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„Das Gebäude macht Lust“

Florian Schmidt, Rektor der nach dem Lernhauskonzept neugestalteten Mittelschule an der Rockefellerstraße in München, über Konzept und Architektur, Wirkung, Erkenntnisse und politische Forderungen im Zuge von Planung, Bau und stetiger Weiterentwicklung.

Eckdaten der Mittelschule an der Rockefellerstraße in München

 

  • 570 Schülerinnen und Schüler, 26 Klassen, 64 Lehrkräfte
  • Planungszeit: 2014-2018
  • Fertigstellung: Schulgebäude in 2021, Turnhalle in 2023 (Neubau)
  • Einzug: 2021
  • Budget: 95 Mio. €
  • Sachaufwandsträger: Stadt München
  • Ausblick: Die Nebenräume und Flure zwischen den einzelnen Klassenzimmern sind noch nicht fertig. Sie sollen im Rahmen des Startchancenprogramms konzeptionell überarbeitet, gestaltet und ausgestattet werden (Lernbüros, multifunktionelle Räume, etc.)


KONZEPT UND ARCHITEKTUR

Wie würden Sie Ihre Schule als Lernort knapp beschreiben? 

Durch das Lernhauskonzept eröffneten sich für uns neue Möglichkeiten und wir gehen bei der Umsetzung neuer Ideen und Lernformate bewusst wohlüberlegt und langsam vor. Wir waren in München die erste Mittelschule, die nach dem Lernhauskonzept gebaut wurde. Wir verstehen uns nicht als Bedenkenträger, sondern als Bedenkenlöser. 

Gibt es ein pädagogisches Konzept, das für die Architektur ausschlaggebend war?

Das Gebäude wurde nach dem Lernhauskonzept gebaut und daher haben sich die Lehrkräfte auch frühzeitig darauf eingestellt. Dadurch, dass wir die erste Mittelschule mit diesem Konzept waren, konnten sich aber viele kein Bild davon machen, was das konkret für sie bedeuten wird. Hier an unserer Schule gab es ja bereits zuvor höchst wirksame pädagogische Konzepte. Daher war es das Ziel, Altes aufzudecken und Neues begleitend daran zu entwickeln. Viele Kolleg:innen setzen bereits das Churer Modell in ihren Klassenzimmern ein, das durch die neue Lernhaus-Gebäudestruktur nun noch breiter und wirkungsvoller umgesetzt werden kann. Der Raum ist ein pädagogischer Partner: Das war am Anfang bei der Planung seitens der Stadt und auch hinsichtlich der Möbelausstattung in den vorgeschlagenen Rahmenverträgen nicht ausreichend mitgedacht. Doch zum Glück war die Stadt München sehr offen und hat entsprechende Verträge und Rahmenbedingungen angepasst.

Inwiefern unterstützen die räumlichen Gegebenheiten die pädagogischen Ziele Ihrer Schule?

Unsere Mittelschule hat die typischen pädagogischen Ziele wie jede andere Mittelschule: soziale Kompetenzen, Lernentwicklung, Konfliktfähigkeit, Eigenverantwortlichkeit, Lernmotivation. Durch das Lernhauskonzept wird begünstigt, dass Schülerinnen und Schüler Eigenverantwortung für den eigenen Lernweg übernehmen. Im Lernhaus wird visualisiert, dass es unterschiedliche Wege gibt. Schülerinnen und Schüler entscheiden selbst, wie viel sie heute schaffen wollen, signalisieren dies der Lehrkraft und den Mitschüler:innen, arbeiten dann eigenständig und kommen zurück zur Lehrkraft, um zu zeigen, was sie geschafft haben oder, wenn sie Unterstützung brauchen. So arbeiten noch nicht alle Klassen hier, aber das ist Teil des Wegs der Schulentwicklung mit dem Lernhauskonzept. Es entsteht viel Eigenverantwortlichkeit, wodurch die Lernmotivation steigen kann. Zugleich ermöglicht die offene Arbeitsform der Lehrkraft, sich gezielt und intensiv denjenigen Kindern zuzuwenden, die zusätzliche Unterstützung benötigen. Das Lernhauskonzept beinhaltet zudem, dass bewusst (räumliche) Freiräume eingeplant sind, diese jedoch klar strukturiert bleiben. In Phasen von etwa 15–20 Minuten arbeiten die Schülerinnen und Schüler eigenständig, bevor im regelmäßigen Check-in gemeinsam mit der Lehrkraft Rückmeldung und Orientierung erfolgen. 

