Psyche
Verband Bildung und Erziehung (VBE) & Kommentar von Antje Radetzky Startseite Topmeldung
Arbeitsbedingungen Beziehung Bildungsgerechtigkeit Bildungsqualität Diversität Individuelle Förderung Schulpsychologe Schulsozialarbeiter

Deutsches Schulbarometer: „Ergebnisse sind beunruhigend“

Laut dem Deutschen Schulbarometer nimmt die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zu, besonders in einkommensschwachen Familien. Der VBE und BLLV ordnen die Ergebnisse ein.

Pressemitteilung des BLLV-Dachverbands VBE:

Zu den heute veröffentlichten Ergebnissen des Deutschen Schulbarometers sagt Tomi Neckov, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE): „Die Ergebnisse sind beunruhigend. Psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen steigen an, ganz besonders bei Kindern aus einkommensschwachen Familien. Davor darf Politik nicht die Augen verschließen. Armut ist ein zentrales Hemmnis von Bildungsgerechtigkeit. Deshalb müssen gerade einkommensschwache Familien weiter finanziell entlastet und Schulen besser dafür ausgestattet werden, armutsbetroffene Kinder zu fördern.“

Wohlbefinden als zentraler Baustein des Bildungserfolgs

Die Studie zeigt zum einen, dass die Förderung von Lernleistung und das Wohlbefinden nicht in Konkurrenz zueinanderstehen. Wohlbefinden wird zudem durch Unterrichtsqualität unterstützt und steht in engem Zusammenhang mit der Möglichkeit von Partizipation. Während Schülerinnen und Schüler sich mehr Partizipation wünschen, hielten die Lehrkräfte in einer vergangenen Umfrage die vorhandenen Möglichkeiten größtenteils für ausreichend. Der Bundesvorsitzende erklärt: „Demokratie lernt man nicht mit dem Lehrbuch, sondern durch das Tun. Allerdings werden nicht alle Partizipationsmöglichkeiten als solche eingeführt. Es ist daher möglich, dass Lehrkräfte öfter Wahlmöglichkeiten eröffnen, als es den Schülerinnen und Schülern bewusst ist. Zudem stehen wir immer wieder vor der Situation, dass dem Personal die Zeit fehlt. Unter dem Druck voller Lehrpläne und dem gesellschaftlichen Anspruch an Schule, bleibt dann das Miteinander auf der Strecke. Das haben aber nicht die Lehrkräfte zu verantworten, sondern die Politik. Die Fachkräfte können nicht ausgleichen, was an Ressourcen fehlt.“

Fokus: Aus-, Fort- und Weiterbildung

Um die positiven Effekte von konstruktiver Unterstützung, kognitiver Aktivierung, Klassenklima und Klassenführung bestmöglich nutzen zu können, fordert der VBE-Chef Neckov: „Die Effekte sind belegt, aber können nicht überall zum Tragen kommen, wenn die entsprechende Verankerung dieser Konzepte nicht in allen drei Phasen der Lehramtsausbildung gegeben ist. Die Fortbildungsinstitute sind gemeinsam mit den Ministerien in der Verantwortung, dies zu gewährleisten. Und natürlich Zeit für Fortbildungen der Kolleginnen und Kollegen, die diese wegen des anhaltenden Lehrkräftemangels selten wahrnehmen können.“

>> Zur Original-Pressemitteilung des VBE: „Mehr Zeit und Vorbereitung nötig, um Wohlbefinden zu stärken“

>> Zum Beitrag im BR: „Psychische Belastung bei Schülern steigt nach Pandemie erneut“

Statement der BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann:

"Die Studie zeigt, dass die Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen immer noch stark von der sozialen Herkunft abhängt. Wenn wir es mit der Bildungsgerechtigkeit ernst meinen, müssen wir bei solchen Ergebnissen hellhörig werden. Gut situierte Familien fördern ihre Kinder mit privaten Angeboten, schlechter gestellte Eltern haben diesen Luxus nicht. Aber auch diese Kinder dürfen wir nicht verlieren. Die Politik muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen, ALLE Kinder und Jugendlichen dort abzuholen, wo sie stehen.

 

Dass die psychische Belastung bei jungen Menschen ansteigt, ist seit Jahren bekannt. Wir sehen Kinder mit Depressionen, andere haben Angsstörungen oder zeigen Verhaltensauffälligkeiten. Um mit diesen Herausforderungen umzugehen, brauchen wir ausreichend Lehrkräfte, aber auch starke multiprofesionelle Teams aus Psychologen, Sozialarbeitern und Schulbegleitern. In einer Klasse mit 25 Kindern ist es für eine einzelne Lehrkraft unmöglich, auf all diese Herausforderungen angemessen einzugehen. Hier muss die Politik reagieren: Wir brauchen ausreichend Zeit und Personal in den Schulen."

