Elisabeth Block besuchte die damalige Mädchenmittelschule der Armen Schulschwestern. Sie war die älteste Tochter von Fritz und Mirjam Block. Ihr Vater, von Beruf Bauingenieur, konnte wegen einer Kriegsverletzung im 1. Weltkrieg seinen Beruf nicht mehr ausüben, und kaufte 1921 Grund in der Gemeinde Prutting bei Rosenheim, um dort eine Gärtnerei aufzubauen. Elisabeth kam am 12. Februar 1922 zur Welt. Sie führte ab dem 8. Lebensjahr bis kurz vor ihrer Deportation Tagebuch. 1938 wurde ihr aufgrund ihrer jüdischen Herkunft der Schulbesuch untersagt, 1941 wurde sie zum Arbeitsdienst auf einem Bauernhof verpflichtet. 1942 musste sie zusammen mit ihrer Mutter in das Judenlager Milbertshofen in München, von wo aus die beidem am 3. April in das Transitlager Piaski (Polen) dewportiert und vermutlich im Vernichtungslager Belzec oder Sobibor im Alter von 19 Jahren ermordet wurde.
Erinnerung als Teil der Schulkultur
Seit 25 Jahren ist es fester Teil der Schulkultur der Städtischen Realschule für Mädchen Rosenheim, an die ehemalige jüdische Schülerin Elisabeth Block, die 1942 deportiert und ermordet wurde, zu erinnern. Initiatorin ist die Religionspädagogin Monika Gilch.
Monika Gilch initiierte die Erinnerungsarbeit in der Rosenheimer Mädchenrealschule vor 25 Jahren. Seit 2023 wird jedes Jahr mit den Schülerinnen der 9. Jahrgangsstufe in einer ganzen Projektwoche eine Präsentation der tragischen Geschichte der früheren Schülerin Elisabeth Block erarbeitet, die dann in einer öffentlichen Gedenkfeier von den Schülerinnen präsentiert wird. Grundlage ist das bewegende Tagebuch der jungen Elisabeth. In der Projektwoche versuchen die Schülerinnen mit den beiden betreuenden Lehrerinnen Monika Gilch (Religionslehre, Mathematik) und Kerstin Pöppel ( Musik, Deutsch) neue Formen der Erinnerungsarbeit umzusetzen. 2024 war es die Gestaltung einer Erinnerungswand im Eingangsbereich der Schule, 2025 eine Theateraufführung. Dieses Jahr erfolgte dies mittels einer Graphic Novel, die die Schülerinnen unter Anleitung der Künstlerin und Elisabeth Opperer gestalteten und am Ende des Schuljahres vor zahlreichen Gästen in einer Gedenkfeier eindrucksvoll präsentierten.
Monika Gilch beschreibt ihre Motivation für dieses Engagement mit den Worten: „Je mehr ich mich mit der Vergangenheit beschäftigte, umso wichtiger wurde für mich das Erinnern und das Nicht-Vergessen des Geschehenen, nicht um das Handeln von Personen aus der Vergangenheit zu verurteilen, sondern um daraus für die Zukunft zu lernen. Als Religionslehrerin sehe ich es als meine Aufgabe an, den Schülerinnen zu zeigen, dass jeder Mensch eine Würde hat, unabhängig vom Aussehen, von der Herkunft oder der Religion. Eine Würde, die auch nie entzogen werden oder verloren gehen kann. Ich möchte unsere Schülerinnen ermuntern, dass sie nicht blind irgendwelchen Parolen hinterherlaufen, sondern sich sorgfältig informieren und dann nach der Überzeugung ihres Gewissens handeln. Deshalb ist es mir so wichtig, auch immer wieder an die Vergangenheit zu erinnern – damit eine Zukunft in respektvollem und friedlichem Miteinander gelingen kann.“
Als Beispiel sollen hier zwei Zeichnungen vorgestellt werden, die sich auf Tagebuchaufzeichnungen Elisabeths Blocks beziehen.
Donnerstag, 11. März 1937: Die Abschlussprüfung Elisabeths
Nun war der große Tag da. Es war nämlich Aufnahmeprüfung für die Haustöchterschule, in die ich Ostern kommen sollte. Ungefähr um 8 Uhr ging’s los, es waren viele Mädls da. Zuerst machten wir einen Aufsatz, dann eine Rechtschrift und nach dieser war erst mal Pause, da konnten wir uns stärken und schwatzen. Während ich dann in den Nähkurs ging, hatten andere die Religionsprüfung. Später dann mußten wir noch drei ziemlich schwere Rechnungen machen und dann war die ganze Sache vorbei. Bis jetzt weiß ich noch nicht, ob ich die Prüfung bestanden habe. Hoffentlich! […]
März 1942: „Der Brief, der alles verändert“
Im März 1942 erhält die Mutter einen Brief von der Polizeibehörde, dass sie sich zusammen mit ihrem Sohn Arno umgehend nach München in das Sammellager Milbertshofen begeben müssen. Sie sollen nach Osten umgesiedelt werden. Sie dürfen nur die wichtigsten Habseligkeiten in einem Koffer mitnehmen. Kurz vor Ostern folgen der Vater und Elisabeth mit ihrer Schwester.
