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Ungleiche Bildungschancen – „Jetzt muss man handeln!“

Eine neue Studie des ifo-Instituts zeigt: Bildungschancen hängen stark von der sozialen Herkunft und dem Geschlecht ab. BLLV-Präsidentin Fleischmann setzt den Fokus auf die frühkindliche Bildung und mehr individuelle Förderung, um Ungleichheiten auszugleichen.

Aus dem aktuellen Chancenmonitor des ifo-Instituts und der Stiftung „Ein Herz für Kinder” geht hervor, dass Bildungschancen in Deutschland weiterhin stark von der sozialen Herkunft beeinflusst werden. Ob ein Kind auf ein Gymnasium geht oder nicht, hängt demnach vor allem vom Bildungsstand der Eltern und dem Familieneinkommen ab. Kinder, deren Eltern beide ein Abitur-Abschluss und ein gemeinsames Haushaltseinkommen (Netto) von über 6.000 Euro und Migrationshintergrund haben und nicht alleinerziehend sind, gehen mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 80 Prozent aufs Gymnasium. Haben beide Elternteile kein Abitur, beide keinen Migrationshintergrund und ein Haushaltsnettoeinkommen unter 2.750 Euro liegt die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuches bei Kindern von nicht alleinerziehenden Eltern dagegen nur bei 16,9 Prozent.

Deutliche Unterschiede gibt es laut den Ergebnissen außerdem beim Geschlecht: Mädchen besuchen häufiger das Gymnasium als Jungen. Für Mädchen liegt die Wahrscheinlichkeit bei 43,5 Prozent, Jungen gehen mit einer Wahrscheinlichkeit von 36,9 Prozent aufs Gymnasium. Weniger Einfluss auf einen Gymnasialbesuch haben der Migrationshintergrund und der Alleinerziehenden-Status.

Neue Studie mit den gleichen Ergebnissen

Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV, ist nicht überrascht von den Ergebnissen und macht gegenüber BR24 deutlich: „Wieder mal eine neue Studie mit den gleichen Ergebnissen. Und das ist ziemlich peinlich. Und dann sagt man hier in Bayern, alles ist in Ordnung. Es ist eben nicht in Ordnung, weil diese Kinder hinten runterfallen. Wenn quasi 80 Prozent der Gymnasiasten aus wohlhabenden Akademikerfamilien kommen, dann stimmt doch da irgendwas nicht. Ist die Intelligenz hier nicht normal verteilt? Doch! Das heißt, wir brauchen andere Möglichkeiten für ‚schwache‘ Kinder, für Kinder aus bildungsfernen Familien, damit auch die gute Chancen haben.“

Sie sieht daher einen dringend notwendigen Handlungsbedarf im Bildungssystem: „Seit Jahren treiben wir jetzt dieses Thema der Bildungsungerechtigkeit vor uns her. Wir wissen das. Die Fakten stehen. Jetzt muss man handeln.“


BR24 vom 28. April 2026

Bildungschancen – So entscheidend ist das Elternhaus

Die Bildungschancen von Kindern in Deutschland hängen nach wie vor stark von ihrem familiären Hintergrund ab, zeigt der Chancenmonitor 2026. BLLV-Präsidentin Fleischmann betont im Interview: „Wir müssen eine Schwerpunktsetzung machen – mehr in die frühkindliche Bildung, mehr in die individuelle Förderung, mehr investieren in die Ausbildung!“ ... weiterlesen

Ungleiche Bildungschancen ausgleichen!

Um die unterschiedlichen Bildungschancen – sowohl den Bildungsstand und das Einkommen der Eltern als auch das Geschlecht betreffend – ausgleichen und auffangen zu können, braucht es gezielte Maßnahmen. Dazu zählen auf der einen Seite ganz grundlegende Verbesserungen: Simone Fleischmann fordert, man müsse „multiprofessionelle Teams einsetzen, die frühkindliche Bildung stärken und für die individuelle Förderung sorgen. Schon in der Grundschule, dann aber auch in den weiterführenden Schulen.“ Auch im Chancenmonitor werden ähnliche fundamentale Handlungsempfehlungen formuliert, so z. B. die Forderung nach einer späteren schulischen Aufteilung. Nimmt man die Frage nach gerechteren Bildungschancen ernst, dann muss auch darüber diskutiert werden. Ob das in der bayerischen Bildungspolitik ankommt, bleibt abzuwarten. 

Der Schlüssel zu Bildungsgerechtigkeit liegt auf der anderen Seite im individuellen Blick auf die Kinder. „Die Akademikerkinder brauchen etwas anderes als ein Kind aus einer bildungsfernen Familie. Jungs brauchen etwas anderes als Mädchen. Also jeder und jede braucht etwas anderes und das können wir nur parieren, wenn wir den Blick auf das einzelne Kind richten. Und das geht nur mit einer sehr individualisierten Förderung, mit einer Kleingruppenarbeit, mit zusätzlichem Personal“, erklärt Fleischmann.

Auch an die Politik stellen sie und der BLLV klare Forderungen. Man müsse eine Schwerpunktsetzung machen. Zwar wird in Bayern viel Geld für Bildung in die Hand genommen, aber statt in die Nachsorge, sollte vor allem in die frühkindliche Bildung und damit in das Fundament investiert werden. Dafür sind Geld, Personal und Zuwendung erforderlich – für genau die Kinder, die aus bildungsbenachteiligten Elternhäusern kommen.