Kommentar zu den Ergebnissen von Antje Radetzky, Leiterin der Abteilung Berufswissenschaft

„Klare Signale aus dem Schulbarometer: Damit Schule wieder stärken kann“

Antje Radetzky, Leiterin der Abteilung Berufswissenschaft im BLLV, ordnet die Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers ein und macht deutlich, welche Veränderungen für gesunde und resiliente Schülerinnen und Schüler erforderlich sind.

Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen fühlt sich in ihrer Lebensqualität eingeschränkt – eine Zahl, die aufhorchen lässt. Tomi Neckov, VBE-Chef und 2. Vizepräsident des BLLV, hat die zentralen Befunde des Deutschen Schulbarometers bereits treffend eingeordnet. Aus Sicht des BLLV unterstreichen die Ergebnisse einmal mehr die Realität, mit der Schulen seit Jahren konfrontiert sind: Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen nimmt zu, während gleichzeitig ein erheblicher Anteil von ihnen eine sinkende Lebensqualität erlebt. Angesichts der aktuellen Polykrisen und der Herausforderungen im Schulsystem überrascht das nicht – erschreckend ist es dennoch. Gleichzeitig liefert die Studie wichtige Hinweise auf zentrale Stellschrauben, die wir als Lehrkräfteverband seit Jahren thematisieren und für die wir uns mit Nachdruck einsetzen.

Beziehungsarbeit braucht gesunde Rahmenbedingungen

Ein entscheidender Faktor ist die individuelle Förderung. Besonders deutlich wird: Die Qualität der Beziehung zur Lehrkraft und die individuelle Unterstützung haben einen maßgeblichen Einfluss auf das Wohlbefinden. Das entspricht dem Kern unseres Berufs, durch tragfähige Beziehungen Lernen zu ermöglichen und junge Menschen auf ihrem individuellen Bildungsweg zu begleiten. Doch genau hier stoßen wir an Grenzen. Zu große und zunehmend heterogene Klassen, ein eklatanter Mangel an Lehrkräften sowie zu wenig Förderpersonal und multiprofessionelle Teams erschweren es den Kolleginnen und Kollegen, jedem Kind gerecht zu werden. Hierzu betone ich als Abteilungsleiterin für Berufswissenschaft: „Hinter jeder beunruhigenden Statistik stehen junge Menschen, die in einer unsicheren Welt nach Halt suchen. Wir müssen die Systemrelevanz von Schule endlich darin anerkennen, dass sie Kindern (nicht nur) in Krisenzeiten die notwendige Normalität und Struktur gibt. Doch dieser Anker hält nur, wenn wir massiv in die Gesundheit von Lehrkräften und Schülerinnen und Schüler investieren.“ 

Multiprofessionelle Teams und gelebte Demokratie

Gerade deshalb braucht es zusätzliche, verlässliche Unterstützungsstrukturen im Schulalltag, die Lehrkräfte entlasten und Schülerinnen und Schüler gezielt auffangen. Neben Schulpsychologinnen und -psychologen sowie der Schulsozialarbeit spielen auch Schulgesundheitsfachkräfte – wie sie beispielsweise in Brandenburg, Hessen oder Rheinland-Pfalz bereits an Schulen eingesetzt werden – eine wichtige Rolle. Sie leisten als niederschwellige Vertrauenspersonen einen entscheidenden Beitrag zur psychischen Prävention und Resilienzstärkung und entlasten uns Lehrkräfte spürbar. 

Parallel dazu zeigt die Studie: Wer Selbstwirksamkeit erlebt und an schulischen Prozessen beteiligt wird, ist zufriedener.  Dennoch dürfen derzeit nur 34 Prozent der Schülerinnen und Schüler bei der Gestaltung von Klassenregeln mitbestimmen. Bei Unterrichtsthemen ist der Anteil noch deutlich geringer. Dabei wünschen sich über 64 Prozent der Befragten mehr Mitbestimmung. Wenn wir junge Menschen zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern einer demokratischen Gesellschaft befähigen wollen, muss Demokratie in der Schule nicht nur vermittelt, sondern gelebt werden – durch Partizipation, Mitbestimmung und den Mut, aktuelle Krisen im Unterricht aufzugreifen, Ängste ernst zu nehmen und gemeinsam Handlungsoptionen zu entwickeln. Wer erlebt, dass das eigene Handeln Wirkung zeigt, entwickelt Selbstvertrauen und das Gefühl, nicht ohnmächtig zu sein.

Wir brauchen ein System, das zusammenhält

Das System Schule ist ein Gefüge, in dem alles zusammenhängt. Gesunde, resiliente Schülerinnen und Schüler brauchen gesunde, resiliente Lehrkräfte. Sie brauchen multiprofessionelle Teams, verlässliche Rahmenbedingungen und ausreichend Ressourcen für Förderung, Partizipation und demokratische Bildung. Dafür braucht es keine neuen Schulfächer, sondern Zeit, Ressourcen und die Priorisierung der Lehrkräftegesundheit durch Supervision und Entlastung. 

Die Ergebnisse des Schulbarometers sind ein klarer Handlungsauftrag an die Politik, denn es geht um nicht weniger als die Zukunft unserer Schülerinnen und Schüler.