v.l.n.r.: Dr. phil. Ramona Häberlein-Klumpner (Dozentin am pädagogischen Hochschulinstitut NMS Bern), Sabine Bösl (BLLV), Anton Rittel (FW), Getrud Nigg-Klee (Vorsitzende BLLV Schwaben), Jürgen Dusel (Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen), Katharina Wezel (BLLV), Karolina Trautner (CSU)
v.l.n.r.: Dr. phil. Ramona Häberlein-Klumpner (Dozentin am pädagogischen Hochschulinstitut NMS Bern), Sabine Bösl (BLLV), Anton Rittel (FW), Getrud Nigg-Klee (Vorsitzende BLLV Schwaben), Jürgen Dusel (Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen), Katharina Wezel (BLLV), Karolina Trautner (CSU)
Bildung gerecht gestalten: ICH – DU – WIR
Bildungsgerechtigkeit Bildungsqualität Diversität Interkulturelle Kompetenz Menschenrechte

Inklusion – keine exklusive Aufgabe!

Anfang Mai diskutierten Vertreter:innen aus Politik, Wissenschaft und dem BLLV über den Stand und die Herausforderungen der Inklusion an bayerischen Schulen. Das Fazit: Für eine echte inklusive Bildungslandschaft muss Bayern endlich entschlossen handeln.

Bildungsgerechtigkeit ist für den BLLV eine der dringendsten Herausforderungen unserer Zeit. Entsprechend war die Veranstaltung in Augsburg zur Inklusion im Rahmen der bayernweiten Veranstaltungsreihe „Bildung gerecht gestalten“ der Abteilung Schul- und Bildungspolitik von hochkarätiger Politprominenz besucht.

Neben Martin Schenkenberg, dem Leiter des Referats Soziales, Familie, Pflege, Generationen und Inklusion der Stadt Augsburg und Claudia Nickl, Behindertenbeauftragte der Stadt Augsburg begrüßte die Vorsitzende des BLLV Schwaben Gertrud Nigg-Klee, Vertreter der schwäbischen Schulämter sowie die Mitglieder des bayerischen Landtags Dr. Simone Strohmayr (SPD), Anton Rittel (FW) und Karolina Trautner (CSU).
 

Sabine Bösl, Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik im BLLV, dankte in ihrem Grußwort Katharina Wezel (Abteilung Schul- und Bildungspolitik im BLLV Schwaben) für die hervorragende Organisation des Fachtags und betonte, wie wichtig es dem BLLV ist, dass echte Teilhabe am Bildungssystem und Chancengerechtigkeit für alle Schülerinnen und Schüler mit ihren individuellen Bedürfnissen möglich ist. Angesichts der heterogenen Schülerschaft brauchen Schulen entsprechende Ressourcen und Rahmenbedingungen, die echte Inklusion ermöglichen, um auch jedem einzelnen Kind gerecht werden zu können. „Es darf nicht an den Bedürftigsten gespart werden“, appellierte sie. 

Wissenschaftliche Belege für eine gelingende Inklusion

Enno Hörsgen, der pointiert durch den Abend führte, stellte Frau Dr. phil. Ramona Häberlein-Klumpner vor, Dozentin am pädagogischen Hochschulinstitut NMS Bern, die die Ergebnisse einer Langzeitstudie zur Bildungsbiographie von Kindern mit Inklusionsbedarf und deren Eltern, die seit 2009 wissenschaftlich auf ihrem Weg durch das bayerische Bildungssystem begleitet wurden. Ziel der Studie war es herauszufinden, welche Faktoren zum Gelingen erfolgreicher Inklusion beitrugen und welche Barrieren dies erschwerten oder verhinderten.

