Stark sein und gemeinsam wachsen
Zwischen Fluchterfahrung, Zeltabenteuer und dem inneren Schweinehund zeigen die drei neuen Buchtipps vom Forum Lesen, wie Kinder Ängste überwinden, Verantwortung übernehmen und gemeinsam stark werden.
Molly mittendrin - Eine Nacht im Zelt
von Sabine Lemire
- Illustrationen: Signe Kjaer
- Verlag: Klett Kinderbuch
- ISBN: 978-3-95470-321-0
- Preis: 14,00 Euro
- Seiten: 105
- Altersempfehlung: ab 6 Jahren
Eine Zeltübernachtung mit der ganzen Klasse im Wald – das ist eine aufregende Sache. Molly weiß nicht, ob sie sich das zutrauen kann, so ganz ohne ihre Eltern an ihrer Seite. Aber gemeinsam mit ihrer besten Freundin Lilly schafft sie es mit Bravour.
Eine sensibel und kindgerecht erzählte Alltags-Geschichte mit zauberhaften Illustrationen, die die Gefühlslage der Figuren wunderbar veranschaulicht, ob es nun beispielweise die Ängste der Protagonistin und der anderen Kinder sind, die liebevolle Zuwendung der Freundin oder überhaupt Freude und Liebe.
Inhalt
Als Klassenlehrer Hansen einen Ausflug mit einer Waldübernachtung im Zelt ankündigt, ist die Aufregung in der Klasse groß. Molly aber ist sich nicht sicher, ob sie überhaupt mitfahren möchte. Eine Übernachtung im Wald ohne Mama und Papa – das ist eine große Herausforderung, auch wenn ihre beste Freundin Lilly dafür sorgt, dass sie zusammen mit Bastian und Liam in einer Gruppe sind. In den schillerndsten Farben malt Molly sich aus, was da bei der Zeltübernachtung alles passieren kann.
Schließlich fährt Molly trotz aller Befürchtungen mit. Tagsüber ist es bei all den Aktivitäten ganz leicht, nicht an die bevorstehende Nacht zu denken. Doch als es dann ans Schlafen geht, kommt die Angst doch zurück. Zum Glück ist da Lilly, die genau weiß, was Molly braucht. Sie wirkt wie die beiden Jungs, mit denen sie sich das Zelt teilen, ganz gelassen. Als aber draußen vor dem Zelt seltsame Geräusche zu hören sind, ist es dann ausgerechnet Molly, die die Nerven behält und die anderen beruhigt.
Am Ende ist sie glücklich und stolz auf sich selbst, weil sie sich die Nacht im Zelt zugetraut hat, und stellt fest, dass sie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler nun nach dem gemeinsamen Ausflug viel besser kennengelernt hat.
Bewertung
Eine wunderschöne, sensibel erzählte Alltagsgeschichte mit einer sehr sympathischen Protagonistin. Sie eignet sich hervorragend zum Selbstlesen und Vorlesen. Was Molly erlebt und die zwiespältigen Gefühle, mit denen sie sich dabei herumschlägt, sind für Kinder, die die Geschichte lesen, sicherlich sehr gut nachvollziehbar oder sie haben sie sogar selbst schon einmal so oder ähnlich erlebt. Und dass es ganz normal ist, beim Übernachten im Wald Angst zu haben, zeigt sich spätestens, als Lilly und Bastian darüber nachdenken, ob sich vor dem Zelt in der Dunkelheit ein Monster oder ein Mörder zu schaffen macht. In all den schwierigen Situationen wird klar: gute Freund:innen und eine wollte Familie zu haben, macht auch die schwierigsten Herausforderungen einfacher.
Kongenial sind die zauberhaften Illustrationen, die die Geschichte zum Leben erwecken und insbesondere Mollys wechselnde Stimmungen wunderbar veranschaulichen. Wir freuen uns schon auf weitere Geschichten aus der „Molly-mittendrin-Reihe“.
