v.l.n.r.: Robert Schwarzenböck, Teamleiter Kommunikation beim BLLV; Mustafa Çakmak, Student Lehramt Gymnasium; Dr. Fritz Schäffer, BLLV-Experte und Seminarlehrer für Geschichte am Christoph-Scheiner-Gymnasium in Ingolstadt; Tamara Thum, Gymnasiallehrerin und stv. Leiterin der Fachgruppe Gymnasium im BLLV und Mitglied im BLLV-Landesvorstand; Roland Kirschner, Gymnasiallehrer, Schulpsychologe und Leiter der Fachgruppe Gymnasium im BLLV; Dr. Matthias Schickel, Schulleiter des Katharinen-Gymnasiums Ingolstadt und Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV
v.l.n.r.: Robert Schwarzenböck, Teamleiter Kommunikation beim BLLV; Mustafa Çakmak, Student Lehramt Gymnasium; Dr. Fritz Schäffer, BLLV-Experte und Seminarlehrer für Geschichte am Christoph-Scheiner-Gymnasium in Ingolstadt; Tamara Thum, Gymnasiallehrerin und stv. Leiterin der Fachgruppe Gymnasium im BLLV und Mitglied im BLLV-Landesvorstand; Roland Kirschner, Gymnasiallehrer, Schulpsychologe und Leiter der Fachgruppe Gymnasium im BLLV; Dr. Matthias Schickel, Schulleiter des Katharinen-Gymnasiums Ingolstadt und Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV
BLLV-Pressekonferenz "Leistung am Gymnasium: Individuelle Förderung durch modularen Aufbau!" Startseite Topmeldung
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Leistung am Gymnasium: Individuelle Förderung durch modularen Aufbau!

MÜNCHEN - PRESSEMITTEILUNG DES BLLV: Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) fordert eine grundlegende Weiterentwicklung des Gymnasiums: hin zu mehr individueller Förderung, zu einem modernen Leistungsbegriff und zu einem inklusiven Umgang mit Heterogenität. Viele Lehrkräfte wollen genau das umsetzen, scheitern aber an der aktuellen Struktur der Gymnasien. Der BLLV fordert einen konkreten modularen Aufbau des Gymnasiums ab der siebten Jahrgangsstufe. Das Ziel ist ein maßgeschneidertes individuelles Angebot für alle Schülerinnen und Schüler, das sich an einem modernen Leistungsbegriff orientiert. Vorteile und Funktionsweise stellte der BLLV in einer Pressekonferenz am 20. April vor.

Leistungsdruck, das Wiederholen von Jahrgangsstufen und das vorzeitige Abbrechen der Schullaufbahn sind keine Ausnahmen an den Gymnasien in Bayern. Was dabei leider auf der Strecke bleibt, ist die individuelle Förderung der vielzähligen Talente und die konkrete Adressierung einzelner Schwächen. Oder anders gesagt: Die Kinder und Jugendlichen können ihre Leistung und ihre Stärken nicht optimal entfalten. „Wir stellen heute ein Modell vor, das unseren Zielen entspricht, den Zielen, die wir für ALLE Schularten haben: Individualität, Förderung, Coaching und damit beste Leistung für alle Kinder und Jugendlichen“, so die BLLV-Präsidentin, denn „wir müssen weg von der Gleichmacherei und von der vermeintlichen Elitebildung, hin zu echter Leistung durch individuelle Förderung. Und da ist es eben nicht damit getan, vom G8- auf das G9-System zu wechseln! Wir brauchen echte Veränderungen beim Lern- und Leistungsbegriff und bei den Rahmenbedingungen für die Gymnasiallehrkräfte. Alles andere ist reine Augenwischerei der politisch Verantwortlichen, die sich immer gerne mit dem elitären Anspruch des bayerischen Gymnasiums schmücken, aber bloß keine grundlegenden Innovationen angehen möchten. Wir als BLLV werden jedoch auch weiterhin stets klar und deutlich benennen, woran es krankt. So zu tun, als ob alles beim bayerischen Gymnasium in Ordnung wäre, ist für uns keine Option!

Wie es anders gehen kann erläutern auf der Pressekonferenz neben Simone Fleischmann die Expertinnen und Experten aus den Gymnasien und aus der Lehrkräfteausbildung, darunter auch ein Lehramt-Studierender. 


