangsläufig aus der gleichen Jahrgangsstufe stammen. Auf diese Weise können Schüler:innen, die weniger Pflichtwochenstunden haben wollen, den Stoff dehnen. Andere können in einem Fachmodul aussetzen, um ein entsprechendes Brückenmodul zu absolvieren oder Zeit für anspruchsvolle Plusmodule zu haben. Die Module werden grundsätzlich in Doppelstunden unterrichtet.

Je nach Wahlverhalten können die Schülerinnen und Schüler die Jahrgangsstufen 7 mit 11 entsprechend den gültigen Wiederholungsbestimmungen in fünf oder mehr Jahren durchlaufen. Die zusätzliche Zeit kann zu einer Entzerrung des individuellen Stundenpensums, aber auch zur Vertiefung, Schwerpunktsetzung oder Förderung genutzt werden. Ein pauschales Wiederholen aller Fächer einer Jahrgangsstufe beim Verfehlen des Klassenziels in nur zwei Fächern entfällt in diesem System. Stattdessen müssen lediglich die nicht erfolgreich abgeschlossenen Module wiederholt werden.

Die Freistunden der Schüler:innen, die bei Einführung des Modulsystems entstehen, werden für eigenverantwortliches Lernen in Lernwerkstätten, Lernateliers oder Fachsprechstunden genutzt. Dies ermöglicht eine deutlich bessere Förderung der Schüler:innen als derzeit. Neben der Vertiefung durch Übung und Wiederholung können die Schüler:innen das eigenverantwortliche Lernen darüber hinaus für ihre Arbeit an den Projekten der entsprechenden Projektmodule nutzen.

Auch wenn die Schüler:innen die Pflichtmodule in Deutsch, Mathematik und den Fremdsprachen meist in der gleichen Zusammensetzung durchlaufen werden, fällt der Klassenverband für die Jahrgangsstufen 7 mit 11 und damit auch die Klassenleitung weg. Stattdessen wird jedem Schüler und jeder Schülerin mit Eintritt in die siebte Jahrgangsstufe bis zum Abschluss des Modulsystems eine Lehrkraft als Coach fest zugeordnet. Durch diese enge und dauerhafte persönliche Bindung wird die Beziehungsebene gestärkt und eine deutlich bessere Betreuung der Schüler:innen auch in pädagogischen Fragen als durch die bisherige Klassenleitung ermöglicht.

Das Modulsystem lässt sich an jedem Gymnasium umsetzen. Eltern finden für Ihre Kinder am Gymnasium Ihrer Wahl ein passendes Angebot. Egal, ob ein Kind sich mehr Zeit lassen will, weil es Freiraum für außerschulische Aktivitäten möchte, oder weil es individuelle Schwächen ausgleichen will: 

Im Modulsystem findet jedes Kind den passenden Weg.

Detaillierte Informationen zu Modulsystem finden Sie hier.

Es wird Zeit, dass sich nicht nur einzelne Lehrkräfte oder wenige Vorzeigeschulen, sondern das ganze System Gymnasium entwickeln kann.

Der BLLV, in dem Lehrkräfte aller Schularten organisiert sind, steht dafür ein.