Der beste Zufall der Welt
von Rafik Schami
- Verlag: Hanser
- Illustrationen: Annette Swoboda
- ISBN: 978-3-446-28016-8
- Preis: 15,00 Euro
- Seiten: 52
- Altersempfehlung: ab 7 Jahren
Durch einen Zufall lernt Emilia Samia kennen, die mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder aus Syrien nach Deutschland gekommen ist. Einige Zeit später stößt Kira aus der Ukraine zu den beiden. Kira und Samia haben beide durch den Krieg ihre Väter verloren. Das Trio beschließt, auf die Not von Kindern im Krieg aufmerksam zu machen.
Wie Emilia bekommen die kleinen Leserinnen und Leser durch diese altersgerecht erzählte Geschichte Einblicke in die grausamen Folgen von Krieg und die Situation von Geflüchteten. Durch ihr mutiges Handeln werden die drei Mädchen zum Vorbild für Erwachsene.
Inhalt
Im Supermarkt lernt Emilia durch einen Zufall die gleichaltrige Samia kennen, die mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder zwei Jahre zuvor aus Syrien geflohen ist. Ihr Vater ist in Aleppo gestorben. Während ihre Mutter in Syrien Lehrerin war, arbeitet sie nun in Deutschland als Putzfrau in einer Schule. Daher haben sie nur wenig Geld.
Die beiden Mädchen haben Spaß an denselben Dingen und freunden sich daher schnell an. Emilia erfährt durch Samia viel vom Leben in Syrien. Sie begreift insbesondere, dass sie selbst im Vergleich zu vielen anderen großes Glück im Leben hat, weil sie in Deutschland in gesicherten Verhältnissen aufwachsen darf, während es vielen anderen Kindern durch Kriege schlecht geht.
Einige Monate später kommt Kira aus der Ukraine neu in Emilias Klasse und es ist für Samia und Emilia selbstverständlich, dass sie sich nun zu dritt treffen. Das gemeinsame Schicksal, den Vater durch Krieg verloren zu haben, verbindet Samia und Kira. Die drei Mädchen beschließen, mit einer mutigen Plakataktion auf die Situation von Kindern im Krieg aufmerksam zu machen.
Bewertung
Kindgerecht vermittelt Rafik Schami mit dieser kleinen Geschichte, welch schlimme Auswirkungen Krieg auf die Menschen und besonders auf Kinder hat, die – wie in der vorliegenden Geschichte – einen oder sogar zwei Elternteile verlieren und in einem fremden Land neu anfangen müssen. Emilia ist eine liebenswerte Protagonistin, die sich durch die Not anderer ansprechen lässt und gerne helfen möchte. Ihr Verhalten zeigt, worauf es ankommt: Auf andere zuzugehen, sich für sie und ihr Leben zu interessieren und sie zu unterstützen. Und das Beispiel ihrer beherzten Mutter, die sich im richtigen Moment für das Anliegen der Kinder, aber auch für Samiras Mutter einsetzt, zeigt, welches Verhalten das richtige ist.
Die wunderbaren, oft ganzseitigen farbigen Illustrationen veranschaulichen wichtige Szenen der Handlung. Sie passen in ihrem zarten Stil ausgezeichnet zum Ton der Geschichte.
Schweinehundi: Schrecklich unwiderstehlich
von Juli Wind
- Illustrationen: Meike Töpperwien
- Verlag: Fischer Sauerländer
- ISBN: 978-3-7373-7437-8
- Preis: 13,90 Euro
- Seiten: 73
- Altersempfehlung: ab 7 Jahren
Eines Tages zieht bei Familie Bauer-Mattis „Schweinehundi“ ein, ein sprechender Tiermischling, der dafür sorgt, dass das Leben der vier Familienmitglieder mit einem Mal sehr entspannt abläuft. Regeln und Pflichten, die bisher unumstößlich waren, werden über den Haufen geworfen, für fröhliches Nichts-Tun hat Schweinehundi sehr verlässlich eine gute Ausrede. Ob das auf die Dauer gutgeht?