Was alle Studienteilnehmenden einte, war der unbedingte Wille als vollwertiger Teil der Gesellschaft anerkannt zu werden. Als förderlich wurden engagierte Lehrpersonen, der Zusammenschluss mit gleichgesinnten Eltern und sogenannte „Inklusionsschrittmacher“ (z.B. Politiker:Innen) identifiziert. Schulassistenzen und engagierten Eltern kommt ebenfalls eine tragende Rolle zu, ein Bereich, in dem gerade momentan Gelder massiv gestrichen werden sollen. Als besonders belastend wurden Ablehnung und Mobbing, die an vielen Stellen überbordende Bürokratie sowie die immer wiederkehrende Bittsteller-Position empfunden. 

Inklusion braucht flächendeckende Ressourcen statt Einzelkämpfe

In der Publikumsdiskussion war vor allem von Interesse, welche systemischen Faktoren inklusionswilligen Kindern und deren Eltern den Weg durch die Schule erleichtern würden. Als betroffene Mutter schilderte Dr. Petronilla Raila, wie sehr sie sich gewünscht habe, dass bei Gesprächen mit Bildungsinstitutionen, Schulen, MSD anstelle der Forderung, was ihr Kind alles leisten müsse, gefragt würde, was ihr Kind denn brauche, um die Schule bewältigen zu können. 

Wichtig ist es festzuhalten, dass das Gelingen von Inklusion nicht allein vom übermäßigen Engagement einzelner Personen abhängen darf. Angesichts der vielfältigen Herausforderungen an den Schulen braucht Inklusion eine bessere Personalausstattung und mehr Sonderschullehrkräfte an Regelschulen. 

Inklusion bedeutet gelebte Demokratie

„Inklusion ist eine Frage unserer Demokratie!“, betonte in seinem ergreifenden Vortrag Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Anhand seiner eigenen Biographie als Mensch mit einer fast vollständigen Sehbehinderung schilderte er pointiert, wie wichtig für ihn auf seinem Bildungsweg Lehrpersonen waren, die ihm mit großem Engagement Türen geöffnet haben. In seiner persönlichen Entwicklung profitierte er vor allem durch die soziale Interaktion mit nichtbehinderten Menschen - und sie von ihm -, wie sie an den Regelschulen stattfindet. Inklusion ist auch eine Frage der Haltung. 

In seiner Funktion trete er für alle Menschen in ihrer gesamten Vielfalt ein, denn die Gruppe der Menschen mit Behinderungen sei genauso heterogen wie die der Menschen ohne Behinderung. Jeder Mensch verdient es in seiner Einzigartigkeit gefördert und unterstützt zu werden. 

Gerade in einer Zeit, in der extreme Kräfte versuchten, bestimmte Gruppen wieder an den Rand zu drängen, sei es grundlegend, zu erkennen, dass Inklusion und Demokratie zwei Seiten derselben Medaille sind. Seitdem Deutschland vor 17 Jahren der UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat, ist der Staat verpflichtet, allen Kindern und Jugendlichen den Zugang zum allgemeinen Bildungssystem zu gewähren. Leider entwickelt sich der Fortschritt in dieser Hinsicht nur sehr schleppend. Nach wie vor mangelt es an Ressourcen, aber auch an Mut, neue Wege zu beschreiten, um diese Aufgabe zu bewältigen. Ohne die entsprechende Unterstützung gibt es keine Inklusion, sondern Konfusion. Dusel forderte den BLLV auf und machte Mut, sich weiterhin mit aller Kraft für die Rechte aller Schülerinnen und Schüler einzusetzen. Für mehr Vielfalt! 

Mut zur Inklusion!

Nach diesem informativen Input ließen die Gäste den Abend bei interessanten Gesprächen und Catering eines inklusiven Unternehmens noch lange ausklingen. Eine hochkarätige Veranstaltung, die lange zu denken gibt, und Mut macht, für den nächsten Tag in einem Bildungssystem, das in Bayern immer noch viel zu viel selektiert statt inkludiert. Wenn wir von Bildungsgerechtigkeit sprechen, müssen wir Inklusion mitdenken. Inklusive Bildung ist ein Menschenrecht.