Mit dem Schuljahr 2024/25 starteten die ersten 100 Schulen in Bayern mit dem Startchancen-Programm. Im Schuljahr 2025/26 folgten weitere 480 staatliche Schulen. Ziel des Startchancen-Programms ist es, die Basiskompetenzen der Schülerinnen und Schüler in Deutsch und Mathematik zu stärken, die jungen Menschen bei ihrer sozial-emotionalen Entwicklung zu fördern und die Schul- und Unterrichtsentwicklung an den Startchancen-Schulen zu unterstützen.
Doch wie können Schulen diese Ziele angesichts knapper zeitlicher und personeller Ressourcen erreichen? Dieser Frage widmete sich eine Online-Veranstaltung der Abteilung Schul- und Bildungspolitik zum Startchancen-Programm mit dem Bildungsforscher Prof. Dr. Stephan Gerhard Huber.
Gezielte Unterstützung statt Gießkannen-Prinzip
Im Mittelpunkt standen praxisnahe Ansätze, wie Schulen ihre Entwicklung zielgerichtet gestalten und dabei die zusätzlichen Mittel sinnvoll einsetzen können. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann betonte, worauf es aus Sicht des BLLV ankommt: „Das Startchancen-Programm ist eine riesige Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit. Aber zusätzliches Geld allein macht noch keine bessere Schule. Entscheidend ist, dass die Ressourcen dort ankommen, wo sie am dringendsten gebraucht werden, und dass unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort die notwendige Unterstützung erhalten, damit sie wirklich etwas bewegen können.“
Huber, der seit vielen Jahren Schulen wissenschaftlich begleitet und an Vorläuferprojekten des Startchancen-Programms beteiligt war, machte deutlich, wie wichtig eine klare Strategie und Schwerpunktsetzungen für eine erfolgreiche Schulentwicklung seien. Schulen werden stetig mit neuen Anforderungen konfrontiert. Umso wichtiger sei es, Prioritäten zu setzen und Schulentwicklung an den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler auszurichten.
BIO-Strategie: Bewahren, Innovieren, Optimieren
Mit der BIO-Strategie stellte Huber einen Ansatz vor, der Schulen helfen kann, ihre Entwicklung zielgerichtet und ressourcenschonend zu gestalten. BIO steht dabei für Bewahren, Innovieren und Optimieren. Dahinter stehen drei grundlegende Fragen: Was läuft bereits gut und sollte bewahrt werden? Was lässt sich mit wenig Aufwand verbessern? Und wo braucht es tatsächlich neue Wege?
Dabei geht es zunächst darum, auf bereits Bestehendem aufzubauen. Denn auch Schulen in herausfordernden Situationen verfügen über erfolgreiche Konzepte, engagierte Teams und bewährte pädagogische Ansätze. Nicht alles müsse neu gedacht werden. Zur BIO-Strategie gehört aber auch, bisherige Routinen kritisch zu hinterfragen. Aufgaben und Maßnahmen, die viel Zeit beanspruchen, aber wenig bewirken, sollten demnach reduziert oder gegebenenfalls ganz eingestellt werden. So können Freiräume für neue Vorhaben entstehen.
Für Lehrkräfte und Schulleitungen bietet die BIO-Strategie damit einen Ansatz, Schulentwicklung nicht zwangsläufig mit zusätzlicher Arbeit zu verbinden. Vielmehr geht es darum, sich auf pädagogisch sinnvolle und unter den jeweiligen Bedingungen umsetzbare Veränderungen zu konzentrieren. Huber verwies auch auf sogenannte „Quick Wins“, also Maßnahmen, die mit vergleichsweise geringem Aufwand kurzfristig Verbesserungen ermöglichen.
Datengestützte Schulentwicklung
Ein weiterer Schwerpunkt war die datengestützte Schulentwicklung. Huber plädierte dafür, Daten nicht nur zu erheben, sondern konsequent für pädagogische Entscheidungen zu nutzen. Dabei sind mit „Daten“ keineswegs nur Lernstandserhebungen gemeint. Auch Erfahrungen aus dem Unterricht, Rückmeldungen aus dem Kollegium oder Gespräche mit Eltern und Schülerinnen und Schülern liefern wichtige Hinweise darauf, wo Entwicklungsbedarf besteht.
Entscheidend sei, aus diesen Erkenntnissen eine gemeinsame Strategie abzuleiten. Huber warnte davor, einzelne Projekte aneinanderzureihen, ohne ihre Wirkung auf ein übergeordnetes Ziel zu überprüfen. Stattdessen sollten Schulen in sogenannten Wirkungsketten denken: Welche Veränderungen möchte man erzielen? Welche Maßnahmen und auch Daten sind dafür notwendig? Und welche Unterstützung benötigen Lehrkräfte, Teams und Schulleitungen, damit diese Veränderungen gelingen?
Nicht die Anzahl der durchgeführten Maßnahmen ist entscheidend, sondern wie wirksam sie mit Blick auf das formulierte Ziel sind. Deshalb müsse regelmäßig überprüft werden, ob die gewählten Maßnahmen die gewünschte Wirkung zeigen oder ob nachgesteuert werden muss.
