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Kommentar zur Studie des Leibniz-Institut für Bildungsverläufe Startseite
Bildungsgerechtigkeit Bildungsqualität Diversität Individuelle Förderung Schülerzentriert

Bildungslotterie statt Chancengerechtigkeit

Eine aktuelle Studie des Leibniz‑Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) zeigt auf, wie die soziale Herkunft Bildungsungleichheit von der Kita bis zur Uni prägt. Sabine Bösl, Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik im BLLV, zu den Ergebnissen.

Abteilungsleiterin Sabine Bösl ordnet die Ergebnisse der neuen Studie des Leibniz-Institut für Bildungsverläufe ein und betont: „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem“. Zudem macht sie deutlich: Lehrkräfte arbeiten engagiert gegen Defizite, doch strukturelle Probleme verhindern echte Chancengleichheit.

Die Ergebnisse der Studie im Überblick:

  • Gleiche Leistungen führen nicht zu gleichen Bildungschancen: soziale Herkunft beeinflusst Bildungsentscheidungen weiterhin stark.
  • Kinder aus nicht-akademischen Haushalten erhalten seltener eine Gymnasialempfehlung, selbst bei vergleichbaren Kompetenzen.
  • Bildungsentscheidungen werden nicht nur durch Leistung, sondern auch durch Erwartungen von Eltern und Lehrkräften geprägt.
  • Soziale Ungleichheiten verstärken sich entlang der Bildungslaufbahn statt abgebaut zu werden.
  • Übergänge im Bildungssystem (z. B. nach der Grundschule) sind zentrale „Scharnierstellen“ für Ungleichheit.
  • Fördermaßnahmen greifen bislang nicht ausreichend, um strukturelle Benachteiligungen auszugleichen.

Die Ergebnisse der Studie des Leibniz-Institut für Bildungsverläufe vom 11.03.2026 sind ernüchternd und bestätigen, was Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte und Bildungsträger seit Jahren erleben: Unser Bildungssystem schafft es nicht, gleiche Chancen für alle Kinder und Jugendlichen zu gewährleisten. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, mit wie viel Engagement, Professionalität und Verantwortungsbewusstsein Lehrkräfte tagtäglich daran arbeiten, genau das zu verändern. Tag für Tag leisten sie unter zunehmend anspruchsvollen Bedingungen enorme Arbeit, fördern individuell, gleichen Defizite aus und begleiten Kinder weit über den Unterricht hinaus. Dass die Ungleichheiten dennoch bestehen bleiben, verweist auf ein strukturelles Problem.

Ganztag als Bildungsraum stärken

Ein zentraler Ansatzpunkt, um dieser strukturellen Ungleichheit wirksam entgegenzuwirken, liegt im Ausbau und in der qualitativen Weiterentwicklung ganztägiger Bildungsangebote. Entscheidend ist dabei jedoch ein Perspektivwechsel: Ganztag darf nicht länger als reine Betreuung verstanden werden, sondern muss konsequent als Bildungsraum gedacht und gestaltet werden. Gerade hier zeigt sich, wie wichtig multiprofessionelle Teams sind, die unterschiedliche Kompetenzen einbringen und Bildungsprozesse ganzheitlich begleiten können. Lehrkräfte leisten bereits Enormes, aber sie können diese zusätzlichen Aufgaben nicht alleine tragen. Damit der Ganztagsanspruch umgesetzt werden kann, braucht es ausreichend qualifizierte Fachkräfte und passende finanzielle Ressourcen. Gleichzeitig muss gezielt sichergestellt werden, dass gerade Kinder aus Familien mit niedrigem Bildungsniveau diese Angebote auch tatsächlich erreichen und frühzeitig nutzen, denn bislang nehmen sie frühkindliche Bildungsangebote wie Kitas deutlich seltener in Anspruch.


