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Schülerzentriert Gebundener Ganztag Bildungsgerechtigkeit VBE

Kurt Czerwenka ist tot

Den verstorbenen Vordenker moderner Lehrkräftebildung würdigt Dr. Ludwig Eckinger in seinem Nachruf als Verfechter schülerzentrierter Bildung, der sich lebenslang für eine praxisorientierte Verzahnung von Universität und Schule einsetzte.

Ein Nachruf von Dr. Ludwig Eckinger

Sein eigentliches Ziel war immer, mehr über die ihm anvertrauten Schülerinnen und Schüler zu erfahren.  Schon in den Anfängen seiner Zeit als Lehramtsstudent merkte Kurt Czerwenka, dass ihm das Lehramtsstudium zu wenig Hintergrundwissen für seinen Beruf bieten würde. Er wollte neben der Didaktik mehr über die Menschen wissen. Deshalb studierte er nach der zweiten Lehramtsprüfung Psychologie und konnte das erworbene Wissen unmittelbar in die Praxis umsetzen und das theoretische Studium „erden“.

Die Verbindung von Theorie und Praxis blieb sein berufsbiographisches Thema, auch als Wissenschaftler. In seiner Promotion in Pädagogik entwickelte er nach verhaltenspsychologischen Prinzipien ein Modell für die erste Ganztagsschule in Bayern.

Die Lehrerprofessionalität zwischen Theorie und Praxis, dieses Thema beschäftigte Kurt Czerwenka als Erziehungswissenschaftler ein Leben lang.

Er wollte die relative Wichtigkeit der Lehrerinnen und Lehrer im Bildungssystem mit immenser Zukunftsbedeutung erhöhen. Er forderte noch mehr Professionalisierung und meinte damit die Überwindung eines erfahrungsbezogenen Handelns, die Sicherung der Gerechtigkeit im System durch Wissensbezug.

Kurt Czerwenka sah das professionelle Selbst als Ziel und die Lehrerpersönlichkeit als besonderes Merkmal von Lehrerprofessionalität. Er verlangte ein partnerschaftliches Verhältnis von Wissenschaft, also der Universität, und der Praxis, also der Schule.

Die Schule, so Czerwenka, muss ihre Probleme benennen und sammeln und Anfragen an die Wissenschaft richten.  Die Wissenschaft aber muss nach seinen Forschungsergebnissen die Probleme fokussieren und die Wirkungen ihrer Theorien kontrollieren.

Vermeintliche Abstraktion darf für den Lehrerbildner Kurt Czerwenka nicht zur Verschleierung von Nichtwissen führen und abstrahiertes Wissen muss auf Situationen rückführbar sein.  Dann wird es nach seinen Erkenntnissen auch handlungsrelevant und praktisch. Ihm ging es immer darum, die Professionalität der Lehrerinnen und Lehrer zu stärken. Diese Professionalität verlangt Unterrichtskompetenz, aber auch Reflexion über die Arbeit und theoretische Begründung.

Ganz im Sinne der BLLV- und VBE-Konzeption sah  Kurt Czerwenka die Erziehungswissenschaft in der Lehrerbildung als die eigentliche Berufswissenschaft, die an der Universität entwickelt werden muss. Er wich der Frage nicht aus, wie man in der Praxis entstehende Probleme wissenschaftlich bearbeitet. Und wie so gewonnene Einsichten in Handeln übertragen werden können. Dieser Provokation stellte sich der Lehrerbildner Kurt Czerwenka und verlangte auch eine deutliche Qualitätssteigerung in der Lehre.

Besonders herausgehoben werden müssen seine Aktivitäten in der Lehrerfortbildung. In über vierzig Jahren bildete er Lehrerinnen und Lehrer in unterschiedlichen Funktionen aus. Es waren an die tausend Veranstaltungen! Die alte Forderung des BLLV und des VBE, dass sich die Universitäten, die Lehrerbildung machen, der Fortbildung widmen müssten, verwirklichte Kurt Czerwenka persönlich in vorbildlicher Weise.

Als Seniorprofessor betreute er eine Reihe von Forschungsprojekten, u.a. benachteiligten Schülerinnen und Schülern zu helfen, ihren Schulabschluss zu schaffen und möglichst auch einen Ausbildungsplatz  zu bekommen.

Als Verbandspolitiker wirkte Kurt Czerwenka in zahlreichen Veranstaltungen mit und bereicherte die bildungspolitische Arbeit der Abteilung Schul- und Bildungspolitik sowie der Lehrerbewegung insgesamt mit seinen inhaltlichen und thematischen Impulsen. Das Referat Hochschule und Lehrerbildung im VBE leitete er viele Jahre und trug maßgeblich dazu bei, dass Lehrerbildung als zentrales Anliegen des Verbandes eingestuft wurde.

Kurt Czerwenka hat sich um den BLLV und den VBE verdient gemacht.

<< Dr. Ludwig Eckinger, ehemaliger Vizepräsident und Ehrenmitglied des BLLV, ehemaliger Bundesvorsitzender und Ehrenvorsitzender des VBE
 

Vita

  • Geboren: 05.04.1944 im Sudetenland
  • Abitur in Würzburg 1963
  • Studium des Lehramts an Volksschulen, der Psychologie, der Philosophie und der Pädagogik
  • Ausbildung zum Psychotherapeuten (Verhaltenstherapie ) 1977
  • Tätigkeiten als Lehrer an Volksschulen (1966 bis 1974), Psychotherapeut und Hochschullehrer
  • romotion zum Dr. phil 1978
  • Habilitation in Pädagogik, Psychologie und Schulpädagogik 1981
  • Seit 1982 Professor für Erziehungswissenschaft an der
    Universität Lüneburg (seit 2006 Leuphana), zuletzt als Seniorprofessor
  • Mitglied im VBE seit 1965 (zunächst im BLLV, dann im VBE Niedersachsen)
  • Forschungsschwerpunkte: Lehrerprofessionalität, Probleme in der Schule, Verhaltensauffälligkeiten und ADHS bei Jugendlichen, Hilfe für benachteiligte Jugendliche durch Sommerakademien (Projekte seit 2007 in ganz Deutschland)
     

Interview

>> “Wissenschaft kennt keine Altersgrenze”
<- erschienen im BLLV-Magazin “60 plus” im Herbst 2018