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Besuchen wirklich immer mehr Kinder das Gymnasium?

In Bayern wechseln seit Jahren ähnlich viele Kinder nach der Grundschule aufs Gymnasium. Doch regionale Unterschiede bleiben groß. Herkunft, Wohnort und sozialer Hintergrund der Familie sind beim Übertritt oft entscheidend.

Am Montag, 4. Mai erhalten die Viertklässler:innen in Bayern ihre Übertrittszeugnisse. Diese haben im Freistaat traditionell eine große Bedeutung, da die Noten darüber entscheiden, ob die Kinder eine Realschul- oder Gymnasialempfehlung bekommen.

Übertrittsquoten in Bayern über die Jahre konstant

In einem aktuellen Beitrag untersucht der BR, ob tatsächlich, wie oft behauptet wird, immer mehr Kinder das Gymnasium besuchen. Berücksichtigt wurden die Daten zwischen den Jahren 2002 und 2023. Die Autor:innen kommen zu dem Ergebnis, dass es über die Zeit hinweg keine nennenswerten Veränderungen gab. Im Schnitt wechseln in jedem Jahrgang rund 40 Prozent aller Kinder, die die Grundschule verlassen, auf das Gymnasium. Über 55 Prozent erhalten eine Gymnasialempfehlung.

Eine Ausnahme gab es: während der Corona-Zeit gab es einen leichten Anstieg der Übertrittsquoten auf das Gymnasium. Sabine Bösl, Schulleiterin einer Grundschule und Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik im BLLV, erklärt das damit, dass Noten nicht immer objektiv seien und Lehrkräfte sich an die jeweiligen Herausforderungen anpassen: "Da gab es einfach andere Bedingungen. Und auch wir haben als Lehrkräfte manches [...] großzügiger gehandhabt."

Starke regionale Unterschiede

Unterschiede bei der Verteilung auf die unterschiedlichen Schularten gibt es hingegen in regionaler Hinsicht. Während 2025 in Oberbayern ungefähr 45 Prozent der Kinder auf das Gymnasium wechselten, waren es in der Oberpfalz und in Schwaben nur rund 35 Prozent.

Auch zwischen Stadt und Land gibt es Unterschiede. In ländlichen Regionen gibt es mehr Kinder, die trotz einer Gymnasialempfehlung die Realschule besuchen. Die Gründe sind vielfältig. Bildungsexpertin Bösl vom BLLV sagt dazu: "Oft meint man, der Migrationshintergrund spiele eine Rolle, aber ich erlebe an meiner Schule viele Eltern mit Migrationshintergrund, denen die Bildung ihrer Kinder einfach sehr wichtig ist." Bei der Frage, welche Schule das Kind nach der 4. Klasse besucht, sei der sozioökonomische Hintergrund der Familie entscheidender. 

Bildungsexperte Marcel Helbig nennt weitere Gründe, die zu dieser Entscheidung führen können: Realschulen in ländlichen Regionen haben oftmals ein besseres Image, außerdem hätten der Bildungshintergrund der Eltern, die Erreichbarkeit der Schulen und die Infrastruktur vor Ort Einfluss. In den Städten würden die meisten Kinder mit Gymnasialempfehlung diese Schulform auch besuchen.

Verbindliche Schulempfehlung vs. freie Schulwahl

Bei der Frage, wie der Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule geregelt ist, gibt es in Deutschland große Unterschiede. Im Gegensatz zu Bayern gibt es in vielen Bundesländern unverbindliche Schulempfehlungen, bei denen Eltern ein Mitspracherecht oder sogar uneingeschränkt das letzte Wort haben. Das oft sogenannte „Grundschulabitur“, welches in Bayern für starre Notenvorgaben sorgt, ist umstritten.

Schulleiterin Bösl beobachtet, dass das strenge Auswahlverfahren in Bayern einen enormen Druck auf Kinder und Eltern erzeugt: "Es gibt viele Kinder, die leiden sehr und wir stellen immer mehr fest, dass es auch um psychische Gesundheit geht – dass es zu Ängsten kommt, dass die Kinder weinen, wenn sie eine schriftliche Leistungserhebung zurückbekommen mit einer Note drei."

Bildungsgerechtigkeit wichtiges Ziel

Eine kürzlich veröffentliche Studie des ifo-Instituts bestätigt, dass Bildungschancen stark von der sozialen Herkunft abhängig sind. Ob ein Kind das Gymnasium besucht oder nicht, hängt maßgeblich von der Höhe des Familieneinkommens ab sowie von der Frage, ob die Eltern Abitur haben. Um diese Unterschiede auszugleichen, plädiert der BLLV schon lange für mehr individuelle Förderung im Klassenzimmer. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann sagt dazu: „Akademikerkinder brauchen etwas anderes als ein Kind aus einer bildungsfernen Familie. […] Jeder und jede braucht etwas anderes und das können wir nur parieren, wenn wir den Blick auf das einzelne Kind richten.“

Individualisierte Förderung und die Arbeit in kleinen Gruppen sieht sie hierfür als Schlüssel. Dafür bräuchte es allerdings mehr Personal an den Schulen.