Inklusion und Integration strukturell absichern

Eng damit verknüpft sind die Herausforderungen rund um Inklusion und Integration. Schulen sind längst Orte gelebter Vielfalt, und Lehrkräfte begegnen dieser Realität mit großem Engagement und hoher Professionalität. Doch je heterogener die Schüler:innenschaft wird, desto deutlicher wird auch, dass individuelle Förderung nicht allein durch den Einsatz Einzelner gelingen kann. Damit Inklusion und Integration im Alltag tatsächlich funktionieren, braucht es verlässliche Unterstützungssysteme von Schulsozialarbeit und Schulgesundheitsfachkräften über Förderpädagogik bis hin zu psychosozialen Angeboten. Teilhabe darf nicht vom familiären Hintergrund abhängen, sondern muss durch strukturell abgesicherte Unterstützung gewährleistet werden.


Sprachförderung konsequent ausbauen

Gerade an dieser Stelle wird auch die Bedeutung der Sprachförderung besonders sichtbar. Denn Sprache ist der Schlüssel zu Bildungserfolg und gesellschaftlicher Teilhabe und zugleich ein Bereich, in dem sich Ungleichheiten früh und nachhaltig verfestigen. Umso wichtiger ist es, frühzeitig anzusetzen und Förderung durchgängig zu denken: vom Elementarbereich bis in die weiterführenden Schulen. Vorkurse sind dabei ein wichtiger Baustein, entfalten ihre Wirkung jedoch nur dann, wenn sie verbindlich, systematisch und durch ausreichend qualifizierte Fachkräfte umgesetzt werden. Es braucht daher ein flächendeckendes, professionell getragenes Sprachförderkonzept, das kein Kind zurücklässt.

Frühkindliche Bildung und gezielte Programme zusammendenken

Vor diesem Hintergrund sind Programme wie das Startchancenprogramm ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, weil sie gezielt dort ansetzen, wo die Herausforderungen am größten sind. Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass Bildungsungleichheiten nicht erst in der Schule entstehen, sondern bereits im frühen Kindesalter beginnen: Unterschiede im Wortschatz sowie in mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen zeigen sich früh und vergrößern sich bis zum Schuleintritt weiter. Daraus ergibt sich eine klare Konsequenz: Bildungsgerechtigkeit beginnt in der frühkindlichen Bildung und muss dort deutlich stärker priorisiert werden. Einzelne Programme können dabei wichtige Impulse setzen, reichen aber nicht aus. Notwendig ist eine umfassende, langfristig angelegte Strategie, die die gesamte Bildungsbiografie in den Blick nimmt und strukturelle Benachteiligungen systematisch abbaut.

Eine klare Botschaft

Die zentrale Botschaft dieser Studie ist daher klar: Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Wie viele Studien brauchen wir noch, damit die Politik die passenden Maßnahmen ergreift? Die Studie zeigt noch einmal sehr deutlich, was in der bildungspolitischen Debatte zu oft verkürzt wird: Bildungserfolg ist kein Ergebnis eines einzelnen Faktors, sondern das Zusammenspiel vieler Einflussgrößen. Frühe Förderung, sprachliche Kompetenzen, familiäre Unterstützung, institutionelle Rahmenbedingungen, Übergangsentscheidungen und schulische Ressourcen greifen ineinander und verstärken sich gegenseitig – im Positiven wie im Negativen. Es ist Zeit, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Lehrkräfte ihre Arbeit unter Bedingungen leisten können, die Chancengerechtigkeit tatsächlich ermöglichen. Die Ansätze liegen auf dem Tisch, auch wir als BLLV haben sie vielfach formuliert. Jetzt braucht es den politischen Willen, diese konsequent umzusetzen. Denn am Ende geht es nicht um Systeme, sondern um die Bildungsbiografien von Kindern und Jugendlichen. Und die dürfen nicht länger von ihrem sozioökonomischen Hintergrund abhängen.

>> Zur Studie des Leibniz‑Institut für Bildungsverläufe