Bessere Chancen für Jungen

Auf die Frage, wie die Benachteiligung von Jungen behoben werden kann, empfiehlt die BLLV-Präsidentin ebenfalls gezielte Unterstützung: „Wir brauchen mehr männliche Erzieher, auch in der frühkindlichen Bildung. Wir brauchen mehr Männer, auch in der Grundschule. Obwohl es nicht nur daran liegt, wer unterrichtet. Wir brauchen aber vor allem die Diskussion über Stereotype. Wir brauchen dann einen besonderen Ansatz für die Jungs. Wenn wir schon merken, dass die danach hinken, dann müssen wir ihnen helfen. Das geht auch wieder nur über die Förderung.“

Für die Studie wurden Daten von knapp 68.000 Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren aus dem Mikrozensus 2022 ausgewertet. Untersucht wurden der Bildungsstand der Eltern, das Haushaltseinkommen der Familie, der Migrationshintergrund und die Frage, ob ein Elternteil alleinerziehend ist.

>> Zum Chancenmonitor 2026 von ifo und „Ein Herz für Kinder”

>> Download: Zusammenfassung der Ergebnisse

Kommentar von Sabine Bösl, Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik

Geschlechterspezifische Disparitäten im Bildungssystem: Eine anhaltende Herausforderung für die Bildungsgerechtigkeit

Als Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik habe ich Bildungsgerechtigkeit zu einem zentralen Anliegen gemacht. Die vorliegende Studie unterstreicht eindrücklich, warum das notwendig ist: Die Befundlage ist seit Jahren eindeutig. Somit bleibt es dabei, was ich bereits in meinem Kommentar zu den Ergebnissen der Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe klar formuliert habe: 

„Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.“

Wie bereits von BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann betont wurde, ist es nicht hinnehmbar, dass wir weiterhin über dieselben Missstände sprechen wie vor Jahren. Die notwendigen Maßnahmen sind bekannt. Lehrkräfte leisten Enormes, um allen Schülerinnen und Schülern gerecht zu werden. Doch wenn die strukturellen Rahmenbedingungen nicht stimmen, das System überlastet und nicht konsequent auf individuelle Förderung ausgerichtet ist, geraten insbesondere diejenigen Kinder ins Hintertreffen, die auf Unterstützung besonders angewiesen sind. Hier müssen wir besser werden. Kein Kind darf uns verloren gehen. 

Die Studie wirft auch einen genaueren Blick auf die Jungen. Die Ergebnisse des Chancenmonitors zeigen, dass Jungen häufiger später eingeschult werden, öfter Schwierigkeiten im Lesen haben, weniger Gymnasialübertritte aufweisen und vermehrt von Aufmerksamkeitsproblemen betroffen sind. In der Folge wiederholen sie häufiger Klassen und verlassen die Schule öfter ohne Abschluss als Mädchen.

Daraus ergibt sich ein klarer Handlungsauftrag: Es braucht eine passgenauere Förderung, die sich an den individuellen Kompetenzen orientiert. Nicht jedes Kind muss ein Gymnasium besuchen, jedoch sollte die Entscheidung über den Bildungsweg eines jeden Kindes fair aufgrund individueller Kompetenzen und nicht aufgrund fehlender Förderung zustande kommen.

Ansätze für wirksame Fördermöglichkeiten wären vorhanden. Doch ihre Umsetzung scheitert allzu oft an fehlenden Ressourcen: Personalmangel vielerorts, kaum Mobile Reserven zur Vertretung, zu wenig MSD-Stunden, Förderlehrkräfte, die zum Stopfen von Löchern eingesetzt werden, fehlende Differenzierungsstunden. Solche Faktoren lassen kaum Raum für die notwendige individuelle Förderung. Diese muss möglichst früh beginnen. In der frühkindlichen Bildung werden die ersten Weichen für die Zukunft gestellt und in der Grundschule die Grundlagen gelegt. Was hier versäumt wird, ist kaum oder nur sehr schwer aufzuholen. Dafür lohnt sich jede Investition. 

Wenn Bildungsgerechtigkeit mehr sein soll als ein politisches Schlagwort, braucht es verbindliche Prioritäten, ausreichende Ressourcen und den politischen Willen zur Umsetzung.


Pressemitteilung des BLLV-Dachverbands VBE

Chancenmonitor bestätigt Chancen Gap

„Die Ergebnisse machen deutlich, dass Bildungserfolg in Deutschland noch immer zu stark von der Herkunft abhängt und beständiges politisches Handeln dringend notwendig ist“, bewertet Tomi Neckov, Bundesvorsitzender des VBE und 2. Vizepräsident im BLLV, die Ergebnisse des Chancenmonitors vom ifo-Institut ... weiterlesen

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Weiterführende Informationen

Ausführlicher Bericht im Bayerischen Rundfunk vom 28.04.2026

So entscheidend ist das Elternhaus – Zu den Ergebnissen des Chancenmonitors 2026

Vor allem Bildung und Einkommen der Eltern entscheiden über die Schullaufbahn der Kinder. Weniger ins Gewicht fällt dagegen ein Migrationshintergrund. Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut und Mitautor des "Chancenmonitors 2026" wünscht sich mehr konkrete Initiativen vom Bund. ... weiterlesen