Seit 1998 hat Niedersachsen an einer Neugestaltung des Religionsunterrichts gearbeitet, ab nächstem Schuljahr ist es dort soweit: Evangelische und katholische Schüler:innen werden gemeinsam im Fach „Christliche Religion“ unterrichtet.
Die Gründe dafür liegen in einer bundesweiten Entwicklung: Es gibt immer weniger junge Menschen christlichen Glaubens, die Lerngruppen sind klein, das Personal knapp. Dennoch glaubt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann nicht, dass sich das niedersächsische Konzept einfach mal eben auf Bayern übertragen lässt, wie sie im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk erläutert:
„Das ist in Niedersachsen ein mehrjähriger Entwicklungsprozess gewesen, in dem sich Politik, Kirchen und das Land dann geeinigt haben. Wenn es den gemeinsamen Wunsch gibt, sich beim Religionsunterricht neu aufzustellen, dann braucht es den Dialog – damit das, was dann an den Start kommt, von allen getragen wird!"
Modellversuche evaluieren
Fleischmann berichtet, dass der BLLV das Thema seit 2015 intensiv diskutiert im Bemühen um eine religionssensible Schulkultur. „Wir sind immer davon ausgegangen, dass es eine flexiblere Gestaltung des Fachbereiches Religion, Ethik und islamischer Unterricht im Sinne eines zukunftsfähigen Rahmenkonzeptes braucht und haben da auch den Dialog mit vielen Beteiligten gesucht. Erst vor 14 Tagen haben wir die Arbeitsebene der unterschiedlichen Kirchen hier im BLLV zusammengeholt und gefragt: Welche Modellversuche gibt es? Wie zufriedenstellend sind sie? Wie kommen wir da weiter? Ich glaube, für Bayern geht es nicht mit der Brechstange, sondern es geht eben um diesen sehr guten, mehrjährigen Entwicklungsprozess von Land und Kirchen.“
Tatsächlich gibt es bereits jetzt konkrete Bestrebungen in diese Richtung in Bayern, sagt Fleischmann: „Es gibt schon einige Modelle, die in unterschiedlichen Schulen ausprobiert werden. Da müsste man jetzt dranbleiben und sehen, was sich längerfristig hält.“
Differenzsensibel und wertschätzend
Aus Sicht des BLLV ist klar, dass es auf Dauer darum geht, junge Menschen da abzuholen, wo sie in der heutigen Zeit stehen, und ihnen ein identitätsstiftendes Angebot zu machen: „Wir sollten uns auf alle darüber verständigen, dass sich die Lebenswirklichkeit von jungen Menschen heute anders darstellt als früher“, regt Präsidentin Fleischmann an. „Dass es darum geht, christliche, interreligiöse, gesellschaftliche und interdisziplinäre Perspektiven zu eröffnen. Im Wesentlichen geht es hier ja um die Themen Freiheit, Verantwortung, Sinnsuche, Gerechtigkeit, gesellschaftlicher Zusammenhalt und den Umgang mit religiöser Vielfalt. Und dabei dann um die christlichen Perspektiven auf diese Fragen und Werte, aber eben auch um andere religiöse, philosophische und weltanschauliche Sichtweisen, die dann in Beziehung gesetzt gehören. Das ist unser großes Ziel!“
Das ist besonders in einer Zeit wichtig, in der Werteorientierung und demokratische Grundsätze unter Druck stehen wie nie zuvor und extremistische Akteure bewusst schon bei jungen Menschen versuchen, die Grundlagen konstruktiven Zusammenlebens einzureißen. Daher stellt BLLV-Präsidentin Fleischmann klar: „Es gibt keine Alternative, als sich für den Zusammenhalt in der Gesellschaft auch zu überlegen, wie differenzsensible und wertschätzende Begegnungen aller Religionen, aller Weltanschauungen und aller Kulturen in der Schule gelebt werden können.“
» zum Bericht bei BR24: "‘Christlicher Religionsunterricht‘ bald auch in Bayern möglich?“
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Neues Fach „Christliche Religion“ in Niedersachsen: „Religionssensibilität bringt gesellschaftlichen Zusammenhalt“
Im nächsten Schuljahr werden katholische und evangelische Schüler:innen in Niedersachsen gemeinsam in Religion unterrichtet. BLLV-Präsidentin Fleischmann sieht Chancen, durch religionssensible Schulkultur Identität zu stiften, betont aber, dass es dafür intensive Dialogprozesse braucht.