Wie beziehen Sie die Schülerinnen und Schüler ein?

Wir haben die Schülerinnen und Schüler von Anfang an miteinbezogen zum Beispiel durch Schulvollversammlungen, Klassensprecher:innen und Treffen mit der SMV. Sie dürfen aktiv bei der Lernraumgestaltung mitreden und mitgestalten. Es wird demokratisch abgestimmt, aber unter gewissen Rahmenbedingungen. Daher wird es keine Popcorn-Maschine geben, wie es sich ein Schüler gewünscht hatte.

Wie konnten Sie das Kollegium am Anfang mitnehmen und überzeugen?

Aufgrund des straffen Zeitplans vor dem Umzug in das neue Gebäude haben wir als Schulleitungsteam mit Zustimmung der Lehrkräftekonferenz verbindliche Rahmenbedingungen für das Lernhauskonzept festgelegt. Nach der Lieferung der Möbel beobachteten wir, wie Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte damit arbeiteten. Schnell zeigte sich, dass viele Kolleginnen und Kollegen das neue Mobiliar aktiv nutzten. Es entstanden neue Ideen, Hospitationen und ein intensiver Austausch im Kollegium. Ein Arbeitskreis aus Konrektorin, Seminarleiterin und Lehrkräften verschiedener Jahrgangsstufen klärte Ziel- und Potenzialfragen, entwickelte praxisnahe Lösungen und erarbeitete einen Lernhaus-Navigator für alle Klassenzimmer. Im zweiten Jahr entstanden differenzierte Unterrichtsmaterialien wie Stationen, QR-Codes und Lerntheken. Im dritten Jahr erschließen wir nun weitere Lernflächen und entwickeln die Nebenräume weiter, arbeiten verstärkt mit dem Churer Modell und befassen uns mit Lernleitern. Die Etablierung als Haltung wird fünf bis sechs Jahre dauern. Herausforderungen bleiben individuelle Diagnostik, differenziertes Material für Förderunterricht und ein geeignetes digitales Tool für Lerndiagnostik.

Impressionen der MS an der Rockfellerstraße


WIRKUNG

Wie wirken sich die Lernräume der Schule auf die Schülerinnen und Schüler aus?

Die Schülerinnen und Schüler wertschätzen das Gebäude und das damit verbundene Konzept sehr, was sich auch in einem kaum vorhandenen Vandalismus zeigt. Zudem fördern die lernhaushomogenen Häuser die Teamarbeit und schaffen ein starkes Wir-Gefühl innerhalb der Jahrgangsstufen.

Inwiefern unterstützen die räumlichen Gegebenheiten die Gesundheit aller Nutzerinnen und Nutzer, insbesondere der Beschäftigten? 

Wenn man sich auf den Arbeitsort freut, dann macht das viel mit einem. Viele Kolleg:innen bleiben zur Nach- und Vorbereitung in der Schule, anstatt zuhause zu arbeiten. Denn das Gebäude macht Lust. Und da spielt jedes kleine Rädchen eine Rolle.

Wie wirken sich die Räume auf die Atmosphäre und Dynamik im Kollegium aus?

Jedes Haus hat ein eigenes Teamzimmer. Das bedeutet, dass dieser Raum ein Ort für alle ist, die in diesem Lernhaus arbeiten. Das wirkt sich sehr positiv auf die Teamdynamik aus. Es gibt feste Teamzeiten, weniger große Konferenzen und dafür Teamsprecher:innen, die sich mit der Schulleitung treffen, um konkrete Themen des Lernhauses zu besprechen. Wir haben aber auch extra Maßnahmen vorgenommen, sodass ein Teamgefühl innerhalb des gesamten Kollegiums bestehen bleibt. Wir haben ein gemeinsames pädagogisches Wochenende, Teambuilding-Maßnahmen, aber auch eine gute Kaffeemaschine im großen Lehrkräftezimmer. Jedoch liegt die Verantwortung bei allen, nicht nur bei der Schulleitung, die Gemeinschaft zu gestalten und sich einzubringen. Als Schulleitung frage ich aktiv nach aktuellen Themen in den Lernhäusern und bitte um Feedback.


