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Schulstart: Sprachkompetenz, Gruppenverhalten und Konzentrationsfähigkeit sind entscheidend

Womit sich Kinder beim Schulstart in der Praxis oft schwertun, schildert BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann im Gespräch mit dem Stern. Sie gibt Tipps für Eltern und stellt klar, wie sich das Bildungssystem veränderten Voraussetzungen anpassen muss.

„Wir haben oft schon nach wenigen Wochen gemerkt, welches Kind es besonders schwer haben wird. Das ist wahnsinnig traurig, denn vor einem sitzt ein sechsjähriges Kind!“

So schildert Simone Fleischmann im Gespräch mit dem Stern eine Erfahrung, die viele Lehrkräfte mit Schulanfängern machen – und analysiert, woran das meistens liegt.

Sprache ist der Schlüssel zu allem – aber Diagnostik allein reicht nicht

„Man hat erkannt, dass die Wahrscheinlichkeit, gut durch die Grundschule zu kommen, sehr stark mit den Sprachkompetenzen zusammenhängt“, betont die BLLV-Präsidentin. „Deutschlandweit wissen wir, dass rund 25 Prozent der Kita-Kinder mit einer nichtdeutschen Familiensprache aufwachsen. Deshalb spielt die Sprachkompetenz für einen erfolgreichen Schulstart eine zentrale Rolle.“

Deswegen findet Fleischmann den Ansatz, möglichst schon in jungem Alter festzustellen, welche Sprachkompetenzen Kinder mitbringen, auch genau richtig. Dabei darf es aber nicht bleiben: „Wir brauchen frühzeitige Diagnostik, aber eben auch die passende Förderung. Denn Diagnostik allein hilft keinem Kind.” Letzteres scheitert in der Praxis aber leider viel zu häufig am fehlenden Personal für solide Sprachförderung, wie der BLLV immer wieder bei den politisch Verantwortlichen anmahnt. 

Immer mehr psychisch belastete Kinder in ganz Deutschland

Präsidentin Simone Fleischmann berichtet aber auch über nachlassende motorische Fähigkeiten und Selbstständigkeit im Alltag. Vor allem aber: „Die sozial-emotionale Kompetenz macht uns große Sorgen. Viele Kinder haben Schwierigkeiten, mit Frustrationen umzugehen. Ein Kind sollte sich in einer Gruppe zurechtfinden, anderen zuhören können, sich auch einmal zurücknehmen und gleichzeitig seine eigenen Bedürfnisse angemessen ausdrücken können. Es sollte warten können, bis es an der Reihe ist, und sich zutrauen, vor anderen etwas zu sagen. Schule ist ein sozialer Raum. Deshalb ist diese Fähigkeit für einen gelungenen Schulstart besonders wichtig.“

Wenn diese Fähigkeit schon zum Schulstart fehlt, ist das eine ungute Weichenstellung für den Bildungsweg junger Menschen, warnt Simone Fleischmann und verweist auf aktuelle Zahlen: „Nach dem Deutschen Schulbarometer weist etwa ein Viertel der 8- bis 17-Jährigen psychische oder psychiatrische Auffälligkeiten auf. Solche Schwierigkeiten entstehen aber nicht erst mit acht Jahren. Deshalb müssen wir Kinder schon früh darin unterstützen, mit Frustrationen umzugehen, Krisen zu bewältigen und sich in einer Gruppe zurechtzufinden.“

Kinder brauchen menschliche Aufmerksamkeit statt Medien

Mangelnde soziale Kompetenz kann auch eine Folge übermäßigen Medienkonsums bei Kindern sein – was sich außerdem auch auf eine weitere für den Schulerfolg wichtige Fähigkeit auswirkt: „Kolleginnen und Kollegen berichten, dass sie den Unterricht heute anders planen müssen, weil sich viele Kinder deutlich kürzer konzentrieren können“ berichtet BLLV-Präsidentin Fleischmann. „Wir führen das auch auf den Medienkonsum zurück. Kinder wachsen heute ganz anders auf als noch vor wenigen Jahren.“

Hier betont Fleischmann, wie wichtig die Zusammenarbeit von Schule, Eltern und Kitas ist – nicht nur was die sinnvolle Einschränkung und Begleitung der Mediennutzung durch Kinder angeht, sondern auch mit Blick auf Alternativen: „Vorlesen bleibt unglaublich wichtig. Ebenso gemeinsames Singen, Reime, Gespräche oder gemeinsames Spielen. Eltern sollten sich in diesen Momenten ganz auf ihr Kind konzentrieren.“

Nicht jede Kind hat eine faire Chance – egal wie intelligent und talentiert

Auch Aktivitäten außerhalb des Elternhauses oder der Bildungseinrichtungen wären für Kinder wichtig: „Wir sehen, dass Vereinsleben oder andere gemeinschaftliche Aktivitäten für manche Kinder eine geringere Rolle spielen als früher – auch dadurch fehlen manchen Kindern wichtige soziale Erfahrungen“, berichtet Simone Fleischmann.

Einen eindringlichen Appell für mehr Bildungsgerechtigkeit richtet die BLLV-Präsidentin an die Politik: „Der soziale, kulturelle und familiäre Hintergrund hat nach wie vor einen sehr großen Einfluss auf die Bildungschancen von Kindern. Uns muss es gelingen, jedes Kind bestmöglich zu fördern – unabhängig von seiner Herkunft und den Möglichkeiten, die es von zu Hause mitbringt. Wir dürfen Kinder aber nicht aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer familiären Voraussetzungen verlieren. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen seit vielen Jahren vor. Wir wissen, wie wichtig frühe Förderung und individuelle Unterstützung sind. Entscheidend ist jetzt, diese Erkenntnisse auch konsequent umzusetzen.“

Solange die Rahmenbedingungen für individuelle Förderung aber systemisch und personell so aussehen wie aktuell, ist die Perspektive schwierig – und es drohen mehr Sechsjährige, die schlechtere Chancen auf einen guten Schulstart haben.

» zum Bericht des Stern: „‘Die wichtigsten Fähigkeiten entstehen vor der Einschulung‘“