Wer sich ernsthaft, vielleicht sogar wissenschaftlich, mit Wertebildung beschäftigt, weiß: Damit Kinder die Würde des Menschen achten, sich für eine demokratische Gemeinschaft stark machen und ein werteorientiertes Zusammenleben schätzen, braucht es eine Schulkultur, in der Kinder und Jugendliche täglich einbezogen werden, Verantwortung übernehmen, Selbstwirksamkeit erleben und ihren Alltag kooperativ gestalten lernen. Kurz: Es ist ein täglicher, komplexer Auftrag an Schulen, Werte gemeinsam zu leben und erlebbar zu machen.
„Lehrerinnen und Lehrer wissen als ausgebildete Pädagogen genau, wie sie mit diesen Themen umzugehen haben“, stellt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann daher im Gespräch mit der Abendzeitung klar.
Wehe, wenn nicht!
Dieses Vertrauen scheint indes nicht bei allen so ausgeprägt zu sein und auch von der Methodik scheint mancher eigene Vorstellungen zu haben. So ist MP Söder einem Vorschlag der Jungen Union gefolgt und hat bayerischen Schulen Anfang des Jahres eine Hymnenpflicht verordnet. Diese versucht das Kultusministerium nun weisungsgemäß per offiziellem Schreiben für das kommende Schuljahr umzusetzen – obwohl Ministerin Anna Stolz schon beim Aufkommen der Idee klargestellt hatte, dass es ihr eigentlich eher um die Werte dahinter als um die Hymnen geht.
Wie ernst es den Initiatoren damit ist, verdeutlicht ein bemerkenswerter Verweis auf §90a des Strafgesetzbuches (!) im Kultusministeriellen Schreiben, auf dessen Einhaltung beim Hymnensingen zu achten sei. Darin wird Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole unter Strafe gestellt.
Scheinbar einfache Antworten sind oft keine
„Das zeigt, welcher Geist dahinter steckt“, kritisiert Simone Fleischmann in der AZ. Auch die Anregung, Musikgruppen zu engagieren, findet sie irritierend. „Wir brauchen keine detaillierte Gängelung von oben, in etlichen Schulen werden die Hymnen schon jetzt zu entsprechenden Anlässen abgespielt“, sagt Fleischmann im Interview und fragt: „Soll das denn jetzt die Antwort sein auf wichtige Fragen der Demokratie- und Wertebildung? Für uns ist das eine Frage der HALTUNG, und die vermitteln wir weder in einer Verfassungsviertelstunde noch durch verpflichtendes Hymnensingen: Dafür braucht es eine partizipative Schulkultur, in der diese Werte täglich gelebt werden – und Rahmenbedingungen, die es Lehrkräften ermöglichen, genau das auch in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen.“
Immerhin wird im Schreiben klargestellt, dass keine Mitsingpflicht besteht, wenn die Hymnen vom Band oder von einer Musikgruppe gespielt werden, was „nach den Möglichkeiten der einzelnen Schule“ entschieden werden darf. Vorgeschrieben sind zwei Hymnen: „immer die Bayernhymne und mindestens eine weitere Hymne (deutsche Nationalhymne und/oder Europahymne)“, heißt es im KMS.
„Eine wirkliche Haltung der Menschenwürde leben“
„Alles ist gut, was zur politischen Bildung, zur Identifikation der Schülerinnen und Schüler mit ihrem Heimatland, mit Bayern, Deutschland und Europa beiträgt“, hatte BLLV-Präsidentin Fleischmann bereits im Januar im Gespräch mit der ZEIT zu dem Vorschlag klargestellt und betont: „Es muss uns an den Schulen gelingen, eine wirkliche Haltung der Menschenwürde zu leben, auch des Pluralismus. Dazu braucht es aber mehr als eine Verfassungsviertelstunde oder eine Verordnung, dass bei einer Feier gesungen wird. Es braucht Tiefgang in der politischen Bildung!“
» zum Bericht der Abendzeitung: “Strafe bei Verletzung der bayerischen Hymnenpflicht: ‘Gängelung von oben‘“
» zum Bericht im Donaukurier: “Bald sollen alle singen: Umstrittene Hymnenpflicht an Bayerns Schulen kommt“ (kostenpflichtig)
Hymnenpflicht: Es braucht echte Wertebildung
Ein kultusministerielles Schreiben regelt nun das, was MP Söder einst verordnet hat: Ab nächstem Schuljahr müssen an bayerischen Schulen zu festlichen Anlässen mindestens zwei Hymnen gesungen werden. BLLV-Präsidentin Fleischmann stellt klar, was Wertebildung tatsächlich ausmacht.
Satire
Der Kabarettist und bekannte Söder-Imitator Wolfgang Krebs verrät die wahren Gründe, warum der Ministerpräsident die Hymnenpflicht verordnet hat:
Wolfgang Krebs alias MP Söder zur Lage in den Schulen:
“Mit meiner Forderung, die Hymne zu singen, überlagere ich die ganze Schuldebatte.”
“Der Lehrerverband sagt, manche Schulen in Bayern sind mittlerweile so heruntergekommen, dass der Denkmalschutz schon Interesse anmeldet, dass selbst die Schimmelpilze Bestandsschutz haben und dass der Hausmeister inzwischen offiziell als Archäologe gilt.”
“Manche Klassenzimmer haben zu wenig Lehrer. Dafür haben wir in Bayern aber Schultoiletten mit zu viel Geruch und nicht zu vergessen viel zu große Klassen. Wenn also der Lehrer- und Lehrerinnenverband jetzt sagt, wir haben zu viel Bürokratie statt Pädagogik: Es ist ja nur eine frühe Förderung, weil sich die Kinder schon mal an dem ganzen Behördenwahnsinn und Bürokratisierung abarbeiten und das Ganze vorbereiten sollen.”