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Fantasie kennt keine Grenzen

Was passiert, wenn eine Feder magische Kräfte besitzt, nachts im Krankenhaus Träume wahr werden oder ein rätselhafter Name zur Spurensuche einlädt? Drei neue Buchtipps über magische Begegnungen, geheime Abenteuer und Gefühle, die zum Nachdenken anregen.

Der Turbospecht

Von Matthias Kröner

 

 

 

 

  • Illustrationen: Judith Mattes
  • Verlag: Rotfuchs, Imprint von Fischer Sauerländer
  • ISBN: 978-3-7571-0249-4
  • Preis: 13,90 Euro
  • Seiten: 141
  • Altersempfehlung: ab 9 Jahren

Winnie ist mit ihrer Familie kurz vor den Sommerferien nach Kleinbettingen gezogen. Aus der Ferienruhe wird allerdings erst einmal nichts, denn Herr Radetzky sorgt mit seinem durchdringenden Hämmern im nachbarlichen Garten für Verdruss. Zum Glück kann Winnie zu ihrem Mitschüler John flüchten. Bei ihren gemeinsamen Streifzügen durch den nahegelegenen Wald treffen sie auf einen wunderschönen Specht. Winnie nimmt eine seiner Federn an sich. Hat sie magische Kräfte?

Eine wunderbar warmherzige, etwas skurrile Sommergeschichte, mit einer liebenswerten Ich-Erzählerin, einem Hauch Magie und ordentlich Tiefgang. Sehr empfehlenswert!

Inhalt

Winnie Schraubritter ist mit ihren Eltern und ihrem älteren Bruder Robert kurz vor Beginn der großen Ferien aus Stuttgart nach Kleinbettingen gezogen, weil ihre Mutter eine neue Arbeitsstelle hat. Ihr Vater ist Schriftsteller. Weil er ein neues Buch schreiben will und dafür ein gut funktionierendes Internet braucht, können die Schraubritters zur großen Enttäuschung der Kinder dieses Jahr nicht, wie sonst immer, an die Mecklenburgische Seenplatte fahren. Ein Lichtblick für Winnie ist da John, ein Mitschüler, der nur vier Straßen weiter wohnt. Er ist zwar anders als Winnie eine Leseratte und dabei ein wenig unsportlich und ängstlich, aber hat Lust, etwas mit Winnie zu unternehmen. 

Schon am ersten Tag der Ferien ist Familie Schraubritter allerdings völlig entnervt, denn ihr Nachbar, Herr Radetzky, beginnt bereits in den frühen Morgenstunden damit, Holzpflöcke mit dem Hammer zu bearbeiten. Wie sich später herausstellt, will er eine doppelstöckige Terrasse mit einer Brüstung bauen, die sich seine jüngst verstorbene Ehefrau so sehnlich gewünscht hat. Vor dem durchdröhnenden Hämmern gibt es kein Entkommen und während das Holzbauwerk wächst, ist Herr Schraubritter schon am zweiten Ferientag völlig verzweifelt, denn es gelingt ihm nicht, sich auf die Arbeit an seinem neuen Buch zu konzentrieren.

Winnie dagegen flüchtet sich zu John. Bei einer ihrer gemeinsamen Unternehmungen im Wald werden sie auf einen wunderschönen Specht aufmerksam, der genauso wie Herr Radetzky laut hämmert, allerdings an einem Baumstamm. Winnie nimmt sich eine seiner Federn mit nach Hause und ist fasziniert von deren magischer Schönheit. Und dann geschehen in der Nacht höchst seltsame Dinge. Sie führen am Ende dazu, dass die Schraubritters ihrem Nachbarn beim Bau seiner Terrasse helfen. Und die Menschen in Kleinbettingen, die sich zuvor hinter großen Hecken in ihren Häusern verschanzt hatten, kommen plötzlich miteinander ins Gespräch und am Ende sogar ins Fernsehen.

Bewertung

Jede Figur in dieser Geschichte hat so ihre Eigenheiten und Winnie mit ihrer großen Klappe (so sagt der Autor selbst) bringt die Menschen zusammen: Sie ist es z. B., die erkennt, dass man Herrn Radetzky helfen muss, statt mit ihm zu streiten. Sie beobachtet sehr genau, wie sich die Menschen verhalten, und kommentiert das mit ihrer schlagfertigen Art. Dabei ärgert sie sich oft, dass sie immer wieder sofort den ersten Gedanken, der ihr durch den Kopf geht, laut ausspricht. Allerdings trifft sie mit ihren Feststellungen dabei oft den Nagel auf den Kopf. Gleichzeitig hat sie ein großes Einfühlungsvermögen und weiß sehr genau, wann sie mit dem, was sie sagt, ihr Gegenüber verletzt. 

