Der Englischunterricht an bayerischen Grundschulen nach PISA – eine Analyse
Die „Flexibilisierung der Stundentafel“ nach PISA 2022 trifft vor allem den Englischunterricht. Den wollen manche verzichtbar finden, doch Wissenschaft und Grundschulpraxis zeigen etwas anderes, wie Dr. Christoph Vatter, Leiter der Fachgruppe Fremdsprachen im BLLV, klarstellt.
Nach den schlechten PISA-Ergebnissen 2023 überlegte man in der bayerischen Bildungspolitik reflexhaft, wie man denn nun Verbesserungen für Schülerinnen und Schüler erreichen könne und war unter anderem der Ansicht, dass es heilsbringend wäre, die Stundentafel an der Grundschule zu flexibilisieren und den Schulen so mehr Raum für die Kernfächer zu geben.
Der BLLV warnte schon damals vor diesem Schritt, denn er bedeutete unweigerlich eine Kürzung des Faches Englisch um eine Stunde oder aber eine Kürzung der Flexiblen Stunde bzw. der praktischen Fächer. Beides kann nicht im Sinne einer ganzheitlichen Bildung und einer verstärkten Förderung der Schülerinnen und Schüler sein.
Drei Viertel der Befragten melden Halbierung des Englischunterrichts
Ob die vermuteten Auswirkungen des Vorgehens wirklich so dramatisch waren, wie angenommen, haben wir versucht, durch eine Umfrage herausfinden, die ca. 2 Jahre nach den Änderungen um PISA nun durchgeführt wurde. Die Daten wurden zwischen Januar und Februar 2026 per Online-Fragebogen erhoben. Insgesamt fließen die Rückmeldungen von rund 320 GS-Schulleitungen in der Auswertung mit ein.
Die Auswertung zeigt deutlich, dass die Befürchtungen des BLLV eingetreten sind. 75% gaben an, dass nur noch eine Stunde Englischunterricht stattfindet – statt den 2 Wochenstunden Englisch vor der Flexibilisierung der Stundentafel – und dass im Zuge von PISA vor allem kreative Fächer und Projektzeiten zur Gewinnung einer weiteren Stunde zusammengefasst wurden.
Ganzheitliche Bildung gekürzt
Vor allem geht die Reform zu Lasten des Englischunterrichts. Sie trifft aber auch ganz wesentlich die kreativen Fächer, die für die Entwicklung der Kinder so wichtig sind. Es leiden daher nun also gleichsam die sprachliche und die kreative/praktische Bildung unserer Schülerinnen und Schüler. Letztere ist beispielweise entscheidend für die die ganzheitlich Problemlösekompetenz, ein starkes Selbstbewusstsein, für die Feinmotorik, die emotionale Intelligenz und nicht zuletzt für die Freude am Lernen in der Schule insgesamt.
So ist wohl eine doppelte Verschlechterung der Grundschulbildung durch diese Beschneidung zu konstatieren. Eine Verschlechterung, die im Zuge von PISA ja eigentlich niemand haben können will!
Mit nur einer Stunde funktioniert es kaum
Hinzu kommt, dass jede zweite befragte Schulleitung eine Abnahme der Unterrichtsqualität im Fach Englisch seit der Flexibilisierung der Stundentafel wahrnimmt. Dies wundert nicht, da man mit der Hälfte der Stunden Englischunterricht wohl auch kaum gleichbleibende oder gar mehr Qualität erwarten kann. Man kommt ja mit dem Auto mit einem halbvollen Tank auch nicht genauso weit wie mit vollem Tank – manchmal scheint Bildungspolitik eigentlich ganz einfach.
Explizit leiden nach Aussage der Befragten Lernpensum, Wortschatz und Lerntempo enorm. Das Hörverstehen, die Aussprache und das Selbstbewusstsein beim Umgang mit der Sprache zeigen keine / nur minimale Fortschritte bzw. stagnieren. Kein Wunder, dass O-Töne wie dieser die Stimmung an vielen Grundschulen prägen: „Im Jahr vorher haben wir es mit einer Stunde Englisch versucht – dann lieber gar kein Englisch!“
Wissenschaft und Praxis sind sich einig
Porsch et al 2023 fanden heraus, dass sich über die Hälfte der Eltern Englischunterricht bereits ab der ersten Klasse wünschen würden, denn es gilt berechtigterweise als Schlüssel zur Welt. Und genau dies lässt sich jeden Tag an Grundschulen beobachten: Schüler „können sich so erstmalig aktiv in den Unterricht einbringen. Kinder ohne Englisch-Kenntnisse fangen alle gleichermaßen von vorne an. Das hilft auch den Schwächeren für ihre Motivation. Die Freude an der Fremdsprache ist in diesem Alter riesig. Diese Chance, eine Sprache lernen zu wollen, darf man nicht ungenutzt lassen. An unserer Schule wird nun auch außerhalb des Klassenzimmers viel Englisch gesprochen.“ (O-Ton einer Schulleitung im Rahmen der Umfrage). Dazu kommt, dass Schüler mit Migrationshintergrund sich auch oftmals nur auf Englisch mit Gleichaltrigen unterhalten – in Ermangelung einer anderen Möglichkeit.
