PISA-Schock ohne Lerneffekt
Knapp 25 Jahre nach der ersten PISA-Erhebung steht das deutsche Bildungssystem vor ähnlichen Problemen wie damals. Denn auch die neueste PISA-Studie belegt: Die Kompetenzen unserer Schülerinnen und Schüler in den Kompetenzbereichen Lesen und Mathematik erreichen den historischen Tiefstand. Getestet wurden rund 6.700 15-Jährige an Deutschlands Schulen aller Schularten der Sekundarstufe I, mit Schwerpunkt auf Naturwissenschaften.
Beim ersten „PISA-Schock“ 2001 war die Aufregung groß und das unerwartet schlechte Abschneiden der Schülerinnen und Schüler in Deutschland ein Aufruf zum Handeln. 2022 zeigten die Jugendlichen im Vergleich zu den Vorjahren deutlich geringere Kompetenzen in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen. 30 Prozent von ihnen erreichten damals in Mathematik nicht einmal die Kompetenzstufe II und scheiterten damit an den Mindeststandards. In den Naturwissenschaften waren es 23 Prozent, beim Lesen 26 Prozent, die die Mindeststandards verfehlten. In allen drei Bereichen hatten die Kompetenzen im Vergleich zur vorherigen Studie aus dem Jahr 2018 deutlich abgenommen. Und der Negativtrend schreibt sich fort.
Wie viele PISA-Studien braucht es denn noch, um zu verstehen, dass nachhaltige Bildungspolitik anders funktioniert?
Diagnose ist gut, Förderung ist besser
Dass wir im aktuellen System und mit den derzeitigen Ressourcen den Kindern nicht gerecht werden können und dass Bildungschancen in Deutschland nach wie vor stark von der sozialen Herkunft der Kinder abhängen, zeigen zahlreiche Untersuchungen. Das bestätigen auch die aktuelle PISA-Ergebnisse:
34 Prozent der 15-Jährigen erreichen die Mindeststandards im Kompetenzbereich Mathematik nicht (32 % beim Lesen, 27 % bei den Naturwissenschaften). Doch auch der Anteil der Spitzenleistungen geht zurück, d. h. die Leistungsrückgänge betreffen das gesamte Leistungsspektrum. Nicht weniger besorgniserregend ist, dass in Deutschland der sozioökonomische Hintergrund nach wie vor entscheidend ist für den Bildungserfolg – etwa drei Mal so stark wie beispielsweise in Kanada.
Doch wie wirksam sind in Bayern die Maßnahmen des Kultusministeriums als Reaktion auf den letzten „PISA-Schock“ 2023? Die „PISA-Offensive“ der bayerischen Staatsregierung von 2024, das Startchancenprogramm, der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung – ja, das sind alles wichtige und richtige Schritte. Aber der große Aufschwung bleibt aus. Da hilft uns auch das – eigentlich begrüßenswerte – Konzept der datengestützten Schulentwicklung nicht weiter. Denn natürlich sind evidenzbasierte Verbesserungen der richtige Weg, genau darum geht es auch bei PISA. Daten erheben, Daten reflektieren. Wer aber die Schulen auffordert, anhand von Daten Verbesserungen voranzutreiben, aber die Ressourcen dafür nicht bereitstellt, darf sich später nicht wundern, wenn es mit PISA wieder nicht klappt. Und wer aus PISA nicht die richtigen Maßnahmen ableitet, nutzt diese Datenevidenz selbst nicht effizient.
Der Lehrkräftemangel bestimmt den Alltag an den Schulen. Wenn immer weniger Lehrkräfte immer mehr leisten sollen, spiegelt sich das auch in den Kompetenzen der Schülerinnen und Schülern wider. Denn wenn Differenzierung und Förderung nicht stattfinden können – und zwar weder an der Grundschule noch an der Mittelschule oder in den Förderzentren, dann können die individuellen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler auch nicht wachsen.
BLLV fordert wirksame Maßnahmen und eine nachhaltige Bildungspolitik
Was Schulen und Schüler:innen brauchen, sind wissenschaftlich fundierte Maßnahmen sowie eine nachhaltige Bildungspolitik. Die PISA-Offensive und damit verbundenen Kürzungen von Fächern wie Werken, Englisch, Kunst und Musik an Grundschulen, um zusätzliche Mathematik- und Deutschstunden zu schaffen, ist vielleicht eine passende Antwort auf die schlechten PISA-Ergebnisse aus 2023. Aber langfristig geht es um mehr! Denn die Kinder und Jugendlichen brauchen auch diese anderen Fächer.
Wer immer nur kurzfristig auf schwierige Ergebnisse schaut, hat nicht verstanden, wie nachhaltige Bildungspolitik funktioniert. Analysen gibt es genügend, jetzt muss die Politik handeln. Der BLLV erwartet Taten – und das basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Bildung ist ein gemeinschaftlicher Auftrag
Wirksame ganzheitliche Bildung ist ein gesamtgesellschaftliches Ziel: Schulen dürfen mit dieser Aufgabe nicht alleingelassen werden. Bildung muss unbedingt als gemeinsame Verantwortung angenommen und in den Mittelpunkt gestellt werden. Nur mit einem breiten Konsens lässt sich echte Veränderung erreichen.