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Kommentar von Sabine Bösl, Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik Startseite Topmeldung
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Ganztag ist eine Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit: Bei der Umsetzung hinkt Bayern noch hinterher!

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung beginnt für alle Erstklässler:innen und wird schrittweise ausgebaut. Für die Umsetzung fordern Sabine Bösl und der BLLV Unterstützung von der Politik. Denn es fehlt an Räumen, Personal und Planungssicherheit.

Das Ziel ist richtig und wichtig: Qualitativ hochwertiger Ganztag bietet die Chance, soziale Ungleichheiten abzubauen. Kinder erhalten zusätzliche Lern- und Förderangebote, Zeit für Bewegung, Kreativität und soziale Erfahrungen – unabhängig davon, welche Möglichkeiten ihnen zu Hause zur Verfügung stehen. Zudem sollen Familien entlastet werden. Gerade Alleinerziehende oder Familien, in denen beide Elternteile arbeiten, sind auf verlässliche Betreuungsangebote angewiesen. Für sie ist Ganztagsbetreuung kein Luxus, sondern Voraussetzung dafür, Beruf und Familie überhaupt miteinander vereinbaren zu können. 

Der Rechtsanspruch gilt – die Umsetzung hinkt hinterher

Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft derzeit noch eine erhebliche Lücke. Bereits 2021 hat der Bund den Rechtsanspruch beschlossen. Zu spät wurde ernsthaft mit der Umsetzung begonnen. Die Kommunen, die den Rechtsanspruch am Ende erfüllen müssen, stehen vielerorts unter Druck. Es fehlen teilweise geeignete Räume, es fehlt Planungssicherheit und vor allem fehlt ausreichend qualifiziertes Personal. Aktuell kann in einigen Kommunen die Betreuungszeit von acht Stunden pro Wochentag für alle Kinder der 1. Klasse noch nicht gewährleistet werden. Ab dem Schuljahr 2029/30 soll dieser Anspruch jedoch für alle Grundschulkinder gelten.

Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass bundesweit bis 2030 rund 100.000 pädagogische Fachkräfte benötigt werden, um den Rechtsanspruch qualitativ hochwertig umzusetzen (Quelle). Gleichzeitig kämpfen viele Einrichtungen bereits heute darum, ihre bestehenden Angebote aufrechtzuerhalten. Neue Plätze entstehen jedoch nicht allein durch gesetzliche Vorgaben. Sie entstehen dort, wo ausreichend Personal und klare Zuständigkeiten vorhanden sind sowie genügend finanzielle Mittel bereitgestellt werden.

Hinzu kommt, dass Bayern mit seinen unterschiedlichen Betreuungsformen – offenen und gebundenen Ganztagsschulen, Horten, Mittagsbetreuungen und weiteren Angeboten – über eine vielfältige, aber auch komplexe Struktur verfügt. Unterschiedliche Finanzierungsmodelle, Zuständigkeiten und Qualitätsstandards sorgen vielerorts für Unsicherheit. Gerade die Träger brauchen deshalb Unterstützung und verlässliche Ansagen. Zudem stellen die erlaubten nur 20 Schließtage im Jahr die Verantwortlichen vor große Herausforderungen. Wer den Rechtsanspruch beschließt, muss auch die Voraussetzungen schaffen, damit er erfüllt werden kann.

Ganztag ist Bildung, nicht bloße Aufbewahrung

Vor allem aber darf bei allen Diskussionen über Plätze, Gebäude und Finanzierung das Wesentliche nicht verloren gehen: Ganztag ist weit mehr als Betreuung bis zum Nachmittag. Ganztag darf niemals zur bloßen Aufbewahrung von Kindern werden. Ein guter Ganztag ist Bildungsort und Lebensraum zugleich. Er bietet Zeit zum Lernen, Spielen, Entdecken und zur individuellen Förderung. Er stärkt soziale Kompetenzen, fördert Talente und schafft Räume für Gemeinschaft. Dafür braucht es qualifizierte pädagogische Fachkräfte, ausreichend Zeit für Beziehungsarbeit und verlässliche Qualitätsstandards. Wer lediglich Betreuungszeiten verlängert, ohne in Qualität zu investieren, wird dem Anspruch des Ganztags nicht gerecht.

Jetzt die richtigen Prioritäten setzen!

Bayern braucht deshalb einen echten Kraftakt beim Ganztagsausbau: mehr finanzielle Unterstützung und klare Angaben für die Kommunen und Träger, deutlich mehr Investitionen in die Ausbildung und Gewinnung pädagogischer Fachkräfte sowie verlässliche Rahmenbedingungen für die sukzessive Umsetzung des Anspruchs für alle weiteren Jahrgangsstufen der Grundschule in den kommenden Jahren. 

Die Aussage von Bundesbildungsministerin Karin Prien, dass nicht überall am Anfang die gleiche Qualität im Ganztag erreicht werden kann, nehmen wir ernst. Gleichzeitig werden wir uns als Verband mit Nachdruck dafür einsetzen, dass die Qualität der Ganztagsbildung schnellstmöglich an allen Ganztagsstandorten auf das höchstmögliche Niveau angehoben wird und unterschiedliche Qualitätsstandards nur eine kurzfristige Übergangslösung bleiben.

Denn am Ende entscheidet nicht nur die Zahl neu geschaffener Plätze über den Erfolg des Ganztags, sondern vor allem die Qualität der Angebote.

Kinder brauchen mehr als einen Ort, an dem sie warten, bis ihre Eltern Feierabend haben. Sie brauchen Orte, an denen sie gefördert, begleitet und gestärkt werden. Genau daran muss sich der Ganztag der Zukunft messen lassen.