Der Rotstift ist schnell angesetzt und angesichts bekanntermaßen klammer Kassen gibt’s dafür sogar oft Applaus – zumindest solange es andere trifft. Leider sind das dann oft die, die sich weder selbst wehren können noch eine starke Lobby haben. Für den Fall des Stellenmoratoriums der Staatsregierung, das Einstellungen auch im Bildungsbereich verhindert, sind es vor allem Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte an Mittelschulen.
„Wir verzeichnen nach wie vor steigende Schülerzahlen: Bayernweit rund 700 Kinder mehr an Grundschulen und sogar 4.700 mehr an Mittelschulen!“, warnt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann im Gespräch mit dem EPD daher und rechnet vor: „Allein für die Mittelschulen bedeutet das eine Personallücke von 500 Vollzeit-Lehrkräften ab September!“ Was diese Zahlen für den Schulalltag bedeuten: „Es gibt keine zusätzliche Förderung mehr, Klassen werden zusammengelegt und die Kinder müssen früher nach Hause gehen.“
Mindestkompetenzen fehlen – Lehrkräfte, die sie vermitteln könnten, dann auch
Simone Fleischmann sieht mangelnde gesellschaftliche Unterstützung für die betroffenen Kinder und Jugendlichen als eine der Ursachen: „Die Lobby für Mittelschüler ist in der Gesellschaft leider nicht besonders groß, anders als etwa für Gymnasiasten.“ So sorgen die Folgen hier auch nicht für dieselbe Aufregung, wie das wohl an Gymnasien der Fall wäre: „Wenn an den Mittelschulen 500 Lehrkräfte fehlen, fallen nicht nur Zusatzangebote weg, sondern auch Pflichtunterricht“, stellt die BLLV-Präsidentin klar.
Für die Arbeit der Lehrkräfte ist das ein Desaster, ebenso wie für die Bildungschancen von Schülerinnen und Schülern, die Förderung besonders bräuchten. „Die Belastung für das verbleibende Personal durch Vertretungen und doppelte Klassenführungen steigt enorm. Ein Viertel der Kinder verlässt die Grundschulen aktuell ohne die Mindestkompetenzen. Unterbesetzte Mittelschulen können so etwas nicht auffangen“, warnt Simone Fleischmann.
Auf dem Rücken der Quereinsteiger geht es auch nicht
Ähnlich dramatisch sind die Folgen des Stellenmoratoriums auch für Förderschulen, denn hier geht die Schere zwischen Bedarf an Lehrkräften und verfügbarem Personal ohnehin schon weit auseinander: „Die Situation ist besonders paradox, da die Schülerzahlen im Förderbereich stark steigen, während der Nachwuchs bei den Lehrkräften um 42 Prozent rückläufig ist“, berichtet Simone Fleischmann.
Den von der Politik oft schöngeredeten Ansatz, Lehrkräftemangel pauschal über Quer- und Seiteneinsteiger zu bekämpfen, sieht die BLLV-Präsidentin kritisch – nicht zuletzt mit Blick auf die Belastung der betroffenen Kolleginnen und Kollegen: „Ohne diese Menschen würde das System vermutlich sofort kollabieren, aber sie können grundständig ausgebildete Pädagogen nicht völlig ersetzen. Der Arbeitsmarkt bietet für diese Zielgruppe attraktive Alternativen im sozialen Bereich, die oft weniger belastend sind als der Schuldienst. Wir sehen zudem, dass Quereinsteiger oft unter Bedingungen arbeiten müssen, die sie schnell an ihre Grenzen bringen, wenn sie ohne volle Qualifikation vor schwierigen Klassen stehen.“
Immer mehr Lehrkräfte gegen frühzeitig auf
Warum indes nicht genügend junge Menschen Lehramt studieren, liegt für Simone Fleischmann auf der Hand: „Wer sich mit dem Gedanken trägt, Lehrerin oder Lehrer zu werden, der spürt doch, wie wenig dieser Beruf von Politik und Gesellschaft wertgeschätzt wird - und sie sehen, wie belastend er ist. Die Politik muss dafür sorgen, dass man diesen Beruf gesund bis zum Ruhestand ausüben kann!“
Die Belastung lässt sich dabei in – leider alarmierende – Zahlen fassen: „Nur noch 18 Prozent der Lehrkräfte erreichen regulär die Pension. Die Zahl derer, die wegen Dienstunfähigkeit vorzeitig ausscheiden müssen, hat sich in den Grund- und Mittelschulen innerhalb von fünf Jahren von 15 auf über 30 Prozent verdoppelt. Das System fährt auf Verschleiß“, resümiert die BLLV-Präsidentin.
600 Millionen Euro weniger für Zukunftschancen…
Angesichts dieser Gemengelage ein Stellenmoratorium für Schulen durchzudrücken ist aus Sicht des BLLV eine Bankrotterklärung für die Zukunft: „Es ist völlig unverständlich, warum gerade jetzt der Bildungsbereich angegriffen wird, wo wir allein durch den G9-Ausbau an den Gymnasien massiv wachsende Schülerzahlen haben, für die wir mehr Personal bräuchten“, meint Präsidentin Fleischmann und stellt klar: „Wenn die Politik im Bildungsbereich spart - es ist die Rede von 600 Millionen Euro -, dann ist das ein fatales Signal. Bei Rekord-Schülerzahlen darf man nicht die Zahl der Lehrkräfte deckeln!“
» zum Interview in der Evangelischen Zeitung: “Krise an Bayerns Schulen: Lehrerverband kritisiert Stellenmoratorium”
» zum Bericht im Sonntagsblatt: „Fehlende Lehrkräfte: Lehrerverband befürchtet massive Unterrichtsausfälle an Mittelschulen" (gekürzte Fassung des EPD-Interviews)
Stellenmoratorium im Lehrkräftemangel
Startseite Topmeldung
„Bei Rekord-Schülerzahlen darf man nicht die Zahl der Lehrkräfte deckeln!“
Was an Schulen wegfällt, wenn das geplante Stellenmoratorium greift, und warum Mittelschulen besonders leiden, schildert BLLV-Präsidentin Fleischmann im EPD-Gespräch. Das Ergebnis ist für Schüler:innen und Lehrkräfte fatal: „Das System fährt auf Verschleiß!“