So ist die alltagsnahe und sehr witzig erzählte Geschichte gleichzeitig sehr anrührend, wenn es z.B. darum geht, dass der Nachbar mit dem Bau der Terrasse den Tod seiner Frau verarbeitet oder sich die anfangs etwas trocken wirkende Lehrerin Frau Braunschlier und der Witwer beim gemeinsamen Bau der Terrasse näherkommen. Beeindruckend auch, wie fürsorglich John mit seiner Tante umgeht, die Longcovid hat. Die lustigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen illustrieren die Handlung wunderbar.

Die patente Protagonistin und ein Hauch Magie bewirken zusammen letztlich, dass sich alles zum Guten wendet. Eine wunderbar warmherzige Sommergeschichte mit ordentlich Tiefgang. Sehr empfehlenswert!

Die Mitternachtsbande

Von David Walliams

 

 

 

 

  • Illustrationen: Tony Ross
  • Verlag: Rotfuchs, ein Imprint von Fischer Sauerländer
  • ISBN: 978-3-7335-0969-9
  • Preis: 12,00 Euro
  • Seiten: 480
  • Altersempfehlung: ab 10 Jahren

Tom wird im Krankenhaus Mitglied der „Mitternachtsbande“, die jede Nacht im Keller des Krankenhaues einem Kind einen Traum erfüllt. So darf z. B. der etwas korpulente George fliegen, Amber trotz der gebrochenen Arme und Beine an den Nordpol reisen und Sally ein ausgefülltes Leben in einer Nacht erleben.

Eine spannende und gleichzeitig berührende und warmherzige Geschichte, in der der Autor in gewohnter Weise nicht mit skurrilen Handlungselementen spart.

Inhalt

Tom wacht mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus auf und schließt schnell Freundschaft mit den anderen Kindern auf der Station, die alle in irgendeiner Weise krank oder verletzt sind: Er wird von Amber, Robin und George in die Mitternachtsbande aufgenommen. Sally ist sehr geschwächt und kann daher in der Bande nicht mitmachen. Deshalb wünscht sich Tom, dass Sallys Traum in der Folgenacht erfüllt wird. Allerdings müssen die Kinder die gemeine Stationsschwester austricksen, die die Kinder gar nicht mag. Doch für Sally wird es eine tolle Nacht, die ihr zeigt, dass die Freunde alles ihnen Mögliche machen, um anderen eine Freude zu bereiten. Tom findet durch die „Mitternachtsbande“ zum ersten Mal im Leben Freunde und wächst auch mit seinen Eltern wieder enger zusammen.

Zu Beginn werden die Hauptpersonen, die auf der Kinderstation behandelt werden bzw. im Krankenhaus arbeiten, ebenso wie der Aufbau des Hauses bildlich und mit einer kurzen Einführung vorgestellt, sodass man sich schnell orientieren kann. Und dann erleben wir Tom, den Protagonisten, auch gleich in Walliams-typisch skurrilen Situationen: Er erwacht auf einer Krankenhausliege und wird gerade von einem furchtbar hässlichen Pfleger geschoben, dann von einer ruppigen Krankenschwester betreut und von einem jungen Arzt behandelt, der kein Blut sehen kann, ihm aber ellenlange Formulare zum Ausfüllen vorlegt. Später, als er auf Station liegt, ist eine Krankenschwester zuständig, die ein strenges Regiment führt und dabei Georges Pralinen stiehlt, um sie selbst zu essen.  Wie gut, dass die Kinder der Mitternachtsbande sie mit Schlafmittel präpariert haben, sodass sie sich heimlich in den Keller schleichen können, wo sie ihre fantastischen Abenteuer erleben.

Bewertung

Im Vergleich zu anderen Kinderromanen des beliebten Autors ist „Die Mitternachtsbande“ nicht ganz so skurril wie gewohnt. Das mag schon dem Setting geschuldet sein: Die Handlung spielt schließlich im Krankenhaus und kranke und verletzte Kinder stehen im Mittelpunkt. Dabei nimmt Walliams mit den skurrilen Elementen, insbesondere völlig überzeichneten Nebenfiguren, in seiner berührenden und warmherzigen Geschichte genau dieser Situation die Schwere. Er zeigt, wie wichtig Freundschaft, Zusammenhalt und Fantasie sind, thematisiert aber auch Ausgrenzung und problematische Familienverhältnisse. Dabei ist die Handlung äußerst fesselnd und wird durch die vielen Schwarz-Weiß-Zeichnungen zu etwas Besonderem.