Die Geschichte der Elisabeth Block
Lisi Block wurde als Kind jüdischer Eltern am 12. Februar 1923 in Niedernburg (Gemeinde Prutdorf) bei Rosenheim geboren. Der Vater Fritz Block, von Beruf Diplom-Ingenieur, hatte als Flieger im Ersten Weltkrieg eine schwere Kriegsverletzung erlitten und konnte daher seinen Beruf nicht mehr ausüben. Die Mutter, die einer Hannoveraner Akademikerfamilie entstammte, betätigte sich künstlerisch und kunstgewerblich. Davon und von Landwirtschaft und Gartenbau lebte die Familie.
Seit ihrem achten Lebensjahr schrieb Lisi regelmäßig ein Tagebuch, das von Nachbarn aufbewahrt wurde und nach dem Krieg nach Israel bzw. England gelangt ist. Sie schildert darin ein harmonisches Familienleben, Ausflüge und Wanderungen, Schulfeste und bayerisches Brauchtum, Weihnachtsfeste mit Christbaum und Weihnachtsliedern - eine scheinbar ungestörte ländliche Familienidylle. Sie selbst zeigt sich als angepasstes, fröhliches Kind, das besonderen Sinn für Natur und Tiere hat, das viele gute Kontakte zu anderen Kindern unterhält und liebevoll auf ihre jüngeren Geschwister Gertrud und Arno eingeht.
Die politischen Vorgänge seit 1933 scheinen ihr von den Eltern verheimlicht worden zu sein. Im März 1934 berichtet sie begeistert von einer Schulfeier, die mit dem Horst-Wessel-Lied beschlossen wurde. Enthusiastisch schildert sie den Parteifilm von 1935, der in der Schule gezeigt wurde. Es war der Parteitag der Nürnberger Gesetze. Noch am 11. März 1938 konstatiert sie „freudige Aufregung", als Österreich dem Reich einverleibt wird. Nachdem bereits eine Reihe von Verwandten emigriert war, bemühte sich auch die Familie Block um ein Visum nach Argentinien. Der Kriegsausbruch 1939 jedoch ließ diese Pläne scheitern.
Unvermittelt steht am 19. November 1938 der folgende Satz im Tagebuch: „Ich und auch Trudi und Arno dürfen nicht mehr zur Schule gehen. Mit furchtbar schwerem Herzen trennte ich mich von meinen lieben Mitschülerinnen." Im gleichen Monat wird von der Ermordung eines Onkels in der „Reichspogromnacht" berichtet. Immer deutlicher tritt in den Notizen die bedrängte Lage zutage. Lisi schreibt, dass nun den Juden auch das Wandern in den Bergen verboten ist und wie sehr das Tragen des Davidsternes sie und vor allem ihren Vater belastet.
Bald darauf wird der Vater zur Zwangsarbeit im Eisenbahnbau verpflichtet, Lisi und ihre Schwestern müssen auf Bauernhöfen in der Umgebung arbeiten, wo sie allerdings gut behandelt werden und sich wohlfühlen. In seinen Briefen muntert der Vater Lisi auf und macht ihr Hoffnung auf eine bessere Zukunft. In den Tagebucheinträgen vom 19. und 20. Oktober 1941 wird hautnah spürbar, wie die Angst zum täglichen Begleiter geworden ist. Die Nachricht von der Deportation norddeutscher Verwandter erschüttert Lisi tief und lässt sie voll Zweifel in die Zukunft blicken. „Entsetzlich dieses Ungewisse, diese Angst um sein bisschen Leben und beinah kein Ausweg, grauenhaft; nur noch an Gott kann man sich klammern und immer wieder bitten und nicht verzagen. Es kann doch nicht ewig mehr dauern, diese Zeit."
Am 26. Oktober 1941 heißt es: „Nur wenn ich länger nicht heimkomme, werde ich unruhig und schlimme Gedanken und Ahnungen wollen sich meiner bemächtigen; denn wie leicht könnte es sein, dass ich ein leeres Haus anträfe und ich nur noch allein Übriggeblieben wäre! Es ist undenkbar grauenhaft und bedrückend. Man darf gar nicht an so etwas denken."
Im März 1942 wurden Frau Block und ihr Sohn Arno in das Sammellager München-Milbertshofen beordert, kurz vor Ostern folgten der Vater und die beiden Töchter. Über Berlin, wo die Koffer mit den wenigen Habseligkeiten abhanden kamen, wurde die Familie in das Lager Piaski verbracht. Zwei letzte Karten erreichten von dort die ehemalige Haushälterin der Familie, letzte traurige Zeugnisse von Menschen, denen ein verbrecherisches Regime und eine wahnwitzige Ideologie das Lebensrecht abgesprochen und sie wie über 9000 andere bayerische Juden ermordet haben. Lisi Block, die nur wenig über 19 Jahre alt geworden ist, hat mit ihrem Tagebuch ein Zeichen der Erinnerung gesetzt, das traurig macht und zugleich mahnt.
Dieser Text von Manfred Treml ist entnommen aus: Leicht, Walter; Miesbeck, Peter (Hg.): Rosenheim im Dritten Reich. Katalog zur Ausstellung im Heimatmuseum Rosenheim, 17. März – 5. November 1989. Rosenheim: Kulturamt der Stadt Rosenheim, 1989