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Kommentar zum Gesamtkonzept Unterrichtsversorgung Startseite Topmeldung
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Was nutzt die gute Analyse bei miserablen Rahmenbedingungen?

Das Kultusministerium hat ein Maßnahmenpaket für das Schuljahr 2026/27 vorgestellt. Hans Rottbauer, Leiter der Abteilung Dienstrecht und Besoldung im BLLV, zum Gesamtkonzept Unterrichtsversorgung: Statt weiteren Analysen brauchen wir bessere Rahmenbedingungen!

Bayerns Kultusministerin Anna Stolz ließ heute das sogenannte Gesamtkonzept Unterrichtsversorgung für das nächste Schuljahr 2026/27 veröffentlichen. Die Zahlen und die daraus resultierende Analyse ist richtig. Wir haben Lehrermangel. Eine Tatsache, die nicht neu ist und von allen Beteiligten auch anerkannt wird.

Das veröffentlichte Gesamtkonzept zeigt eine so genannte Unterdeckung des Bedarfes – also fehlende Lehrerinnen und Lehrer – für alle Schularten, ausgenommen der Grund- und der Realschule. Am Gymnasium fehlen mit 740 Lehrkräften die meisten Kolleginnen und Kollegen, gefolgt von der Mittelschule mit 210, den Förderschulen mit 80 und den beruflichen Schulen mit 50 fehlenden Vollzeitkräften. An Grundschulen und Realschulen gibt es im nächsten Schuljahr laut Kultusministerium keine Unterdeckung. Hier sollen also genügend Lehrkräfte vorhanden sein.

Richtige Analyse, falsche Schlussfolgerungen

Die Zahlen überraschen nicht, wenn man sie auch durchaus kritisch betrachten sollte. So ist die Deckung des Bedarfs an den Realschulen nur durch Kürzungen bei den freiwilligen Angeboten und durch strengere Vorgaben bei Klassen- und Gruppenbildung möglich. Die Grundschule wäre ebenfalls noch weit von einer ausreichenden Versorgung entfernt, wenn man ihr alle freiwilligen Angebote und Kürzungen der letzten Jahre wieder zurückgeben würde. Ebenso verfälscht ist das Bild bei den Mittelschulen, deren Unterdeckung noch um ein Vielfaches größer wäre, wenn man alle Aushilfskräfte oder befristet angestellten Hilfskräfte herausrechnen würde und nur diejenigen zählen würde, die tatsächlich für den Beruf der Mittelschullehrkraft vollständig ausgebildet sind. Ähnlich ist die Situation dann auch an den Förderschulen, die seit Jahren ebenfalls unter einem großen Mangel an ausgebildetem Personal leiden. Die Unterdeckung bei den Gymnasien resultiert aus der Wiedereinführung des G9 und der Blick auf die weit verzweigte Berufsschullandschaft lässt auch in diesem Bereich Zweifel an den Zahlen aus dem Gesamtkonzept aufkommen.

Trotzdem aber muss man konstatieren, dass die Analyse stimmt. Wir haben zu wenig Lehrkräfte für Bayerns Schulen und für die Schülerinnen und Schüler an diesen Schulen.

Medienbericht

Bayerischer Rundfunk

Unterrichtsversorgung an Schulen: Lehrerverbände schlagen Alarm

BR24 berichtet über die Kritik des BLLV am Konzept der Kultusministerin für die Lehrkräfteversorgung sowie am Stellenmoratorium des MP und zitiert Präsidentin Simone Fleischmann und Dienstrechts-Experte Hans Rottbauer ... weiterlesen

Simone Fleischmann im Wortlaut bei BR24:

“BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann fordert schon seit Monaten eine Abkehr vom Stellenmoratorium: 'Wir dürfen nicht an unseren Kindern sparen!'

Hans Rottbauer im Wortlaut bei BR24:

"Hans Rottbauer vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) betont, das Stellenmoratorium sei eine Maßnahme, ‘die an den Stammtischen gut ankommen mag’, aber Schulen ‘in ärgste Bedrängnis’ bringe."