Das BLLV-Thema in der Süddeutschen Zeitung vom 20.04.2026

Schule in Bayern: Lehrerverband fordert Gymnasium der zwei Geschwindigkeiten

Der BLLV will das Gymnasium neu denken: kein Durchfallen mehr, Lehrer als „Coaches“ und modulares Lernen. Was dahintersteckt und warum Kultusministerin Anna Stolz nicht begeistert ist. ... weiterlesen

Umdenken jetzt

Warum es gerade jetzt ein Umdenken braucht, zeigen neben der praktischen Erfahrung auch die Zahlen. „44 Prozent der Klassen am Gymnasium haben 26 bis 30 Schülerinnen und Schüler, 4,5 Prozent haben 31 und mehr. Der deutliche Anstieg der Heterogenität in den vergangenen fünf Jahren wird durch zwei Zahlen sehr deutlich: 83 Prozent mehr Kinder sind am Gymnasium mit sonderpädagogischem Förderbedarf. 60 Prozent beträgt der Anstieg von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund [Zahlen 2019/2020 vs. 2024/2025]. Das Gymnasium ist weiterhin die beliebteste Schulart, hat eine hohe Nachfrage, trifft aber auf große strukturelle Herausforderungen“, wie Simone Fleischmann betont.

Dr. Fritz Schäffer, BLLV-Experte und Seminarlehrer für Geschichte am Christoph-Scheiner-Gymnasium in Ingolstadt, spricht von konkreten Herausforderungen, von denen ihm die Referendare und Referendarinnen seit 20 Jahren berichten. Sie erzählen von den Problemen, die sie haben, mit dem Stoff voranzukommen, ohne langsamere Schülerinnen und Schüler zu überfordern oder die Begeisterung der Interessiertesten einzubremsen – einfach, weil sie auf das unterschiedliche Leistungsniveau am Gymnasium nicht vorbereitet sind. „Und diese Klage, bekomme ich seit 20 Jahren von praktisch allen meiner Referendarinnen und Referendaren. Alle sind erstaunt, wenn sie rausgehen und vor Ort eigene Klassen übernehmen: ‘Wie heterogen sind die denn? Es stimmt ja gar nicht, dass wir am Gymnasium homogene Lerngruppen haben!‘ Das ist die große Illusion, auf der unser Schulsystem beruht. Die merken in jeder Klasse die große Spreizung von Interesse, von Lerngeschwindigkeit und Auffassungsgabe. Und jetzt sind sie überfordert und wissen nicht, was sie machen sollen. Diese Aufgabe wird aber letztlich an die jungen Lehrerinnen und Lehrer delegiert. Das System ist nämlich eines, das auf dieser Illusion der homogenen Lerngruppe beruht. Das führt zu einer enormen engen Taktung des Lernens. Es führt zu diesem oft beklagten ‘Bulimielernen‘ und es führt zu einer Oberflächlichkeit und dazu, dass immer einige gelangweilt sind, denen es zu langsam geht und welche überfordert sind, die dann irgendwann die Konsequenzen tragen müssen“, so Fritz Schäffer. 

Beste Bildung für Kinder aus jedem Elternhaus

Tamara Thum, Gymnasiallehrerin, stv. Leiterin der Fachgruppe Gymnasium im BLLV und Spitzenkandidatin des BLLV für die anstehenden Personalratswahlen kennt die Herausforderungen ebenfalls aus eigener Erfahrung: „Ich unterrichte selbst Englisch und Latein und sehe jeden Tag, dass alles immer noch sehr von den unterschiedlichen Bedingungen im Elternhaus abhängt. Im Sinne der Bildungsgerechtigkeit kann die Devise dann nicht sein: ‘Entweder du schaffst es jetzt hier selbst und im selben Tempo wie alle anderen oder du bist eben nicht geeignet‘. Das System ist nicht darauf ausgelegt, dass jemand etwas mehr Zeit oder auch mehr Begleitung braucht. Mit dem Modulsystem können Freiräume für die Schülerinnen und Schüler entstehen, die sich ganz unterschiedlich nutzen lassen. Entweder geht man fachlich tiefer in die Inhalte rein oder man beschäftigt sich mal fächerübergreifend oder auch projektorientiert mit Themen.“

