Die Welt mit verschiedenen Augen sehen
Manchmal beginnen Abenteuer direkt vor der Haustür oder mit einer ungewöhnlichen Freundschaft. Und manchmal ist es der Blick in die Vergangenheit, der die Gegenwart verändert. Drei lesenswerte Bücher voller Entdeckungen und bewegender Momente.
Nachts am Teich
von Sophia Kimmig
- Mit Illustrationen von JuLi Litkei
- Verlag: Gerstenberg
- ISBN: 978-3-8369-6392-3
- Preis: 18,00 Euro
- Seiten: 32
- Altersempfehlung: ab 5 Jahren
Mara verbringt mit ihrem Opa eine Nacht im Zelt am Teich. Dabei entdecken sie, wie viele Tiere nachts unterwegs sind.
Ein wunderschönes Sachbilderbuch für alle naturinteressierten Kinder und ihre erwachsenen Vorleser:innen – nicht nur Omas und Opas.
Inhalt
Mara und ihr Opa wollen eine Nacht am Teich zelten. Gemeinsam beobachten sie, wie sich der Tag langsam verabschiedet und die Nacht erwacht. Sie entdecken Spuren, hören Frösche quaken, Grillen zirpen. Der Schein der Taschenlampe erfasst plötzlich einen Fuchs.
Dann sitzen sie im Dunkeln am Teich und versuchen mit all ihren Sinnen, die Umgebung wahrzunehmen. Doch langsam wird es kalt. Opa und Mara kuscheln sich in ihre warmen Schlafsäcke und schlafen ein. Am nächsten Morgen kommt Oma, um die beiden kurz vor Sonnenaufgang zu wecken, damit sie die „besonderen letzten Minten der Nacht nicht verpassen“. Gemeinsam beobachten sie die Morgendämmerung.
Bewertung
Warmherzig, stimmungsvoll und wunderschön illustriert ist dieses Bilderbuch, das uns, eingebettet in die Geschichte von Mara und Opa, die Geheimnisse der Nacht und ihrer Lebewesen nahebringen möchte. Dabei sind die Bilder recht dunkel gehalten, teils etwas verschwommen, so, wie wenn man selbst in die Nacht hineinschauen würde. JuLi Litkei gelingt es, die Atmosphäre der Nacht perfekt einzufangen. Je länger man die Bilder betrachtet, desto mehr lässt sich entdecken. Im Anhang gibt es sogar noch zusätzliche Suchaufträge.
Sophia Kimmig lässt mit ihren bildlichen, fast schon lyrischen Beschreibungen die Nacht mit all ihren Geräuschen und Gerüchen lebendig werden. Wir können fühlen, was Mara und ihr Opa erleben. Diese Opa-Enkelin-Geschichte macht Lust, selbst so eine besondere Nacht im Zelt in der freien Natur zu verbringen und die Natur mit offenen Augen und Ohren zu erleben. Verschiedene Tierstimmen, passend zum Buch, kann man zusätzlich auf der Verlagsseite anhören.
Ein wunderschönes Buch für alle naturinteressierten Kinder und ihre erwachsenen Vorleser:innen – nicht nur Opas und Omas.
Eine Oma für alle Fälle
von Christian Wichmann
- Mit Illustrationen von Julia Christians
- Verlag: Carlsen
- ISBN: 978-3-551-55974-6
- Preis: 15,00 Euro
- Seiten: 85
- Altersempfehlung: ab 8 Jahren
Edgar bekommt eine neue Nachbarin. Schnell freunden sich die beiden an, obwohl sie komplett unterschiedlich sind.
Ein amüsantes und humorvolles Kinderbuch über eine außergewöhnliche Freundschaft zwischen zwei völlig konträren Persönlichkeiten, die sich gegenseitig wunderbar ergänzen und bereichern.
Inhalt
Da Edgars Eltern viel arbeiten, ist er oft allein. Als er seine neue Nachbarin, Frau Koschlitz, kennenlernt, ist er zunächst schockiert. Für Edgar sind Ordnung und Struktur sehr wichtig. Er achtet auf passende Kleidung und auf eine gesunde Ernährung. Frau Koschlitz dagegen kleidet sich kunterbunt, auch ihre Wohnung gestaltet sie äußerst ungewöhnlich. Ihre Ernährung besteht vor allem aus ungesunden Sachen und Süßigkeiten.
Obwohl die beiden so unterschiedlich sind, werden sie Freunde und erleben die tollsten Sachen zusammen. So gibt es eine Jeden-Tag-Geburtstagsparty, sie fassen gemeinsam einen Juwelendieb und sie nehmen es auch mit Nachbarin Manteufel auf, die eine absolut unsympathische und rechthaberische Frau ist. Auch Edgars Eltern geben rasch ihre Vorurteile gegenüber Frau Koschlitz auf.