"Auch Grundschulen wären laut BLLV weit von einer ausreichenden Versorgung entfernt, ‘wenn man ihr alle freiwilligen Angebote und Kürzungen der letzten Jahre wieder zurückgeben würde’. An Mittelschulen, erläutert Rottbauer, wäre die Unterdeckung um ein Vielfaches größer, ‘wenn man alle Aushilfskräfte oder befristet angestellten Hilfskräfte herausrechnen würde’. Und für 2026 gehe man dort von einem Schülerzuwachs im mittleren bis hohen vierstelligen Bereich aus.

Hans Rottbauer im Wortlaut bei Bildung.Table:

“Hans Rottbauer vom BLLV kritisiert, diese Maßnahmen würden Lehrkräfte weiter belasten. Dies spiegele sich auch in zunehmenden Zahlen der Dienstunfähigkeit wieder.”


Zunehmende Belastung der Lehrkräfte

Was aber nicht passt, ist, wie man diesem Mangel begegnen will. So werden an allen Schularten die Lehrkräfte, die man hat, durch größere Gruppen und Klassen immer noch weiter belastet. An Grund-, Mittel- und Förderschulen kommt hier noch das unselige Piazolo-Paket hinzu, durch das die Lehrkräfte durch enorme Einschränkungen in den Teilzeitmöglichkeiten, einem Hinausschieben des Antragsruhestandes oder einem Arbeitszeitkonto in den Grundschulen ebenfalls noch mehr belastet werden. Extrem angestiegene Zahlen bei begrenzten Dienstfähigkeiten und Dienstunfähigkeiten belegen dieses ständige Überschreiten der Belastungsgrenzen des bestehenden Personals. Man fährt schon lange im tiefroten Bereich, dreht aber weiterhin an der Belastungsschraube. Das dies auf Dauer nicht gut gehen kann, sollte eigentlich jedem bewusst sein.

Und dann gibt es noch den Bereich, den das Kultusministerium nicht in der Hand hat. Dieser liegt in der Verantwortung der Regierung und des Ministerpräsidenten. Hier belastet die Schulen vor allem das sogenannte Stellenmoratorium. So hat Ministerpräsident Markus Söder angekündigt, dass es im Doppelhaushalt 2026/2027 keine neuen Stellen im bayerischen Staatshaushalt, und damit auch an den Schulen, geben wird. Eine Maßnahme, die an den Stammtischen gut ankommen mag, die die Schulen aber in ärgste Bedrängnis bringt. Alleine an der Mittelschule geht man von einem Schülerzuwachs im Jahr 2026 im mittleren bis hohen vierstelligen Bereich aus. In dem Jahr, in dem es absolut keine zusätzlichen Stellen geben wird. Und auch die Zusage, dass es dann 2027 zumindest für den Schulbereich 1500 neue Stellen geben wird, reicht niemals aus, die akuten Bedarfe zu decken.

Es scheitert an den Rahmenbedingungen

Es soll also nach der passenden Analyse – weiterhin auf dem Rücken der Kolleginnen und Kollegen – durch Mehrbelastung und Überlastung, durch befristet und wenig bis hin zum nicht ausgebildeten Hilfspersonal und das Verschieben von Lehrkräften aus überdeckten in unterdeckte Bereiche sichergestellt werden, dass Bayerns Schulen funktionieren. 

Sogar das Kultusministerium selbst ist sich bewusst, dass wir dringend neue und zusätzliche Lehrkräfte brauchen. Dazu brauchen wir aber die passenden Rahmenbedingungen. Mit Stellenmoratorien oder gar Stellenabbau oder anderen Maßnahmen, die die Attraktivität des Lehrerberufes torpedieren, wie zum Beispiel der angekündigten verspäteten Übertragung des Tarifergebnisses auf die bayerischen Beamtinnen und Beamten, wird dies nicht gelingen.

Es bleibt also dabei. Die Analyse passt, aber ohne die passenden Rahmenbedingungen nützt die beste Analyse nichts.

