Wer glaubt, die Zeitschrift Jugendlust sei die BRAVO des 19. Jahrhunderts, der hat sich gewaltig getäuscht. Nein, es war eine Zeitschrift von Lehrern für Kinder – belehrend, etwas betulich, gleichzeitig aber auch informativ und unterhaltsam. Warum dieser für uns heute befremdliche Titel? Wie kam es dazu? Historisch ist dies nicht mehr zu rekonstruieren. Wir sind auf Vermutungen angewiesen. Gemeint war wohl die Lust junger Menschen auf Leben, auf Lernen, auf die Welt, die angesprochen werden sollte. Die schreibenden Lehrer wollten die Kinder des Volkes aus der Enge und Lethargie des Alltags holen, ihnen das aus ihrer Sicht Schöne, Wissenswerte und Wertvolle nahe bringen, ihren Blick weiten. Sie wollten sie neugierig machen auf die Welt jenseits des nächsten Weilers. Und sie wollten sie mit ihren eigenen kulturellen und historischen Wurzeln vertraut machen. Lust auf Anderes, auf Neues, auf Unbekanntes - natürlich gefiltert durch die Weltsicht der Lehrerautoren.
Eine Zeitschrift für die Kinder des Volkes
Der Vorsitzende des Bayerischen Volksschullehrervereins (BLV), Max Koppenstätter (1874 – 1989), stellte im Dezember 1875 an den Hauptausschuss des gerade einmal 14 Jahre alten Vereins den Antrag „es solle eine wöchentlich erscheinende Jugendschrift vom bayerischen Lehrervereine in’s Leben gerufen werden, welche die Aufgabe hat, Schule und Haus zu verbinden und auf die sittliche und intellectuelle Entwicklung der Jugend fördernd einzuwirken.“ Ganz offensichtlich herrschte im Führungsgremium des BLV Einigkeit in diesem Unterfangen, denn der Antrag wurde einstimmig beschlossen.
Mit dieser Initiative zeigte der Lehrerverein, dass er es ernst meinte mit seiner proklamierten Verantwortung für die Bildung der Kinder des „gemeinen“ Volkes. Es ging ihm darum, sie über die Schule hinaus zu fördern. Die Söhne und Töchter des Bürgertums und des Adels hatten genug Anregungen von Eltern, Verwandten und Bekannten, hatten Lesestoff und machten Ausflüge und Reisen. Anders die Kinder der Bauern, der Arbeiter und der Handwerker. In ihren Stuben gab es kaum Lesestoff, sieht man vom Katechismus, Gebet- und christlichen Gesangbüchern ab. In der Bayerischen Lehrerzeitung 1878 heißt es zum Zweck der Herausgabe einer Kinder- und Jugendzeitschrift: „… eine bestehende Lücke auszufüllen und auch den Kindern unter ganz bescheidenen Verhältnissen einen g u t e n und b i l l i g e n geistigen Genuß zu verschaffen. Das bezweckt unsere Jugendlust“. ( S. 292)
Mit der Schaffung einer Jugendzeitschrift sollten nach den Vorstellungen des Lehrervereins auch die Kinder und Jugendlichen des einfachen Volkes teilhaben an dem Wissen über die Welt. Für einen Lehrerverein ein mutiges, auch finanziell risikoreiches Unterfangen. Dank der Beharrlichkeit der Initiatoren und der Unterstützung der Lehrerschaft vor Ort gelang das Abenteuer. Am Ende des 19. Jahrhunderts erreichte die Jugendlust bereits eine Auflage von über 20.000 Exemplaren. Damit hatte sie nachhaltigen Einfluss auf Denken und Vorstellungen von Generationen von Schülern. Die höchsten Auflagenzahlen in ihrer Geschichte erreichte sie am Ende der 20er Jahre: „Noch eine kleine Anstrengung – und der hundertste Tausender wird voll“, heißt es in der Bayerischen Lehrerzeitung des Jahres 1919 (S. 554). Von unmessbarem Wert dabei war es, dass die Bewerbung und die Verteilung der Zeitschrift über die Lehrerschaft erfolgen konnten.