Diese und andere Vorteile sind ebenfalls seit Jahren wissenschaftlich fundiert bestätigt (EVENING Studie 2006, KESS 2007 / 2010, BIG-Studie etc.), wie zuletzt beispielsweise Prof. Dr. Summer im Rahmen eines Artikels für die Zeitschrift „Pädagogik“ 3/2026 zusammenfasst.
Wer es besser zu wissen meint als die Wissenschaft…
Wir bewegen uns daher, was die Vorteile des Englischunterrichts in der Grundschule anbelangt, auf wissenschaftlich seit Jahren sehr fundiertem Terrain. Das wird leider von Gegnern des Englischunterrichts in der Grundschule noch immer ignoriert und vehement abgestritten. So offenbart beispielsweise der Philologenverband, der eigentlich eine Bastion der Wissenschaftlichkeit sein müsste, eine sehr eingeschränkte Sicht des Status Quo und bezweifelt noch immer die Effektivität des Englischunterrichts an Grundschulen, was Vorsitzender Schwägerl zuletzt erneut Anfang 2026 im Rahmen einer Stellungnahme zum Ausdruck bringt:
„In einer Umfrage des bpv aus dem Jahr 2023 geben rund 80 Prozent der befragten Englisch-Lehrkräfte in der Unterstufe von Gymnasien an, dass die Lernzeit statt für Englisch in den ersten Schuljahren sinnvoller verwendet werden sollte. Als Gründe hierfür werden zum einen die unterschiedliche Tiefe der Vorkenntnisse genannt, mit denen die Kinder aus den Grundschulen kommen. Zum anderen ist der Fremdsprachenunterricht an den weiterführenden Schulen mit Grammatik und Vokabeln grundsätzlich anders aufgebaut. Das reine Sprachwissen aus der Grundschule über Vokabeln und Strukturen findet sich – zumindest am Gymnasium – höchstens in den ersten Wochen im Anfangsunterricht wieder; danach wird der Unterricht komplexer.“ (Pädagogik 3/2026).
Mangelt es da an pädagogischer Expertise?
Herr Schwägerl gibt den Knackpunkt hervorragend wieder, wenn er sagt, dass der Fremdsprachenunterricht am Gymnasium anders aufgebaut ist als an den Grundschulen. So schaffen es viele der Kolleginnen und Kollegen an den Gymnasien durch verschultes und wenig didaktisches Vorgehen scheinbar nicht, die Kinder da abzuholen, wo sie stehen.
Und nochmals, wir sprechen hier von mehreren evidenzbasierten Studien, die die Effektivität und Wirksamkeit des Englischunterrichts in der Grundschule ganz eindeutig nachweisen, teils bis in hohe Jahrgangsstufen hinein (Jaekel et al. 2022). Wo liegt dann wohl der Hase im Pfeffer?
Lernen beginnt dort, wo das Kind steht – nicht dort, wo wir es gerne hätten
Andersherum wird meiner Ansicht nach ein Schuh daraus: Die Gymnasien müssten sich an die Lernvoraussetzungen der Kinder anpassen und diese da abholen, wo sie stehen. Hand in Hand zum Erfolg statt immer nur wissenschaftlich breit belegte Erkenntnisse nicht wahrhaben zu wollen. Lernen beginnt schließlich dort, wo das Kind steht – nicht dort, wo wir es gerne hätten.
Übrigens sind die 80% der befragten Gymnasiallehrkräfte, die von Herrn Schwägerl und dem Philologenverband leider wieder einmal zitiert werden, keineswegs so bedeutend, wie die Umfrage des bpv vorgibt, handelt es sich doch hierbei nur um 300 Personen von ca. 24500 Gymnasiallehrern in Bayern. Das entspricht gerade einmal 1,22% und dürfte damit wohl nicht einmal im Ansatz statistisch repräsentativ sein.
Dabei ist doch frei nach Francis Bacon der Endzweck der Wissenschaft eigentlich die Wahrheit. Sollte man sich deshalb nicht auch an ihr orientieren?!
<< von Dr. Christoph Vatter, Leiter der Fachgruppe Fremdsprachen im BLLV