v.l.n.r.: Anita Henselmann (Stadt München), Martin Göb-Fuchsberger (MLLV), Philipp Pacius (KM), Stefanie Batmaca (MLLV), Brigitte Stelli (ALP Dillingen), Sabine Bösl (BLLV)
v.l.n.r.: Anita Henselmann (Stadt München), Martin Göb-Fuchsberger (MLLV), Philipp Pacius (KM), Stefanie Batmaca (MLLV), Brigitte Stelli (ALP Dillingen), Sabine Bösl (BLLV)
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Bildungsgerechtigkeit konkret: Chancen und Herausforderungen des Startchancenprogramms

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Bildung gerecht gestalten“ der Abteilung Schul- und Bildungspolitik im BLLV begrüßte der MLLV zahlreiche Vertreter:innen aus Schule, Politik, Verwaltung und Wissenschaft. Im Fokus: Das Startchancenprogramm.

Die Veranstaltungsreihe „Bildung gerecht gestalten“ der Abteilung Schul- und Bildungspolitik war zu Gast beim MLLV (Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverband). Zum Auftakt begrüßten Isabel Franz, 2. Vorsitzende des MLLV, und Martin Göb-Fuchsberger aus der Abteilung Schul- und Bildungspolitik im MLLV, die zahlreichen Vertreterinnen und Vertreter aus Schule, Politik, Verwaltung und Wissenschaft. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand das Startchancenprogramm (SCP). Ziel der Veranstaltung war es, den hohen Stellenwert des SCP für mehr Bildungsgerechtigkeit an Bayerns Schulen hervorzuheben, gleichzeitig jedoch bestehende Herausforderungen offen zu diskutieren und gemeinsam Wege zu finden, das Programm kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Das Startchancenprogramm aus verschiedenen Perspektiven

Sabine Bösl, Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik im BLLV bedankte sich bei allen Beteiligten aus dem MLLV für die Organisation der Veranstaltung. In ihrer Arbeit als Abteilungsleiterin begleitet Sabine Bösl das SCP bereits seit Beginn und steht in regelmäßigem Austausch mit Lehrkräften und Schulleitungen der teilnehmenden Schulen. Dabei nehme sie sowohl eine hohe Motivation als auch große Herausforderungen wahr. Sie betonte: „Bayern ist Schlusslicht beim Thema Bildungsgerechtigkeit. Das Programm ist ein erster wichtiger Schritt für mehr Bildungschancen, denn kein Kind darf uns verloren gehen. Damit die Schul- und Unterrichtsentwicklung gelingen kann, brauchen die Schulen mehr zeitliche Ressourcen.“

Hinter den Kulissen des Programms

Einen umfassenden Einblick in das Programm sowie die dahinterliegenden politischen und verwaltungsbezogenen Abläufe gab Philipp Pacius (Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus). Er begleitet das Programm mit großem Engagement. Pacius eröffnete seine Rede mit einem Überblick über den aktuellen Stand und den weiteren Ablauf des Programms. Nun beginne die eigentliche Arbeit an den Schulen. Gleichzeitig betonte er, dass das Programm kontinuierlich weiterentwickelt werden solle, insbesondere mit Blick auf bürokratische Hürden und mögliche Anpassungen. Positiv hob er den engen Austausch und die gute Kommunikation auf allen Ebenen hervor, etwa mit der Akademie und dem ISB, und ermutigte die Schulen dazu, Verantwortung zu übernehmen: Man stehe hinter ihnen und unterstütze sie sowohl strukturell, etwa durch den Ausbau von KI-Anfragetools, als auch durch gezielte Fortbildungsangebote zur weiteren Qualitätsentwicklung des Programms.

Anschließend sprach Brigitte Stelli (ALP Dillingen) über den Bereich Fortbildungen und machte dabei die große Dimension des Angebots sowie die enge Zusammenarbeit mit den verschiedenen Beteiligten deutlich. Als Beispiel nannte sie das „Train the Trainer“-Programm, bei dem 25 Personen zu Schulentwicklungsmoderatoren ausgebildet wurden, um ihr Wissen anschließend als Prozessbegleiter, Fachberater für Schulentwicklung und Berater für datengestütztes Arbeiten weiterzugeben. Zudem stellte sie verschiedene Fortbildungs- und Austauschformate vor, darunter den monatlichen „Chatpoint“ für Schulleitungen, verwies auf die SCP-Themenseite als zentrale Übersicht und ermutigte bei Fragen zur direkten Kontaktaufnahme, um eine gezielte Weiterleitung an die zuständigen Ansprechpartner zu ermöglichen.

Ein Blick aus der Kommune

Einen kurzen Input aus kommunaler Perspektive gab anschließend Anita Henselmann (Landeshauptstadt München), die auf die besondere Bedeutung des SCP für München verwies, wo derzeit 63 Schulen am Programm teilnehmen. Gerade in Säule I sei die Kommune finanziell stark gefordert, weshalb ein enger Austausch zwischen allen Beteiligten notwendig sei, um den Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozioökonomischem Hintergrund gemeinsam anzugehen. Sie betonte das Ziel der Stadt, mehr Bildungsgerechtigkeit nicht nur als Vision zu formulieren, sondern die SCP-Schulen auch ganz konkret zu unterstützen.