ERKENNTNISSE, EMPFEHLUNGEN UND FORDERUNGEN

Welche Stolpersteine gab es?

Herausfordernd war, dass anfangs noch kein funktionales Mobiliar in der Lernhausmitte vorhanden war. Das macht deutlich, dass die Schulleitung frühzeitig in den Planungsprozess einbezogen werden muss, damit die Bedürfnisse der Schulfamilie berücksichtigt werden, denn Funktionalität muss vor Design stehen. So wurden etwa Räume für die Schulsozialarbeit oder das Lehrerpult sowie ein gemeinsamer Essbereich in den Lehrküchenvergessen. Teilweise versperrt das Pult Fluchttüren oder Türen öffneten falsch. Die Fachlehrkräfte haben kein eigenes Teamzimmer. Zudem fehlen SMV-Zimmer und ausreichend Räume für multiprofessionelle Teams. Pädagogische Ausstattung und Architektur müssen daher von Beginn an gemeinsam gedacht werden.

Was sollte bei der Planung einer Schule im Vorfeld berücksichtigt werden? 

Im Vorfeld sollten Expert:innen einen konkreten Plan entwickeln und diesen mit der Schulleitung teilen. Der Schulleitung sollte etwas Visualisiertes präsentiert werden, sodass beurteilt werden kann, wie die Planungen im Kollegium ankommen würden. Es braucht anschauliche Beispiele und konkrete Vorstellungen, um fundiert Rückmeldung geben zu können. Lehrkräfte und Schulleitung können nicht zusätzlich zur laufenden Schulorganisation nebenbei eine neue Schule planen, aber sie müssen Feedback geben können. Dafür sind klare Konzepte und professionelle Vorarbeit unter Berücksichtigung der Kapazitäten von Lehrkräften und Schulleitung notwendig.

Was würden Sie sich für einen zukünftigen Schulbau wünschen?

Das Wichtigste ist das Gespräch mit den Architekt:innen, insbesondere in der Frühplanungsphase. Die Schulleitung sollte frühzeitig darlegen, was die Schule benötigt, damit diese Anforderungen in die Planung einfließen können. Bereits zu Beginn der Projektentwicklung braucht es Austauschformate, etwa durch Moodboards und gemeinsame Gespräche. Dieser Prozess sollte nicht nur zwischen Architekt:innen und Schulleitung stattfinden, sondern auch unter Einbeziehung des Sachaufwandsträgers, damit Bedarfe und Erwartungen frühzeitig abgestimmt werden können. Und es muss klar beachtet sein: Jede Schulart hat unterschiedliche Bedürfnisse.

Welche Empfehlungen können Sie anderen geben, die einen Neubau oder Umbau planen?

Als Schulleitung ist es wichtig, die eigene Meinung bewusst zurückzustellen und die eigene Rolle klar wahrzunehmen. Wer zu negativ auftritt, kann Entwicklungen im Keim ersticken. Wer hingegen zu euphorisch wirkt, verliert an Glaubwürdigkeit. Entscheidend ist eine ausgewogene, professionelle Haltung. Zudem sollte man sich frühzeitig mit dem Thema Schulbau und insbesondere mit Fragen der Ausstattung auseinandersetzen, um den Prozess verantwortungsvoll und vorausschauend begleiten zu können.

Welche Forderungen haben Sie an die Politik zum Thema Schulbau?

Sanieren, sanieren, sanieren! Und umbauen! Wenn es gelingt in einem Viertel mit vielen sozioökonomischen Herausforderungen einen Schulraum so positiv durch pädagogischen Schulbau zu verändern, dann ist das überall möglich!

<< Dieses Interview wurde geführt von Sabine Bösl, Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik im BLLV, und Ruth Kähler, bildungspolitische Mitarbeiterin in der Abteilung Schul- und Bildungspolitik.