Statement von Tobias Schreiner, Leiter der Fachgruppe Realschule im BLLV, zur Situation aus Sicht der Realschulen

Das “Gesamtkonzept Unterrichtsversorgung” wird nicht zuletzt auch die Realschulen betreffen und bedeutet für uns nicht weniger als einen massiven Einschnitt in die Bildungsqualität an den Realschulen in Bayern.

Worum geht es?

  • Nach der Prognose 2025 wird für das kommende Schuljahr insgesamt ein Zuwachs von rund 3.800 Schülerinnen und Schülern an den staatlichen Realschulen erwartet.
  • Aufgrund des Stellenmoratoriums kann den Schulen jedoch nur dieselbe Zahl an Lehrerkapazitäten wie im Schuljahr 25/26 zugewiesen werden.
  • Um diese Versorgungslücke zu schließen, kürzt das Kultusministerium (KM) die Zuweisung der Lehrkräftestunden (durch eine veränderte Budgetformel): "Deshalb erhalten die staatlichen Realschulen durchschnittlich ein um rund 2% geringeres Grundbudget an Lehrerstunden."
  • Das KM sieht "maßgebliche Stellschrauben [...] beispielsweise bei der Klassen- und Gruppenbildung sowie durch die Fokussierung des besonderen Unterrichtsangebots auf zentrale Bereiche" und weist vorsorglich nochmal darauf hin:
  • "Die Einrichtung von Pflichtunterricht, Ergänzungs- und Förderunterricht hat klaren Vorrang vor Wahlunterrichtsangeboten." 

Das bedeutet konkret:

Söders Stellenmoratorium führt an den Realschulen zu:

  • größeren Klassen,
  • weniger Differenzierung,
  • weniger individueller Förderung,
  • weniger Schulleben,
  • mehr Belastung für die Lehrkräfte!

Was das KM möglichst harmlos zu formulieren versucht, heißt nichts weniger, als dass jeder Realschule in etwa eine Lehrerstelle gestrichen wird - zu Lasten genau der Dinge, die Schule zum Lebensort machen und die dazu führen, dass Schülerinnen und Schüler besonders gefördert werden - das trifft besonders die schwächeren Schülerinnen und Schüler, wenn z.B. Förderunterricht der Sparmaßnahme zum Opfer fällt. Aber auch der musische, künstlerische und technische Bereich wird massiv leiden, wenn es keinen Chor, kein Theater und keine Technik-AG mehr gibt.

Wo wir Entlastung fordern, erhöht die Staatsregierung den Druck auf das Personal. Das wirkt sich massiv auf die Motivation der Lehrkräfte aus, aber durch die zu erwartenden Streichungen auch auf die Lernfreude der Schülerinnen und Schüler aus - und das gerade in den Bereichen, die Schule zum Lebensort machen.

Zugleich kann es durch das Stellenmoratorium in einigen Fächerverbindungen dazu kommen, dass bestens ausgebildete Realschullehrkräfte nicht in den Staatsdienst übernommen werden. Und da diese Lehrkräfte anderswo dringend gesucht werden, werden sie dann auch im nächsten Jahr nicht zur Verfügung stehen, sondern gehen dem bayerischen Schulwesen dauerhaft verloren - ein Wahnsinn, nachdem man jahrelang in ihre Ausbildung investiert hat.

Fazit

Die Fachgruppe Realschule im BLLV sieht in den vorgesehenen Maßnahmen einen massiven Einschnitt in die Bildungsqualität an den Realschulen in Bayern. Gerade das zu streichen, was individuelle Förderung ermöglicht und was Schülerinnen und Schülern erlaubt, ihre Talente und Begabungen zur Geltung zu bringen und Schule zum Lebensraum macht, ist ein Schlag ins Gesicht aller engagierten Lehrkräfte und Schulleitungen und ein fatales Signal gerade in der derzeitig heiklen personellen Gesamtsituation.

Wir betonen daher nochmals die bestehende Forderung des BLLV, das Stellenmoratorium für den Schulbereich vollständig aufzuheben und insbesondere allen fertig ausgebildeten Realschullehrkräften ein Stellenangebot zu machen. 

So nicht!

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