Bild: Besonders wohltuend für die ausgepowerte Seele ist es, Zeit in der Natur zu verbingen. Wie wär's mit Möwen- oder Wolkenbeobachtungen?! (Credit: Pixabay)
Bild: Besonders wohltuend für die ausgepowerte Seele ist es, Zeit in der Natur zu verbingen. Wie wär's mit Möwen- oder Wolkenbeobachtungen?! (Credit: Pixabay)
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"Das Nervensystem erholt sich im Müßiggang"

Raum für Ruhe, Kreativität oder Natur und Zeit ohne soziale Verpflichtung: Als Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie weiß Sven Steffes-Holländer, was Urlaub für Lehrkräfte erholsam macht. Besichtigungsmarathons gehören für ihn nicht dazu.

BLLV Akademie: Die Sommerferien stehen vor der Tür. Was raten Sie Lehrkräften, damit sie gut Abschalten können in den Ferien? 

Sven Steffes-Holländer: Eines vorweg: Erholung beginnt nicht am ersten Ferientag. Viele kennen wahrscheinlich am Anfang des Urlaubs die “Leisure Sickness”, also dass man erstmal krank wird, wenn man frei hat. Das hat damit zu tun, dass der Körper das Signal bekommen hat, dass er Entspannen kann und aus dem Anspannungsmodus, in dem der Körper funktionieren muss, rauskommt und erst einmal krank wird, weil er ja jetzt die Erlaubnis hat, nicht mehr funktionieren zu müssen.
Typisch ist auch, wenn der Körper in den ersten Tagen ein erhöhtes Schlafpensum einfordert, um in den Regenerationsmodus zu kommen. Das kann sich auch darin äußern, dass man in dieser Phase erst einmal gar keine Lust hat, etwas zu tun oder voranzubringen. Alles das sind Zeichen dafür, dass das Nervensystem auf dem Weg ist, aus dem Funktions- und in den Regenerationsmodus zu kommen.

Zur Person: Sven Steffes-Holländer

Sven Steffes-Holländer ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Als Ärztlicher Direktor der Heiligenfeld Kliniken und Chefarzt der Heiligenfeld Klinik Berlin verfügt er über langjährige klinische und leitende Erfahrung. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt in der Behandlung von Lehrkräften, insbesondere bei Burnout, Depressionen und stressassoziierten Erkrankungen. Dabei verbindet er fundierte psychosomatische Diagnostik mit praxisnahen therapeutischen Ansätzen. Mehr Infos auf seiner Website.

Welche Aktivitäten empfehlen Sie Lehrkräften ganz grundsätzlich, damit sie Energie schöpfen können? 

Wer das ganze Jahr mit Menschen arbeitet wie Lehrkräfte, der schöpft in der Regel Kraft aus Ruhe, Natur und Zeit ohne soziale Verpflichtung. Berufe wie die der Lehrkraft erfordern viel Selbstorganisation. Deshalb wirken kreative Tätigkeiten besonders erfrischend. Das muss aber nicht Aquarellmalerei sein! Ich meine das grundsätzlicher: Routinen verlassen, etwas Neues lernen, etwas zum ersten Mal erleben.
Oftmals tendieren gerade Lehrkräfte dazu, sich den Urlaub sehr voll zu packen, die Ferien also auch wieder zu einem Projekt zu machen. Ich rate deshalb von einem Besichtigungsmarathon, also unbedingt auch noch die Kirche und noch das Kloster anzugucken, ab. Der Grund: Das Nervensystem erholt sich im Müßiggang, in Zeiten, in denen nicht alles durchgeplant ist, also auf dem Balkon sitzen, etwas lesen, spazieren, Gartenarbeit oder Fahrradfahren. Mäandern, sich treiben lassen. Diese leichten Aktivitäten sind übrigens besser, als nur auf dem Sofa zu sitzen.
Natürlich geht es auch um eine grundsätzliche Frage, wie ich Urlaub bewerte und welchen Anspruch ich an mich habe. Es tut eine Haltung gut, in der im Urlaub nicht jeder Tag produktiv sein muss. Eine Haltung, in der ich Mitgefühl mit mir habe und eben nicht mein stärkster Gegner bin.

Was sind Energieräuber und Energiebringer in den Ferien?

Ich rate dazu, sich Gedanken zu machen, wie man mit seinem digitalen Nachrichtenverhalten umgehen will. Wie wirkt sich das auf mich aus, wenn ich immer Mails checke, wenn ich ständig online bin? Mein Rat: digitale Pausen einlegen. Eine komplette Abstinenz ist aufgrund der heutigen digitalen Verstrickung in alle Lebensbereiche eher unrealistisch. Aber auch Pausen machen einen deutlichen Unterschied und bringen Erholung.
Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach sozialer Einbindung. Beziehungen nähren uns. Deswegen tut der Kontakt mit uns lieben Menschen einfach grundsätzlich gut. Denn: Man wird sich am Lebensende nicht an erledigte Aufgaben erinnern, die man so toll gewuppt hat, aber an die gemeinsamen Urlaube, gemeinsame Erlebnisse. 


