Individualisierters Lernen im Ganztag: In Bayern immer mehr die große Ausnahme
Individualisierters Lernen im Ganztag: In Bayern immer mehr die große Ausnahme
„Politisch geschickt, pädagogisch fragwürdig“ Startseite Topmeldung
Gebundener Ganztag Bildungsgerechtigkeit Aufsichtspflicht Bildungsqualität Individuelle Förderung Lernraum Motivation Multiprofessionalität Schülerzentriert

Bayerns rote Laterne beim Ganztag verschlimmert Bildungsungerechtigkeit

Im Bundesvergleich bietet Bayern am wenigsten Ganztagsplätze, hat aber auch am wenigsten Bedarf. BLLV-Präsidentin Fleischmann stellt klar: Wer aufgrund alter Familienbilder keine echten Bildungsangebote bereitstellt, verschleiert Realitäten und grenzt Schwache aus.

Nur knapp über ein Drittel der bayerischen Grundschulkinder wurden 2024 im Ganztag betreut, deutschlandweit sind es über die Hälfte. Wenn ab August der Ganztagsanspruch greift, muss in Deutschland nachgesteuert werden, denn der Bedarf liegt bei etwa 70 Prozent. In Bayern, wo man hier seit Jahren hinterherhinkt, melden dagegen nur 43 Prozent Bedarf an. Ist die Not hier also tatsächlich geringer?

„Es gibt schon Regionen, wo dieses weiß-blaue Bayern-Bild – die heile Welt – kein Mythos, sondern Realität ist“, berichtet BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann im Gespräch mit Medienvertretern von TZ und Frankfurter Rundschau. Dahinter stehe eine traditionelle Vorstellung vom Familienleben, in der sich die Mutter um die Kinder kümmert, wenn sie mittags aus der Schule kommen. An dieser Vorstellung werde auch politisch festgehalten.

Enorme Chancen für Lernerfolge

Dabei gibt es laut Fleischmann besonders in städtischen Gegenden mit sozioökonomisch schwierigen Verhältnissen viele Kinder, die „dringend Betreuung bräuchten“, weil die Eltern alleinerziehend sind oder in zwei Jobs arbeiten müssen.

Weil aber die politische Idee dazu nicht passt, wird nicht konsequent auf hochwertige Ganztagsbildung gesetzt, in der Schüler:innen konsequent ganzheitlich gefördert werden können und durch die Rhythmisierung des Lernens deutlich größere Erfolge möglich sind – gerade auch für Schüler:innen mit besonderen Bedarfen.

Ganztagsanspruch führt in Bayern zu mehr Betreuung und weniger Bildung

Stattdessen bietet der Freistaat einen „Gemischtwarenladen“ an aus offenem oder – seltener – gebundenem Ganztag, verlängerter Mittagsbetreuung und Hort bis hin zu Kooperationen mit beispielsweise Pfadfindern. Formal erfüllt das zwar alles den Rechtsanspruch, mit fairer Ganztagsbildung hat es aber wenig zu tun. „Das ist politisch geschickt, aber pädagogisch fragwürdig, weil die Qualität stark schwankt“, kritisiert Simone Fleischmann.

Seit der Ganztagsanspruch am Horizont „droht“, hat sich der Fokus in Bayern nochmal mehr auf reine Betreuungsmodelle verschoben. „Das ist eine dramatische Qualitätsminderung, vor allem in einem Bundesland, das ohnehin leider Spitzenreiter bei Bildungsungleichheit ist“, kritisiert die BLLV-Präsidentin und sieht den Anspruch an gute Bildung damit im Sinkflug.

Fair ist (wo)anders

Denn für gut situierte Familien ist das Problem lösbar: „Eine Familie mit Geld kann Bildung teuer zukaufen. Deshalb sinkt der Druck, gute öffentliche Ganztagsangebote zu schaffen“, erläutert Simone Fleischmann. Das Resultat: noch mehr soziale Spaltung.

Hier lohne sich ein Blick ins Nachbarland, meint Fleischmann: „In Frankreich ist die Schule so organisiert, dass ganztägige Bildung state of the art ist – nicht ein Modell für Eltern, die kein Geld haben.“ Die BLLV-Präsidentin fordert auch in Deutschland ein anderes Bewusstsein: „Jedes Kind braucht guten Ganztag!“

» zum Bericht der Frankfurter Rundschau: „‘Modell für Eltern, die kein Geld haben‘: Lehrerin kritisiert Zustand, der Bayern zum Verhängnis werden könnte“