Eine witzige Geschichte mit köstlichen Illustrationen, die auf amüsante Weise den „inneren Schweinehund“, den wir redensartlich so oft überwinden müssen, lebendig werden und die Oberhand gewinnen lässt. Ein Spaß für Groß und Klein!
Inhalt
In Oskars und Nenehs Familie ist der Alltag streng geregelt. Für jede Woche erstellt ihre Mama eine Liste, in der genau verzeichnet ist, welche Pflichten jedes Familienmitglied hat. Dazu gehören auch diverse Termine, die eingehalten werden müssen, z.B. Oskars Klavierunterricht, sein Hockeytraining oder das sonntägliche Joggen der Eltern vor dem Frühstück.
Eines Dienstagmorgens aber sitzt bei Familie Bauer-Matis ein ungewöhnliches Tier auf der Fußmatte vor der Haustüre, eine Mischung aus einem abgemagerten Hund und einem sehr kleinen Schwein mit Ringelschwanz. Es stellt sich als „Schweinehundi“ vor und verlangt nach Schokostreuseln zum Frühstück. Die gibt es bei Familie Bauer-Matis grundsätzlich nur am Sonntag, aber schon ist die erste von vielen Regel-Ausnahmen, die noch folgen sollen, erreicht: Für Schweinehundi, Oskar und Neneh gibt es ein Frühstück mit Schokostreuseln. Von Schweinehundi dazu angestiftet, meldet ihre Mama dann „ausnahmsweise“ die beiden Kinder und sich wegen „Bauchschmerzen“ krank, damit sie alle zusammen mit Schweinehundi zum Minigolf gehen können.
In den folgenden Tagen zieht ein entspanntes Leben bei Familie Bauer-Matis ein, die sich nun ganz auf Schweinehundi verlässt. Er verhilft ihnen dazu, dass die Ausnahme zur Regel wird, ob es nun die fette Currywurst statt der Möhrensticks zum Mittagessen oder die Netflix-Serie anstatt des Hockeytrainings für Oskar ist.
Erst als Neneh fast zu spät zur Geburtstagsfeier in die Kita kommt und Oskar wegen häufigen Fehlens der Ausschluss vom Hockeytraining droht, wird den Kindern bewusst, dass wieder mehr Struktur in das Familienleben zurückkehren muss. Während sich die Bauer-Matis ans Aufräumen machen und ihre alten Aktivitäten wieder aufleben lassen, verzieht sich Schweinehundi schmollend zu den Nachbarn, um nun dort für ein „entspanntes“ Leben zu sorgen.
Bewertung
Wer kennt ihn nicht, den „inneren Schweinehund“, der, wenn wir ihn nicht überwinden, dafür sorgt, dass wir Ausreden finden, um den einfacheren und entspannteren Weg zu gehen, anstatt uns ein wenig zu disziplinieren und auch unangenehmere Dinge in Angriff zu nehmen. Und so wird dieses Bild, das wir landläufig für ein solches Verhalten verwenden, in Juli Winds Geschichte kurzerhand lebendig und die Folgen drastisch vor Augen geführt. Dass andererseits allerdings auch ein Zuviel an Regeln und Terminen durchaus nicht förderlich ist, lässt Juli Winds Geschichte vom „Schweinehundi“ erahnen. Kindgerecht, aber auch für den erwachsenen Lesenden in höchst amüsanter Weise wird vermittelt, dass beide Extreme ungesund sind.
Eine köstliche Geschichte für die ganze Familie, die den altbekannten inneren Schweinehund zum Leben erweckt und zeigt, dass es wirklich nicht leicht ist, diesem „schrecklich unwiderstehlichen“ Tier Widerstand zu leisten.
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