BLLV begleitet Startchancen-Schulen
Im Anschluss an den wissenschaftlichen Input tauschten sich die Teilnehmenden in Kleingruppen über ihre Erfahrungen aus. Im Mittelpunkt standen die eigene Schulentwicklungsstrategie, der Umgang mit Daten und die Frage, wie sich einzelne Maßnahmen zu einem stimmigen Gesamtkonzept verbinden lassen.
Mit dem Schulnetzwerk zum Startchancen-Programm bietet der BLLV den beteiligten Lehrkräften und Schulleitungen die Möglichkeit, sich über Erfahrungen und Herausforderungen bei der Umsetzung des Programms auszutauschen, voneinander zu lernen und Anregungen für die eigene schulische Praxis mitzunehmen.
Für Sabine Bösl, Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik im BLLV, ist es besonders wichtig, die Erfahrungen der Schulen aufzunehmen und in die schulpolitische Arbeit einfließen zu lassen. „Welche Erfahrungen gibt es aus der Praxis? Wo muss nachgesteuert werden?“, fragte sie die Teilnehmenden in der Veranstaltung und verwies auf die 20 Forderungen des BLLV zum Startchancen-Programm. Die Rückmeldungen der Lehrkräfte und Schulleitungen sollen auch in die Gespräche des BLLV mit politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern einfließen.
BLLV-Forderungen zum Startchancen-Programm
Der BLLV hat auf Basis intensiver Gespräche mit Startchancen-Schulen drei zentrale Handlungsfelder identifiziert, in denen weiterhin Anpassungsbedarf im Startchancen-Programm (SCP) besteht, um das Programm in Bayern wirksam weiterzuentwickeln und langfristig erfolgreich zu machen:
Entlasten statt überfordern
- Berichts- und Dokumentationspflichten so weit wie möglich reduzieren und bürokratische Verfahren entschlacken, insbesondere auch in der Startphase
- Praxisnahe Leitfäden und Beispiele als Orientierung sowie rechtssichere Musterpakete für wiederkehrende Vorgänge bereitstellen
- Veranstaltungen stärker auf inhaltliche Information und konkrete Unterstützung für Schulleitungen und Lehrkräfte ausrichten und den zeitlichen Aufwand möglichst geringhalten
- Bereitstellung einer professionellen Begleitung und organisatorischen Unterstützung für die Erhebungen, die die konzeptionelle Grundlage für die individuellen Zielsetzungen bilden
- Angebote für Projekt- und Prozessmanagement für Verantwortliche zur Verfügung stellen, um komplexe Entwicklungsprozesse professionell zu steuern
- Qualitative Fortbildungsprogramme etablieren, die gezielt unterstützen und nach Bedarf auch im Rahmen der Dienst- und Unterrichtszeit genutzt werden können
- Klare Zuständigkeiten und feste Ansprechpersonen bei den Sachaufwandsträgern benennen zur schnelleren Kommunikation und zügigen Abwicklung gezielter Vorhaben
Zeit und Personal für Umsetzung sichern
- Anrechnungsstunden für Schulleitungen verbindlich über die gesamte Projektlaufzeit zur strategischen Steuerung des SCP und qualifizierte Unterstützung bereitstellen
- Zeitliche Ressourcen für Lehrkräfte für die Unterrichtsentwicklung und Anrechnungsstunden für das Schulentwicklungsteam schaffen
- Anrechnungsstunden für Verwaltungsangestellte aufstocken und vereinheitlichen: Die Reduzierung von 10 Stunden in der ersten Runde auf 6 Stunden in der zweiten Runde ist nicht akzeptabel.
- Multiprofessionelle Teams auch nach Ablauf des Programms langfristig absichern
- Zukunftsperspektiven ermöglichen, um qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen und die Attraktivität der Stellen langfristig zu sichern
- Strukturen schaffen, die Schulen bei der langfristigen wirtschaftlichen Planung und nachhaltigen Finanzierung von Projekten begleiten
- Ausreichende Personalausstattung der Schulämter und Dienststellen zur wirksamen Unterstützung und Begleitung der Startchancen-Schulen sichern
Nachhaltigkeit und Systemwirkung sicherstellen
- Mittel des SCP als echtes Add-on für die betroffenen Schulen zur Verfügung stellen und keine Umschichtung bestehender kommunaler Mittel
- Finanzielle Unterstützung finanzschwacher Kommunen regional überdenken sowie Härtefallregelungen für Kommunen mit gravierenden baulichen Defiziten
- Übertragung von nicht aufgebrauchten finanziellen Mitteln einer Schule auf das nächste Jahr verbindlich ermöglichen, insbesondere für Schulen im Startjahr eine Fristverlängerung zumindest bis Ende des laufenden Haushaltsjahres
- Vernetzung der Startchancenschulen gezielt und mit qualitativ hochwertigem Input organisieren
- Programm als strukturelle Reform für Wandel verstehen, nicht als Pilotprojekt
- Systemische Entwicklung der bayerischen Bildungslandschaft umsetzen