Präsenz-Seminar - 16.10.2026 (2026P/03)

Waldbaden

Besonders Lehrerinnen und Lehrer profitieren von dieser Auszeit in der Natur, da der Schulalltag häufig mit Stress, Lärm und einer hohen emotionalen Belastung verbunden ist. ... weiterlesen

Gibt es noch weitere Gründe neben dem Erholungseffekt, die dafürsprechen, raus aus dem Alltag zu kommen? 

In Phasen, in denen wir Abstand zu den täglichen To-Dos bekommen, erhalten wir neue Perspektiven auf unser Leben und wir können uns grundsätzliche Gedanken über unser Leben machen. Sind wir in unserer Partnerschaft glücklich? Bin ich das Elternteil für meine Kinder, das ich sein wollte? 

Sie sind ein ausgewiesener Spezialist für die psychische Gesundheit von Lehrkräften und geben Ihr Wissen als Referent weiter, unter anderem auch für Fortbildungen der BLLV-Akademie. Was sind die besonderen Belastungen der Lehrkräfte? 

Im psychosozialen Bereich vergleicht man Lehrkräfte mit Einsatzkräften, Ärzten oder Mitarbeitenden in der Jugendhilfe. Das heißt: Sie arbeiten permanent mit Menschen. Sie haben aber kein eigenes Büro oder Rückzugsraum, sind immer in hoher sozialer Interaktion. 
Von ihnen wird ein hohes Maß an Emotionsregulation gefordert, sehr hohe Aufmerksamkeit, schnelle Entscheidungen und dauerhaftes Multitasking. Hinzu kommt die unklare Grenze zwischen Arbeitsplatz und Privatem, die sogenannte Work-Life-Seperation. 
Was an Lehrkräften zehrt, ist außerdem die hohe emotionale Verantwortung: Sie nehmen die Sorgen und Belastungen ihrer Schülerinnen und Schüler häufig sehr intensiv wahr und tragen einen Teil dieser emotionalen Last mit. Man fühlt zum Beispiel mit, wenn eine Schülerin gerade Probleme zuhause hat. Als Lehrkraft ist man gleichzeitig permanenter Bewertung und sozialer Dauerbeobachtung von Kindern und Eltern ausgesetzt. Das sorgt für Erschöpfung. Lehrkräfte erleben zwar einerseits große Sinnhaftigkeit durch ihren Beruf, gleichzeitig kostet er sie aber auch viel Kraft. 

Zu Ihren weiteren Kompetenzen gehört auch die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation der psychischen Gesundheit derzeit ein? Was sind Herausforderungen? 

Kinder und Jugendliche wachsen in einer Zeit auf, die von vielen gleichzeitigen Krisen geprägt ist: Kriege, Klimawandel, gesellschaftliche Polarisierung und wirtschaftliche Unsicherheit. Das ist nicht die erste Generation, die so etwas erlebt. Aber die Umstände beim Aufwachsen sind andere als bei früheren Generationen. Alarmierend ist die Zahl der Jugendlichen, die von Einsamkeit betroffen sind – das war früher ein Phänomen der Über-80-Jährigen. Dabei wäre es sehr wichtig für sie, sich dazugehörig zu fühlen. 
Durch die sozialen Medien befinden sich viele Jugendliche in einem Zustand der ständigen Bewertung und fragen sich, ob sie gut genug sind. 
Depressionen, Angsterkrankungen und Essstörungen nehmen zu in diesem Alter. Das sind auch Nachwirkungen der Corona-Zeit. Hinzu kommt die Erfahrung, dass technologische Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz viele vertraute Vorstellungen von Ausbildung, Arbeit und beruflicher Zukunft im Vergleich zu Generationen vor ihnen verändern. Die gute Nachricht: Menschen tragen eine enorme Entwicklungs- und Anpassungsfähigkeit in sich. Die Resilienzforschung zeigt außerdem, dass wenige verlässliche Erwachsene in der Biographie eines Menschen viel bewirken können. Das können eben auch Lehrerinnen und Lehrer aus der Schule sein. Schule sollte immer auch ein Ort von Sicherheit und sozialer Beziehung sein, nicht nur von Wissensvermittlung. Deshalb gehört der Lehrerberuf für mich zu den wichtigsten Berufen unserer Gesellschaft.


Online-Seminar - Donnerstag, 01.10.2026 (2026D/26)

Jugendliche zwischen Leistungsdruck, KI und Sinnsuche

Jugendliche wachsen in einer Welt auf, die oft schneller ist als ihre eigene Entwicklung. Zwischen Leistungsdruck, digitaler Dauerpräsenz und der Suche nach Orientierung entstehen Spannungen, die sich im Schulalltag auf vielfältige Weise zeigen. Das Seminar unterstützt Lehrkräfte dabei, Verhalten besser zu verstehen und einzuordnen, ohne vorschnell zu pathologisieren oder Probleme zu bagatellisieren. ... weiterlesen