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Vor 150 Jahren aus der Taufe gehoben Startseite
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Die JUGENDLUST

Vor 150 Jahren gründete der Bayerische Lehrerverein eine Kinder- und Jugendzeitschrift zur "Erbauung" der Schüler und Schülerinnen der Volksschule. Mit einer Unterbrechung während der Zeit des Nationalsozialismus erschien sie zwischen 1876 und 2018 regelmäßig.

Wer glaubt, die Zeitschrift Jugendlust sei die BRAVO des 19. Jahrhunderts, der hat sich gewaltig getäuscht. Nein, es war eine Zeitschrift von Lehrern für Kinder – belehrend, etwas betulich, gleichzeitig aber auch informativ und unterhaltsam. Warum dieser für uns heute befremdliche Titel? Wie kam es dazu? Historisch ist dies nicht mehr zu rekonstruieren. Wir sind auf Vermutungen angewiesen. Gemeint war wohl die Lust junger Menschen auf Leben, auf Lernen, auf die Welt, die angesprochen werden sollte. Die schreibenden Lehrer wollten die Kinder des Volkes aus der Enge und Lethargie des Alltags holen, ihnen das aus ihrer Sicht Schöne, Wissenswerte und Wertvolle nahe bringen, ihren Blick weiten. Sie wollten sie neugierig machen auf die Welt jenseits des nächsten Weilers. Und sie wollten sie mit ihren eigenen kulturellen und historischen Wurzeln vertraut machen. Lust auf Anderes, auf Neues, auf Unbekanntes - natürlich gefiltert durch die Weltsicht der Lehrerautoren.

Eine Zeitschrift für die Kinder des Volkes

Der Vorsitzende des Bayerischen Volksschullehrervereins (BLV), Max Koppenstätter (1874 – 1989), stellte im Dezember 1875 an den Hauptausschuss des gerade einmal 14 Jahre alten Vereins den Antrag „es solle eine wöchentlich erscheinende Jugendschrift vom bayerischen Lehrervereine in’s Leben gerufen werden, welche die Aufgabe hat, Schule und Haus zu verbinden und auf die sittliche und intellectuelle Entwicklung der Jugend fördernd einzuwirken.“ Ganz offensichtlich herrschte im Führungsgremium des BLV Einigkeit in diesem Unterfangen, denn der Antrag wurde einstimmig beschlossen.

Mit dieser Initiative zeigte der Lehrerverein, dass er es ernst meinte mit seiner proklamierten Verantwortung für die Bildung der Kinder des „gemeinen“ Volkes. Es ging ihm darum, sie über die Schule hinaus zu fördern. Die Söhne und Töchter des Bürgertums und des Adels hatten genug Anregungen von Eltern, Verwandten und Bekannten, hatten Lesestoff und machten Ausflüge und Reisen. Anders die Kinder der Bauern, der Arbeiter und der Handwerker. In ihren Stuben gab es kaum Lesestoff, sieht man vom Katechismus, Gebet- und christlichen Gesangbüchern ab. In der Bayerischen Lehrerzeitung 1878 heißt es zum Zweck der Herausgabe einer Kinder- und Jugendzeitschrift: „… eine bestehende Lücke auszufüllen und auch den Kindern unter ganz bescheidenen Verhältnissen einen g u t e n und b i l l i g e n geistigen Genuß zu verschaffen. Das bezweckt unsere Jugendlust“. ( S. 292)

Mit der Schaffung einer Jugendzeitschrift sollten nach den Vorstellungen des Lehrervereins auch die Kinder und Jugendlichen des einfachen Volkes teilhaben an dem Wissen über die Welt. Für einen Lehrerverein ein mutiges, auch finanziell risikoreiches Unterfangen. Dank der Beharrlichkeit der Initiatoren und der Unterstützung der Lehrerschaft vor Ort gelang das Abenteuer. Am Ende des 19. Jahrhunderts erreichte die Jugendlust bereits eine Auflage von über 20.000 Exemplaren. Damit hatte sie nachhaltigen Einfluss auf Denken und Vorstellungen von Generationen von Schülern. Die höchsten Auflagenzahlen in ihrer Geschichte erreichte sie am Ende der 20er Jahre: „Noch eine kleine Anstrengung – und der hundertste Tausender wird voll“, heißt es in der Bayerischen Lehrerzeitung des Jahres 1919 (S. 554). Von unmessbarem Wert dabei war es, dass die Bewerbung und die Verteilung der Zeitschrift über die Lehrerschaft erfolgen konnten.

