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Kommentar zu den PISA-Ergebnissen von Sabine Bösl, Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik
Bildungsgerechtigkeit Bildungsqualität Individuelle Förderung Kompetenzorientierung Schulleitung Systemdebatte Gebundener Ganztag Heterogenität Lesen

Wieso gelingt es nicht, den Negativtrend umzukehren?

Die PISA-Ergebnisse zeigen historische Tiefstände im Lesen, in Mathematik und in Naturwissenschaften – ein klares Warnsignal an die Politik, meint Sabine Bösl. Sie betont: Es geht um mehr als die Verbesserung der PISA-Werte, Bildung muss priorisiert werden!

Die aktuellen PISA-Ergebnisse sind erneut ein Weckruf an die Politik. PISA 2025 zeigt, dass 15-Jährige heute etwa zwei Jahre hinter Gleichaltrigen vor zehn Jahren liegen. 

Wir Lehrkräfte und Schulleitungen sind täglich mit den Herausforderungen vor Ort konfrontiert und geben unser Bestes, um allen Schülerinnen und Schülern gerecht zu werden. Doch die Ergebnisse zeigen, dass dies unter den aktuellen Rahmenbedingungen nicht möglich ist. Historische Tiefstände im Lesen, in Mathematik und in Naturwissenschaften sind ein Warnsignal an die Politik, größere Anstrengungen zu unternehmen. 

Dabei sind die Handlungsfelder seit Jahren bekannt, ebenso die notwendigen Maßnahmen, um Bildungsungleichheiten abzubauen und Basiskompetenzen nachhaltig zu stärken. Doch wieso gelingt es nicht, den Negativtrend umzukehren?

PISA sendet ein klares Zeichen an die Politik

Politische Maßnahmen müssen sich an ihrer Wirkung messen lassen. Angesichts des nun erreichten Tiefstands muss die Frage erlaubt sein, ob diese Maßnahmen in Umfang, Verbindlichkeit und Geschwindigkeit tatsächlich ausgereicht haben. Es geht dabei nicht darum, bisherige Anstrengungen kleinzureden, sondern darum, aus den Ergebnissen die notwendigen Konsequenzen zu ziehen und dort nachzusteuern, wo die bisherigen Maßnahmen offensichtlich noch nicht die gewünschte Wirkung entfalten.

Die von der Kultusministerkonferenz im März 2026 angekündigte Roadmap ist deshalb ein wichtiger und richtiger Schritt. Zugleich stellt sich die Frage, warum ein solcher gemeinsamer und verbindlicher Handlungsrahmen erst jetzt auf den Weg gebracht wird. Die Herausforderungen sind keineswegs neu: Seit Jahren zeigen internationale Vergleichsstudien erhebliche Defizite bei Basiskompetenzen und Bildungsgerechtigkeit. Wenn auf die Analyse weiterhin nur zögerlich konkrete Konsequenzen folgen, besteht die Gefahr, dass wir bei der nächsten PISA-Erhebung erneut über dieselben Probleme sprechen und der alle paar Jahre wiederkehrende PISA-„Schock“ allmählich zur Gewohnheit wird.

„Bildungsland Bayern“? 

Unser Anspruch muss sein, dass sich die Bildungsqualität und die Bildungschancen für alle Kinder durch beste Rahmenbedingungen deutlich verbessern. Die Realität in den Schulen schaut anders aus. Warum werden in Bayern nicht mehr Gelingensbedingungen geschaffen? Es geht dabei um mehr als die Verbesserung der PISA-Werte. Es geht um Bildungsgerechtigkeit, um gesellschaftlichen Zusammenhalt, um die Zukunft unserer Kinder, unserer Wirtschaft und nicht zuletzt um die Stabilität unserer demokratischen Gesellschaft. Bundesbildungsministerin Karin Prien hat in diesem Zusammenhang einen zentralen Gedanken formuliert: Deutschland sei bereits seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland, habe aber erst in jüngerer Zeit begonnen, dieser gesellschaftlichen Realität auch politisch Rechnung zu tragen.

