Das Modulsystem im Detail
Roland Kirschner, Gymnasiallehrer, Schulpsychologe und Leiter der Fachgruppe Gymnasium im BLLV stellt das Modulsystem vor Ort im Detail vor und betont die positiven Aspekte für die verschiedensten Kinder und Ausgangslagen – schließlich geht es nicht nur darum, bestimmte Schwächen bei Schülerinnen und Schülern zu kompensieren. Es geht genauso um hochbegabte Musiker:innen und Sportler:innen unter den Kindern, die der Schule öfter fernbleiben müssen, oder um kranke Kinder, die Unterricht versäumt haben: „Mit unserem Modulsystem haben wir ein System entwickelt, das kein starres Korsett ist, sondern das sich zielgenau den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler anpasst.“ Und er bringt konkrete Beispiele: „Stellen wir uns einen Schüler vor, der beispielsweise im Sportverein sehr aktiv ist, er hat vier oder fünf Mal in der Woche Training, am Wochenende Wettkämpfe. Da stellt sich dann irgendwann mal die Frage: ‘Wie schaut es mit der Doppelbelastung aus?‘ Und einige von diesen Schülern müssen sich dann irgendwann entscheiden: Sportverein oder Gymnasium? Und mit unserem System hätten diese Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, die Zeit zu dehnen, Freiräume zu schaffen, die sie dann nutzen können für Engagement im Sportverein.“
Schule für die Kinder und Jugendlichen – nicht für das System
Dr. Matthias Schickel, Schulleiter des Katharinen-Gymnasiums Ingolstadt, kennt das System lange genug, um zu wissen was nicht funktioniert: „Wir haben eine unglaubliche Spreizung an unterschiedlichen Kindern, auch an den Gymnasien. Und genau diesen Kindern müssen wir Rechnung tragen. Und momentan werden wir ihnen eben nicht gerecht mit dieser ‘Rasenmäher-Pädagogik‘, wie wir sie seit 200 Jahren an den bayerischen und deutschen Schulen haben. Ich habe dazu vor vielen Jahren schon einen guten Vergleich gehört: Schule ist ein System, wo 30 Hochleistungssportler zusammen mit behinderten und ganz durchschnittlichen Menschen nachts durch einen Wald geführt werden sollen, auf vier verschiedenen Wegen, aber zum gleichen Zeitpunkt am gleichen Ort ankommen müssen. Und ich glaube, genau das trifft den Kern unseres Problems. Und deswegen finde ich diese modularisierte Form eines Gymnasiums in der Mittelstufe so unheimlich wichtig.“
Lehrerinnen und Lehrer als Coaches
Mustafa Çakmak, Student Lehramt Gymnasium, betrachtet die Fragen und Herausforderungen vonseiten der Lehramtsausbildung: „Natürlich weiß ich genau, wie wichtig das Fachwissen ist. Schließlich habe ich mich für das Lehramt Gymnasium entschieden, weil ich meine beiden Fächer mit Leidenschaft vermitteln will. Aber ich weiß auch genau: Lehrkräfte sind nicht nur reine Wissensvermittler, sondern auch Lernbegleiter. Wichtig ist, dass wir unsere Rolle kennen und dass wir Schülerinnen und Schüler auf einem individuellen Lernweg begleiten und nicht nur stur Fachwissen beibringen. Ich finde, dass wir hierfür auch am Gymnasium neue Wege wagen sollten und dazu gehört auch, dass unsere heterogene, plurale Gesellschaft ein fester Bestandteil im Studium sein sollte.“
Zwischen Lehrkräftemangel und Bildungsanspruch
Zum Abschluss der Pressekonferenz betonte die BLLV-Präsidentin, wie wichtig es ist, auch die Studierenden in diese neue Welt mitzunehmen und sie darauf vorzubereiten. Denn der Lehrkräftemangel trifft das Gymnasium mit voller Wucht. 24 Prozent weniger Studierende seit 2015 und 7 Prozent Studienabbrecher sprechen für sich. Darauf braucht es ebenso Antworten wie auf die Bilanz der Gymnasien bei der Bildungsgerechtigkeit: „Am Ende der Schulzeit hat nur etwa 1/3 der Jugendlichen aus niedrigen sozialen Schichten eine Studienberechtigung erzielt gegenüber mehr als 3/4 aus hohen sozialen Schichten“, so Fleischmann.
Schlussendlich würde es jedem Einzelnen, aber vor allem der gesamten Gesellschaft zugutekommen, wenn das „meritokratische Leistungsprinzip“ wieder an Gewicht gewinnen würde, nach dem soziale Positionen und Erfolg primär auf individueller Leistung, Talent und Anstrengung basieren, nicht auf Herkunft.
>> Weitere Informationen zu den Positionen des BLLV finden Sie auch in unserer neuen BLLV-Broschüre „Frischer Wind am Gymnasium“