Die Jugendlust im Wandel der Zeit

Ein Kaleidoskop der Zeitgeschichte

Sowohl der Begründer Max Koppenstätter als auch der erste Schriftleiter, der Unterfranke Johannes Breuning, waren liberalen Geistes. Beide waren in der deutschen Revolution 1848 aktiv für eine Reform des Staates und eine aufgeklärte, von der Kirche unabhängige Volksschule eingetreten. Die darauf folgenden Sanktionen machten sie allerdings vorsichtiger. An der Idee einer aufgeklärten Gesellschaft und einer breiten Volksbildung jedoch hielten sie ein Leben lang fest. Der Sinn in einer Herausgabe einer Jugendzeitschrift zur Hebung der Volksbildung war konsequenterweise Teil ihres Selbstverständnisses als liberale Pädagogen.

Mit der Jugendlust öffnete sich für Zehntausende von Kindern und Jugendlichen über Generationen eine neue Welt jenseits ihres eher tristen Alltags. Erzählungen und Märchen, Geschichten aus anderen Ländern, Berichte aus der Tier- und Pflanzenwelt, Darstellungen historischer Ereignisse und Persönlichkeiten; Rätsel und Sinnsprüche - sie alle bereicherten auf spannende und unterhaltsame Weise ihre Phantasie und erweiterten ihr Wissen.

Wer heute die vielen Tausende Seiten dieser Zeitschrift durchblättert, begibt sich auf eine spannende 150-jährige kulturelle und pädagogische Zeitreise. Die Erzählungen und Berichte eröffnen den Blick in eine vergangene, untergegangene Zeit und gleichzeitig in eine heile Phantasiewelt, die die Erwachsenen den Kindern kommunizieren wollten bzw. die sie sich für ihre Kinder wünschten, eine Welt voller Ideale und Wunschträume. Die große Sehnsucht nach einer friedlichen, heilen Welt ist häufig Leitidee vor allem der zahlreichen oft sehr moralisierenden Erzählungen. Besonders spannend sind die in den einzelnen Ausgaben immer mehr Platz einnehmenden Illustrationen. Der Wandel der Motive und die Darstellungsweise zeigen wie in einem Brennglas die sich wandelnde Ästhetik der Volkskultur. 

Leider meinten spätere Schriftleiter, die Jugendlust auch politisch instrumentalisieren zu müssen. Während des ersten Weltkrieges glorifizierte die Jugendlust Nationalismus und Militarismus und hetzte gegen die Feinde Deutschlands. Während der NS-Zeit transportierte sie wichtige Teile der Ideologie des Nationalsozialismus wie männliches Heldentum, Verherrlichung des Soldatenlebens und Mutterkult. Überraschenderweise enthielt sie sich jedoch antisemitischer Ausfälle. 

Neuanfang und Ende 

1949 erschien die Jugendlust wegen eines Rechtsstreites mit dem früheren Verlag, in dem sie bis 1942 erschienen war, unter dem Titel Frohe Jugend. Doch die Tradition des alten Namens war zu stark, auch wenn das Wort Jugendlust zunehmend aus der Zeit gefallen war. 1954 kehrte man zum alten Titel Jugendlust zurück. Als in den 70er Jahren die Abonnentenzahlen drastisch einbrachen, stand der BLLV vor der Frage, ob man die Herausgabe der Zeitschrift beenden sollte. Es war ein junger Verleger namens Günther Brinek, der sich aber der Herausforderung stellte, die Zeitschrift wieder zu beleben. Brinek hatte die Chance erkannt, mit einer werbefreien und an den Lehrplänen orientierten Kinder- und Jugendzeitschrift und mit Hilfe der Lehrerschaft als Multiplikatoren, ein Revival zu schaffen. Mit zusätzlichen Informationen für die Eltern, den sog. Elternbriefen, wurde deren Bereitschaft, die Zeitschrift zu abonnieren, geweckt. Aus der Jugendlust wurde 1982 dann schließlich die Flohkiste bzw. der Floh. Die beiden jahrgangsspezifischen Ausgaben erklommen in kurzer Zeit wieder hohe Auflagenzahlen.

Als jedoch das Kultusministerium Mitte der 2010er-Jahre die Möglichkeit der Bewerbung durch die Lehrerschaft einschränkte und seine Empfehlung der Zeitschrift zurückzog, ging die lange, traditionsreiche Geschichte der Jugendlust nicht ohne Enttäuschung unter vielen Lehrkräften und Eltern zu Ende. Im Jahr 2018 stellte der Domino Verlag die Produktion der ältesten deutschen noch existierenden Kinder- und Jugendzeitschrift, dessen Herausgeber bis zum Schluss der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnverband war, ein.

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