Denn Vergleichsländer wie Kanada zeigen, dass gute schulische Leistungen durchaus mit einer vielfältigen Gesellschaft vereinbar sind. Wie Deutschland verfügt auch Kanada über eine ausgeprägte föderale Struktur des Schulsystems und zeichnet sich zugleich durch eine kulturell sehr vielfältige Bevölkerung aus. Betrachtet man die Ergebnisse zur Bildungsungleichheit nach sozialer Herkunft genauer, ergibt sich ein bemerkenswertes Bild: Kanada erreicht überdurchschnittliche Kompetenzwerte bei gleichzeitig unterdurchschnittlichen sozialen Disparitäten. Während der sozioökonomische Status in Kanada lediglich 6 % der Unterschiede in den naturwissenschaftlichen Kompetenzen erklärt, sind es in Deutschland 19 %. Gleichzeitig liegt der durchschnittliche Kompetenzwert in Deutschland mehr als 20 Punkte unter dem Kanadas. Das entspricht in etwa dem Lernzuwachs von einem ganzen Schuljahr!

Geht man noch einen Schritt weiter und betrachtet die Ergebnisse des ifo-Instituts aus dem Jahr 2024 zur Bildungsungleichheit im Vergleich der deutschen Bundesländer, wird deutlich, dass insbesondere Bayern, als deutsches Schlusslicht, vor erheblichen Herausforderungen steht. 

Wie kann also von Bayern als „Bildungsland“ gesprochen werden, wenn hier die Bildungschancen weiterhin so ungerecht sind?

Was jetzt getan werden muss: Bildung priorisieren.

An dieser Stelle wäre der geeignete Zeitpunkt, konkrete Handlungsempfehlungen und Forderungen zu zentralen schulpolitischen Themen zu formulieren. Das haben wir als BLLV getan, immer und immer wieder. Wie wir bereits zu Beginn dieses Textes sowie in unseren bisherigen Stellungnahmen und Veröffentlichungen deutlich gemacht haben: Wir wissen welche Stellschrauben gedreht werden müssen, um die Bildungsqualität zu steigern, der Bildungsungerechtigkeit entgegen zu wirken und ein zukunftsfähiges, starkes Bildungssystem in Bayern zu ermöglichen. Wir wissen, welche Bedeutung frühkindliche Bildung, Basiskompetenzen, Sprachbildung, gute Ganztagsangebote, inklusive und individuelle Förderung, qualifiziertes und ausreichendes Personal und bessere finanzielle Rahmenbedingungen haben. Und auch die Politik weiß, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit Schulen ihrem Auftrag und den sich verändernden Herausforderungen gerecht werden können.

Nehmen wir die Ideen, Maßnahmen und Visionen der PISA-Spitzenreiter zum Vorbild und machen wir sie zu Leitlinien und zum roten Faden einer Bildungspolitik, die Bayern zu dem Bildungsland macht, das wir uns alle wünschen. Zu einem Bildungsland, in dem kein Kind zurückgelassen wird, in dem Bildungsungleichheit durch Bildungsgerechtigkeit ersetzt wird und in dem alle Kinder und Jugendlichen die Voraussetzungen für eine gute Zukunft und gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe erhalten.

Wir Lehrkräfte wollen gute Bildung und zwar für alle Schülerinnen und Schüler. Wir wollen Kinder und Jugendliche individuell fördern, begleiten und ihnen die bestmöglichen Bildungschancen eröffnen. Dafür braucht es Investitionen wie ein Sondervermögen Bildung, verbindliche Maßnahmen und vor allem den politischen Willen, Bildung tatsächlich zu stärken und stärker zur gesellschaftlichen Priorität zu machen. 

Nicht irgendwann, sondern jetzt.