Besonders alarmierend für die psychische und physische Gesundheit: Knapp die Hälfte der intensiven TikTok-Nutzer:innen (49 %) fühlt sich im eigenen Körper unwohl. Wenn wir ehrlich sind: Die Algorithmen dieser Plattformen sind psychologisch hochkomplex und gezielt auf eine maximale Verweildauer programmiert. Wenn selbst wir Erwachsenen uns oft kaum der Sogwirkung des endlosen „Swipens“ entziehen können, wie sollen es dann unsere Kinder und Jugendlichen alleine schaffen?
Wir Lehrkräfte können das nicht auch noch alleine schultern
Aus meinem Alltag als Schulleiterin weiß ich: Wir Lehrkräfte geben jeden Tag unser Bestes, um die Kinder pädagogisch zu begleiten, sie aufzufangen und ihnen einen kritischen Umgang mit Medien zu vermitteln. Aber wir stoßen an unsere absoluten Grenzen. Es ist eine fatale Illusion zu glauben, dass wir die massiven Auswirkungen des digitalen Dauerkonsums – von Erschöpfung bis hin zu Konzentrationsschwächen – mal eben nebenbei im Fachunterricht abfedern können. Die Schule allein kann und darf nicht der Reparaturbetrieb für eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung sein, andernfalls brennen unsere Kolleginnen und Kollegen schlichtweg aus.
Erziehungspartnerschaft: Eltern in die Verantwortung nehmen
Was wir zwingend brauchen, ist eine starke, ehrliche Erziehungspartnerschaft auf Augenhöhe. Eltern müssen hier ganz klar Verantwortung übernehmen und mit der Schule an einem Strang ziehen. Medienkompetenz beginnt nicht erst mit der Ausgabe des ersten Smartphones, sondern weit davor. Je früher wir mit der Aufklärung und der medienpädagogischen Begleitung im Elternhaus beginnen, desto besser. Wir Schulen wollen Eltern wertschätzend mitnehmen und unterstützen, aber wir müssen auch deutlich aufzeigen, wie unverzichtbar familiäre Leitplanken und die elterliche Vorbildfunktion im analogen wie digitalen Leben sind.
Medienkompetenz ist Demokratiekompetenz: Unsere Forderungen an die Politik
Wenn 71 % der Jugendlichen im Netz mit Fake News, 43 % mit extremen politischen oder religiösen Inhalten und 40 % mit Hate Speech konfrontiert werden, ist Medienbildung ein hochrelevanter Schutz unseres demokratischen Fundaments. Ein pauschales Social-Media-Verbot löst dieses Problem nicht nachhaltig – 52 % der Jugendlichen stehen dem ohnehin zu Recht skeptisch gegenüber, da Verbote ohne Kontrolle wirkungslos verpuffen.
Damit wir als Schulen unseren essenziellen Beitrag zur Demokratie- und Medienbildung überhaupt leisten können, formulieren wir als BLLV unmissverständliche Forderungen an die bayerische Bildungspolitik:
- Zeit für Beziehungsarbeit und Mut zum Wesentlichen: Theoretisch bietet uns der kompetenzorientierte LehrplanPLUS bereits pädagogische Freiheiten. In der Praxis jedoch erstickt der immense Prüfungs- und gefühlte Stoffdruck oft genau jene Freiräume, die wir für echte Beziehungsarbeit bräuchten. Wir fordern von der Politik und Schulaufsicht ein klares, entlastendes Signal an die Schulen vor Ort: Volle Rückendeckung für ein Besinnen auf Kernkompetenzen! Wirkliche Quellenkritik, ethische Urteilsbildung und die Stärkung kindlicher Resilienz brauchen Zeit, die wir Lehrkräfte angstfrei nutzen dürfen müssen.
- Multiprofessionelle Teams an allen Schulen: Um die psychischen Belastungen durch Social Media (wie Body Shaming, Leistungsdruck oder Cybermobbing) professionell aufzufangen, ist ein sofortiger, flächendeckender Ausbau von Schulsozialarbeit und Schulpsychologie zwingend erforderlich.
- Zeitgemäße Lehrkräftebildung und Fortbildung: Das Verstehen von digitalen Lebenswelten und Künstlicher Intelligenz muss massiv, kontinuierlich und praxisnah in alle Phasen der Lehrkräftebildung und in die schulinterne Fortbildung fließen – inklusive der nötigen zeitlichen Ressourcen für die Lehrkräfte.
Die JIMplus-Studie zeigt glücklicherweise auch, wo der stärkste Resilienzanker liegt: Am wohlsten fühlen sich Jugendliche offline im direkten Kontakt mit Freundinnen und Freunden (64 %) oder der Familie (62 %). Auch das Lesen bleibt mit 41 % eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Stärken wir gemeinsam dieses gesunde, analoge Gegengewicht – mit einer klaren pädagogischen Haltung und im festen Schulterschluss zwischen Elternhaus, Schule und Politik.