Das Modulsystem im Detail

Roland Kirschner, Gymnasiallehrer, Schulpsychologe und Leiter der Fachgruppe Gymnasium im BLLV stellt das Modulsystem vor Ort im Detail vor und betont die positiven Aspekte für die verschiedensten Kinder und Ausgangslagen – schließlich geht es nicht nur darum, bestimmte Schwächen bei Schülerinnen und Schülern zu kompensieren. Es geht genauso um hochbegabte Musiker:innen und Sportler:innen unter den Kindern, die der Schule öfter fernbleiben müssen, oder um kranke Kinder, die Unterricht versäumt haben: „Mit unserem Modulsystem haben wir ein System entwickelt, das kein starres Korsett ist, sondern das sich zielgenau den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler anpasst.“ Und er bringt konkrete Beispiele: „Stellen wir uns einen Schüler vor, der beispielsweise im Sportverein sehr aktiv ist, er hat vier oder fünf Mal in der Woche Training, am Wochenende Wettkämpfe. Da stellt sich dann irgendwann mal die Frage: ‘Wie schaut es mit der Doppelbelastung aus?‘ Und einige von diesen Schülern müssen sich dann irgendwann entscheiden: Sportverein oder Gymnasium? Und mit unserem System hätten diese Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, die Zeit zu dehnen, Freiräume zu schaffen, die sie dann nutzen können für Engagement im Sportverein.“ 

Schule für die Kinder und Jugendlichen – nicht für das System

Dr. Matthias Schickel, Schulleiter des Katharinen-Gymnasiums Ingolstadt, kennt das System lange genug, um zu wissen was nicht funktioniert: „Wir haben eine unglaubliche Spreizung an unterschiedlichen Kindern, auch an den Gymnasien. Und genau diesen Kindern müssen wir Rechnung tragen. Und momentan werden wir ihnen eben nicht gerecht mit dieser ‘Rasenmäher-Pädagogik‘, wie wir sie seit 200 Jahren an den bayerischen und deutschen Schulen haben. Ich habe dazu vor vielen Jahren schon einen guten Vergleich gehört: Schule ist ein System, wo 30 Hochleistungssportler zusammen mit behinderten und ganz durchschnittlichen Menschen nachts durch einen Wald geführt werden sollen, auf vier verschiedenen Wegen, aber zum gleichen Zeitpunkt am gleichen Ort ankommen müssen. Und ich glaube, genau das trifft den Kern unseres Problems. Und deswegen finde ich diese modularisierte Form eines Gymnasiums in der Mittelstufe so unheimlich wichtig.“

Lehrerinnen und Lehrer als Coaches

Mustafa Çakmak, Student Lehramt Gymnasium, betrachtet die Fragen und Herausforderungen vonseiten der Lehramtsausbildung: „Natürlich weiß ich genau, wie wichtig das Fachwissen ist. Schließlich habe ich mich für das Lehramt Gymnasium entschieden, weil ich meine beiden Fächer mit Leidenschaft vermitteln will. Aber ich weiß auch genau: Lehrkräfte sind nicht nur reine Wissensvermittler, sondern auch Lernbegleiter. Wichtig ist, dass wir unsere Rolle kennen und dass wir Schülerinnen und Schüler auf einem individuellen Lernweg begleiten und nicht nur stur Fachwissen beibringen. Ich finde, dass wir hierfür auch am Gymnasium neue Wege wagen sollten und dazu gehört auch, dass unsere heterogene, plurale Gesellschaft ein fester Bestandteil im Studium sein sollte.“

Zwischen Lehrkräftemangel und Bildungsanspruch

Zum Abschluss der Pressekonferenz betonte die BLLV-Präsidentin, wie wichtig es ist, auch die Studierenden in diese neue Welt mitzunehmen und sie darauf vorzubereiten. Denn der Lehrkräftemangel trifft das Gymnasium mit voller Wucht. 24 Prozent weniger Studierende seit 2015 und 7 Prozent Studienabbrecher sprechen für sich. Darauf braucht es ebenso Antworten wie auf die Bilanz der Gymnasien bei der Bildungsgerechtigkeit: „Am Ende der Schulzeit hat nur etwa 1/3 der Jugendlichen aus niedrigen sozialen Schichten eine Studienberechtigung erzielt gegenüber mehr als 3/4 aus hohen sozialen Schichten“, so Fleischmann. 

Schlussendlich würde es jedem Einzelnen, aber vor allem der gesamten Gesellschaft zugutekommen, wenn das „meritokratische Leistungsprinzip“ wieder an Gewicht gewinnen würde, nach dem soziale Positionen und Erfolg primär auf individueller Leistung, Talent und Anstrengung basieren, nicht auf Herkunft. 

Eindrücke aus der Pressekonferenz

Die Pressekonferenz in voller Länge auf Youtube