Erkenntnisse auf Bundesebene 

Aus der Bundespolitik sprach Nicole Gohlke, MdB für die Partei Die Linke, und schilderte die Sicht einer Oppositionspartei auf das SCP. Sie betonte, dass bereits bei der Entstehung des Programms deutlich geworden sei, dass die beteiligten Parteien das Thema Bildungsgerechtigkeit ernsthaft voranbringen wollten. Dabei bewertete sie positiv, dass die Mittel nicht nach dem Königsteiner Schlüssel, sondern anhand eines Sozialindexes verteilt werden. Gleichzeitig äußerte sie grundlegende Kritikpunkte. Viele Schulen gingen weiterhin leer aus, das SCP erreiche nicht alle armutsbetroffenen Kinder und bleibe trotz seines Umfangs ein Förderprogramm statt eines Systemwechsels, während zentrale Probleme wie soziale Ungleichheit, fehlende dauerhafte Finanzierung und Lehrkräftemangel bestehen bleiben, auch wenn sie optimistisch auf das große Engagement vor Ort blicke.

Jamila Schäfer, MdB für Bündnis 90/Die Grünen, verwies mit Zahlen des ifo-Instituts darauf, dass in Bayern nur etwa 20 Prozent der Kinder aus einkommensschwachen Familien ein Gymnasium besuchen: ein Zustand, der ihrem Verständnis von Bildungsgerechtigkeit widerspreche. Das SCP sei daher ein wichtiger erster Schritt. Gleichzeitig brauche es aus ihrer Sicht jedoch deutlich mehr: einen besseren Sozialindex, stärkere Kofinanzierung, dauerhafte Investitionen sowie eine engere Zusammenarbeit von Bund und Ländern, da weiterhin viele Schülerinnen und Schüler nicht ausreichend erreicht würden.

Handlungsbedarf in Bayern 

Gabriele Triebel, MdL und stellvertretende Vorsitzende im Bildungsausschuss für Bündnis 90/Die Grünen, bezeichnete das SCP als einen „Gamechanger“ in der Bildungspolitik. Sie hob die klaren Zielsetzungen des Programms, etwa Mindeststandards und deren wissenschaftliche Überprüfung, als wichtig hervor, kritisierte jedoch, dass die 20 Milliarden Euro über zehn Jahre in Bayern kaum zusätzliches Geld bedeuteten und damit kein ausreichendes Signal für notwendige bildungspolitische Veränderungen seien.

Podiumsdiskussion – Bildungsgerechtigkeit im Spannungsfeld von Anspruch und Umsetzung

In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde erneut deutlich, dass das SCP von vielen Beteiligten als große Chance gesehen wird, zugleich aber zahlreiche Herausforderungen bestehen bleiben. Dr. Martin Brunnhuber, MdL und im Bildungsausschuss für die Freien Wähler, drückte seine große Dankbarkeit für das Programm aus und hob hervor, dass die beteiligten Schulen die Unterstützung dringend benötigten und die Mittel nun sinnvoll eingesetzt werden müssten. Gleichzeitig verwies er auf die hohen Belastungen vieler Schulen durch psychosoziale Probleme und einen hohen Anteil von Kindern mit schwierigen familiären Voraussetzungen. Pacius schnitt kurz die bayerische Umsetzung des Programms an und erklärte dann, auf Kritik aus den Reihen der Opposition, dass die Regelungen bundesweit einheitlich seien und auch andere Länder zunächst mit kleineren Kohorten gestartet hätten.


Ein weiteres zentrales Thema der Diskussion war die Bürokratie, insbesondere die Unsicherheit vieler Schulen bei Dokumentation, Vertragsgestaltung und Mittelverwendung. Bösl berichtete hierzu aus den vergangenen Austauschrunden, in denen aktuelle Herausforderungen an den BLLV herangetragen wurden. Aus dem Plenum wurde mehrfach der Wunsch nach klaren Strukturen, Handreichungen und transparenten Verfahren geäußert, etwa beim Umgang mit nicht abgerufenen Fördermitteln. Henselmann betonte, dass auf kommunaler Ebene in München derzeit an konkreten Ablaufplänen gearbeitet werde, um Schulen bei Beschaffungen und organisatorischen Fragen besser zu unterstützen. In der Diskussion um finanzielle Spielräume machte Pacius deutlich, dass aus seiner Sicht ausreichend Mittel im System vorhanden seien, zugleich aber vergaberechtliche Grenzen und fehlende Personalkapazitäten berücksichtigt werden müssten. Weitere Forderungen aus dem Plenum betrafen Entlastungen für Schulleitungen, transparentere Regelungen bei Leistungsprämien sowie schnellere Prozesse bei der Mittelvergabe. Abschließend wurde hervorgehoben, dass der Sozialindex inzwischen auf breite Akzeptanz stoße und künftig möglicherweise auch bei weiteren Programmen eine stärkere Rolle spielen könne.

Ein positiver Blick auf die nächsten 8 Jahre

Auf die Frage, was sie aus der Veranstaltung mitnehmen, betonte Henselmann insbesondere die Bedeutung enger Zusammenarbeit aller Beteiligten für die Weiterentwicklung der Bildungslandschaft. Pacius hob den fortlaufenden Austausch hervor, die Bereitschaft zur gemeinsamen Lösungsfindung sowie die Übertragbarkeit erfolgreicher SCP-Ansätze auf andere Programme. Bösl appellierte an alle Schulen, mutig neue Wege zu erproben, aber auch bewusst zu priorisieren und Dinge wegzulassen, um Überforderung im System zu vermeiden.