Für eine Bilanz des abgelaufenen Schuljahres und einen Ausblick auf das kommende spricht der niederbayerische Sender Maximalradio mit BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Die große Neuerung 2026/2027 ist natürlich der gesetzliche bundesweite Ganztagsanspruch für die erste Klasse Grundschule.
„Wir sind bei der Ganztagsbeschulung im internationalen Vergleich in Deutschland historisch ziemlich hinterher, da ist einiges aufzuholen“, analysiert die BLLV-Präsidentin und warnt: „Dadurch haben wir Riesenherausforderungen, wenn jetzt im September der Ganztagsanspruch ab der ersten Klasse Grundschule kommt. Allein in Bayern gehen wir dann bis 2030 von 94.000 bis 136.000 zusätzlichen Plätzen für Grundschulkinder aus, das würde einen nötigen Personalzuwachs von sechs- bis zehntausend Fachkräften bedeuten. No way! Woher sollen die denn kommen?“
Individuelle Förderung statt Aufbewahrung
Doch abseits der Personalmangels besteht aus Sicht der BLLV auch die Gefahr, dass der Ganztag nicht als die große pädagogische Chance genutzt wird, die er durch Rhythmisierung des Lernens und individuelle Gestaltung bietet, sondern zur reinen Antwort auf die Frage nach Betreuung reduziert wird. „Wir könnten Kinder fördern, wir könnten sie individuell in Kleingruppen betreuen, man könnte auch mal Dinge machen, die echt Spaß machen in der Schule, vielleicht mal einen individuellen Kurs, wo ich zeigen kann, was ich eigentlich kann – das wäre die Schule der Zukunft, dafür brennen wir“, sagte Simone Fleischmann dazu kürzlich im Morgenmagazin des ZDF und warnte zugleich: „Leider sprechen viele von Betreuung und nicht von Bildung. Noch schlimmer wird es, wenn wir gar kein qualitativ hochwertiges Personal haben und dann in die reine ‘Aufbewahrung’ von Kindern gehen, weil dann hat das nichts mehr mit Bildung zu tun.“
Auch das Thema Künstliche Intelligenz trieb Lehrkräfte im abgelaufenen Schuljahr um – allerdings leider nicht primär als pädagogisches Tool, um Chancen für mehr individuelle Förderung, Motivation und Bildungsgerechtigkeit zu nutzen, sondern weil Schüler:innen einigen Einfallsreichtum in Sachen Unterschleif zeigten und das Kultusministerium zwar jede Menge Empfehlungen zum Umgang damit abgab, diese aber in der Praxis kaum umsetzbar waren, wie der BLLV in einem offenen Brief kritisierte.
Künstliche Intelligenz erfordert intelligente Prüfungsformate
„Das führte dann dazu, dass manche Abiturprüfung eineinhalb Stunden früher begonnen hat, weil wir erstmal alle Stifte abgenommen haben, die Kinder gecheckt und alles durchsucht haben, damit nicht irgendwo ein kleines KI-Dings im Ohr, in der Brille oder im Knopfloch versteckt ist“, berichtet die BLLV-Präsidentin und stellt klar: „Das Vorgehen ist nicht mehr machbar, wir können nicht alles komplett checken – schon gar nicht weil wir auch noch Hitze hatten ohne Ende, als das Abitur geschrieben werden musste.“
Aus Sicht des BLLV zeigt sich hier aber eine grundlegende Problematik der traditionellen Leitungserhebung, die stark auf Reproduktion ausgerichtet ist statt, wie pädagogisch eigentlich angezeigt, auf den Nachweis von Verständnisprozessen und nachhaltigem Erkenntnisgewinn. „Wir sind in Bayern eben auch hinterher darin, wie wir das Lernen bewerten“, kritisiert Präsidentin Fleischmann. Wir brauchen dringend eine ganzheitliche Leistungsbewertung und neue Methoden des Feedbacks.“
Psychische Störungen nehmen zu
Zwar hat Kultusministerin Stolz erstmals neue Prüfungsformate ermöglicht, doch die sind optional und punktuell und bringen noch nicht die nötige Entwicklung zu einer Feedbackkultur, die sich insgesamt primär am Verständnis von Lerninhalten ausrichtet.
Besorgniserregend ist zudem, dass es immer mehr Kindern und Jugendlichen psychisch immer schlechter geht. Um dem entgegenzuwirken braucht es dringend professionelle Unterstützung, stellt BLLV-Präsidentin Fleischmann klar: „Die letzte Umfrage der Robert Bosch Stiftung zeigt, dass ein Viertel der Schülerinnen zwischen 8 und 17 Jahren psychische Störungen haben. Das ist ein Alarmsignal! Das können wir mit Lehrkräftemangel und einer Person für 27 Schüler:innen einfach nicht mehr leisten.“ Zudem diese Belastung die Lage oft weiter verschlimmert, wie Fleischmann berichtet: „Insbesondere ältere Kolleginnen und Kollegen, die merken, sie stehen das nicht mehr, gehen dann in die Dienstunfähigkeit.“
Es braucht dringend mehr top qualifizierten Nachwuchs
Umso ärgerlicher ist die Tatsache, dass die Vorschläge, die der BLLV in die Expertenkommission zur Lehrkräftebildung eingebracht hat, trotz entsprechender Zusagen der Staatsregierung immer noch nicht in ein Gesamtkonzept überführt wurden. Hier heißt es auf das nächste Schuljahr warten.
Die Erwartungen dabei sind gezwungenermaßen hoch, betont Simone Fleischmann: „Wir müssen alles daransetzen, dass der Beruf attraktiv wird, dass man erkennt: Welche Herausforderungen sind neu und wie bringen wir die in die Lehrerbildung? Damit junge Menschen sagen: ‘Hey, ich mach das!‘“
Bildung in Bayern
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Immer mehr immer komplexere Aufgaben mit immer weniger Personal? No way!
Zwischen Ganztagsanspruch, Hitzewellen, Herausforderungen durch KI, immer mehr psychischen Störungen bei Kindern und gleichzeitigem Lehrkräftemangel mit Einstellungsstopp laufen Lehrkräfte Gefahr, sich aufzureiben, warnt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann.