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Kommentar von Antje Radetzky, Abteilungsleiterin Berufswissenschaft im BLLV Startseite Topmeldung
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KI an Schulen: Innovation braucht Leitplanken, keine Fesseln

Der Trendmonitor der Telekom Stiftung zu KI an Schulen zeigt: Es gibt zu viel Bürokratie und zu wenig passende Hilfsangebote für Lehrkräfte. Antje Radetzky, Abteilungsleiterin Berufswissenschaft im BLLV, fordert mehr Unterstützung und eine neue Prüfungskultur.

Die Digitalisierung unserer Schulen hat durch Künstliche Intelligenz eine neue Dynamik erreicht. Doch während die Technik galoppiert, droht die Bürokratie die pädagogische Praxis zu ersticken. Der aktuelle Trendmonitor Spezial der Deutschen Telekom Stiftung und unsere aktuellen Beratungen im Verband zeigen deutlich: Wir brauchen keine bloße Verwaltung des Wandels, sondern eine echte Unterstützung der Menschen an der Basis.

Der „Regelungs-Dschungel“ verhindert den Fortschritt

Tomi Neckov, VBE-Bundesvorsitzender und 2. Vizepräsident des BLLV, bringt es auf den Punkt: „Der Trendmonitor Spezial zeigt eindrucksvoll, wie die Lehrkräfte mit 56 verschiedenen Regelwerken [...] durch den Dschungel an Möglichkeiten [...] navigieren sollen“. Diese enorme Regelungsdichte führt dazu, dass Innovation eher verhindert als gefördert wird. Tomi Neckov warnt zurecht: „Zu viele Regelungswerke, zu wenig Zeit, Informationen, die nicht zum Praxisalltag passen – was den Lehrkräften zugemutet wird, hindert sie eher im Arbeiten“.

Eigenverantwortung darf nicht in Überforderung umschlagen

Der Trendmonitor lobt zwar das bayerische Modell eines eigenen „KI- und Medien-Budgets“ als vielversprechend für Schulen mit eigenem Profil. Wir im BLLV begrüßen Freiheiten und Eigenverantwortung prinzipiell, denn wir kennen unsere Schulen am besten.

Doch als Schulleiterin einer Grund- und Mittelschule sage ich auch ganz klar: Diese Freiheit darf nicht zur Überforderung führen. An diesen Schularten fehlen die Fachschaftsstrukturen, die die Schulentwicklung in diesem Bereich gemeinsam stemmen können. Wenn keine KI-affine Lehrkraft bereitsteht, bleibt die gesamte Last meist an der Schulleitung hängen. Eigenverantwortung ist wunderbar, darf aber niemals ein Deckmantel für das Alleinlassen der Schulen sein. Wir brauchen Unterstützungssysteme, die dort greifen, wo die personelle Decke dünn ist. KI und der kompetente Umgang damit müssen fest in der Schulentwicklung und im Medienkonzept der Schule verankert werden. Nur so können wir dieses Thema schulweit, langfristig und nachhaltig denken, statt nur kurzfristige Lücken zu füllen.

Besorgniserregende Signale für die Lehrkräftegesundheit

Die Ergebnisse der repräsentativen forsa-Umfrage sind besorgniserregend. Dass 78 % der Lehrkräfte angeben, eine Beschäftigung mit KI-Regelwerken sei neben den regulären Aufgaben nicht zu leisten, ist ein Alarmzeichen. Wir müssen die Gesundheit unseres Personals dringend im Auge behalten. Innovation darf nicht auf Kosten der Substanz gehen. Deshalb fordern wir als BLLV, dass KI dazu dienen muss, pädagogische Freiräume zu eröffnen und Lehrkräfte spürbar zu entlasten, statt neue administrative Berge aufzutürmen.

Medienkompetenz ist Demokratiekompetenz

Ein zentrales Ziel muss die „AI Literacy“ unserer Schülerinnen und Schüler sein. Wir müssen verhindern, dass Kinder KI nur als passive „Antwortmaschine“ nutzen und dabei das eigenständige Denken verlernen. Unser Ziel ist die systematische Befähigung zu einer reflektierten Handlungsfähigkeit im Umgang mit KI und Medien. Unsere Schülerinnen und Schüler sollen nicht bloße Konsumenten von Technik sein, sondern selbstbestimmte Gestalter, die verstehen, wie Algorithmen funktionieren. Nur wer die Mechanismen hinter den Kulissen durchschaut, kann KI souverän, kreativ und kritisch für den eigenen Weg nutzen und als mündiger Bürger aktiv an unserer Gesellschaft teilhaben.

Unsere Kernforderungen an die Politik:

  • Strukturelle Entlastung: Wir brauchen Anrechnungsstunden und personelle Unterstützung für die Konzeptentwicklung vor Ort.
  • Zentrale Unterstützung: Schulleitungen dürfen bei der Auswahl von KI-Tools nicht allein gelassen werden; wir brauchen Unterstützung durch Experten, die direkt an den Schulen ankommt.
  • Moderne Prüfungskultur: Wir müssen weg von der reinen Wissensabfrage hin zu prozessorientierten Bewertungsformaten, die den Einsatz von KI reflektiert integrieren.

Innovation braucht Mut, Begeisterung und vor allem Zeit und Wertschätzung für die Menschen, die sie umsetzen. Wir bleiben dran.

>> Zur Pressemitteilung des VBE: "Hohe Regelungsdichte – VBE-Chef warnt: „So wird der Einsatz von KI verhindert“