Sehr empfehlenswert, nicht nur für die Walliams-Fangemeinde!

Wolkenhoch: Mission 15. Stock

Von Wiebke Strank

 

 

 

 

  • Illustrationen: Rán Flygenring
  • Verlag: Gerstenberg
  • ISBN: 978-3-8369-6410-4
  • Preis: 16,00 Euro
  • Seiten: 124
  • Altersempfehlung: ab 11 Jahren

Als eines Tages der Name „G.Ott“ auf dem Klingelschild im Hochhaus auftaucht, ist Rocks Neugier geweckt: Sie macht sich auf den Weg nach oben, um herauszufinden, wie dieser Herr Ott mit Vornamen heißt und wer sich hinter dem Namen verbirgt. Sie arbeitet sich Stockwerk für Stockwerk nach oben vor. Immer an ihrer Seite ist dabei in ihrer Fantasie ihre Mitschülerin Jule, in die sie verliebt ist, die sie sich im wirklichen Leben aber nicht anzusprechen traut. 

Das Buch verbindet eine spannende Spurensuche in einem Hochhaus mit einer feinfühligen Geschichte über die erste Liebe, familiäre Herausforderungen sowie die Kraft der Literatur und der Fantasie. 

Inhalt

Rock lebt zusammen mit ihrer Mutter im Erdgeschoss eines 15-stöckigen Hochhauses. Ihr Familienleben ist nicht einfach, denn ihre Mutter leidet phasenweise unter Niedergeschlagenheit oder Traurigkeit, sodass oft Rock die Sorge für sie übernehmen muss. Über den Vater weiß Rock kaum etwas. Rocks besondere Leidenschaft gilt dem Lesen. Statt gewöhnlicher Kinderliteratur verschlingt sie allerdings echte Klassiker wie Werke von William Shakespeare oder Ernest Hemingway. Die Schulbibliothekarin Frau Fiser versorgt Rock stets mit passendem Lesestoff. 

Unsterblich verliebt ist Rock in Jule, die in ihren Augen das mutigste, sportlichste und coolste Mädchen überhaupt ist. Im echten Leben traut Rock sich nicht, Jule anzusprechen. Doch Jule ist in ihren Gedanken als Begleiterin und Mutmacherin fast immer an ihrer Seite und Rock ist ständig im gedanklichen Austausch mit ihr. So auch, als sie eines Tages feststellt, dass auf den Klingelschildern des Hochhauses plötzlich ein ungewöhnlicher Name aufgetaucht ist: „G. Ott“. Sie will unbedingt herausfinden, welcher Vorname sich hinter dem „G.“ verbirgt. Sie klingelt von unten nach oben Stockwerk für Stockwerk an den Wohnungstüren und befragt die Nachbarn nach dem mysteriösen Neuzugang. 

Dabei lernt Rock viele unterschiedliche Menschen und ihre Lebensgeschichten kennen: von der lauten Familie Hampel, die direkt über ihnen wohnt, über Frau Lüders, die eine Zwillingsschwester hat, mit der sie sich wunderbar versteht, eine dreiköpfige Rock-WG, Herrn Maracke und seine Tiere bis hin zu den Nachbarn Wunderlich und Bilgin. Schließlich trifft sie auch auf Herrn Gott. Und am Ende wagt sie es sogar, Jule anzusprechen.

Bewertung

Die Ich-Erzählerin Rock ist eine liebenswerte Protagonistin und gleichzeitig eine ganz besondere Persönlichkeit – welches Mädchen hat schon den „Sommernachtstraum“ als „Zweitlieblingsbuch“ und kennt das Buch in- und auswendig? Oder „badet jeden Abend in Shakespeare“ und zieht daraus Kraft und Mut für den Alltag, in dem sie es mit der Fürsorge für die Mutter durchaus nicht leicht hat? Dass sie mit einer besonderen Fantasie begabt ist, zeigen die vielen „Gespräche“ mit Jule, die oft höchst witzig und von Selbstironie geprägt sind.

Spannend und lehrreich sind die Einblicke, die sie und mit ihr die Lesenden in oder vor den verschiedenen Wohnungen in die so unterschiedlichen Lebensverhältnisse der Menschen erhält, die dort wohnen. 

Das Buch verbindet so eine spannende Spurensuche in einem Hochhaus mit einer feinfühligen Geschichte über die erste Liebe, familiäre Herausforderungen sowie die Kraft der Literatur und der Fantasie.


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