Bewertung
Edgar ist für seine acht Jahre ein ungewöhnlicher Junge, Frau Koschlitz eine ungewöhnliche Frau, die ihr Leben ganz bewusst leben will, um all das zu machen, wozu sie Lust hat. Trotz ihrer unterschiedlichen Vorlieben und trotz ihres großen Altersunterschiedes werden die beiden schnell Freunde. Ganz bewusst werden hier zwei Charaktere miteinander in Beziehung gebracht, die sehr besonders sind – und so genau richtig. Diese Geschichte liest sich witzig, kindgerecht und fantasievoll. Auch zum Vorlesen eignet sie sich hervorragend. Die vielen farbigen, ausdrucksvollen Illustrationen sind ein weiteres Highlight.
Die Mut-Sammlerin
von Stefanie Taschinski
- Mit Illustrationen von Bea Davies
- Nachwort von Bernhard Esser
- Verlag: Fischer und Sauerländer
- ISBN: 978-3-7373-7648-8
- Preis: 15,00 Euro
- Seiten: 207
- Altersempfehlung: ab 11 Jahren
Emmi liest das Tagebuch ihrer mutigen Ururoma Elsa. Deren Verhalten gibt ihr die Kraft und den Mut, den Sintigeschwistern Bianca und Giano beizustehen. Diese werden von zwei Jungen aufgrund ihrer Herkunft drangsaliert und gemobbt.
Dieses Kinderbuch wurde inspiriert von einer wahren Familiengeschichte. Aus dieser Chronik entstand eine wunderbar geschriebene, sensible und berührende Erzählung.
Inhalt
Die zwölfjährige Emmi traut es sich nicht zu, allein mit ihrer Freundin zu verreisen. Nun verbringt sie stattdessen ihre Ferien bei ihren Großeltern. Auf deren reparaturbedürftigem Dachboden entdeckt sie nicht nur einen Siebenschläfer, sondern auch das Tagebuch ihrer Ururgroßmutter Elsa. Sie vertieft sich in die Lektüre und erfährt nicht nur etwas über das harte Arbeitsleben der damals gleichaltrigen Elsa Anfang des 20. Jahrhunderts, sie liest von der Zeit des ersten Weltkrieges und von den Anfängen des Nationalsozialismus in Deutschland. Elsas Mann wird schwer verletzt, ihr Sohn wird ermordet. Trotz allem bleibt Elsa mutig und schaut nach vorne.
In der Gegenwart lernt Emmi Bianca und ihren Bruder Ginaro kennen. Mehrmals muss sie erleben, wie die beiden von zwei größeren Jungen gemobbt und bedroht werden. Als Grund genügt den beiden, dass die Geschwister Sinti sind. Die Mädchen freunden sich an, dennoch schafft es Emmi nicht, Bianca mutig beizustehen.
Als Emmi beobachtet, dass die Mobber sich an den Rädern der Sinti-Kinder merkwürdig verhalten, diese aber nicht stehlen, denkt sie sich nichts dabei. Doch als Emmis Schwester mit Ginaros Fahrrad fährt, versagen die Bremsen und sie verunglückt schwer. Ihre Familie muss um ihr Leben bangen. Der Mut ihrer Ururgroßmutter gibt Emmi die Kraft, auch mutig und verantwortungsvoll zu handeln. Nun gelingt es Emmi gemeinsam mit Bianca, die beiden Jungen mit ihrer Tat zu konfrontieren, und auch die Erwachsenen werden miteinbezogen.
Bewertung
Die Autorin erzählt die Geschichte von Emmi sehr berührend, teils fast poetisch anmutend. Die Tagebucheinträge von Elsa sind dagegen sehr kurz gehalten mit großen Zeitsprüngen zwischen den einzelnen Passagen. Elsa erlebt in diesen Jahren viel Glück, aber sie muss auch furchtbare Schicksalsschläge verkraften. Trotzdem verliert sie nie den Mut und die Hoffnung. Inspiriert davon gelingt es nun auch Emmi, mutig zu werden und sich für andere einzusetzen.
Stefanie Taschinskis Kinderbuch wurde von Bernhard Essers Familiengeschichte inspiriert – sicher auch ein Grund dafür, dass dieses Buch so unter die Haut geht, berührt und mitnimmt. Kindgemäß und eindrücklich werden die Geschehnisse während des ersten Weltkrieges, aber vor allem auch die Jahre vor und während des zweiten Weltkrieges durch die kurzen Tagesbucheinträge von Elsa dem Leser vor Augen geführt. Gerade in der heutigen Zeit enthält dieses Kinderbuch ein wichtiges Statement. „Es ist eine Geschichte von Haltung und Widerstand in unmenschlichen Zeiten – und von der Frage, was jede und jeder Einzelne dem entgegensetzen kann“ (S. 202). Unbedingt lesen!
<< Buchtipps vom Forum Lesen