Schon der Titel der Studie ist für eine wissenschaftliche Publikation ungewöhnlich alarmierend: „Massenexodus der Lehrkräfte? Eine Analyse der Abgänge aus dem Schuldienst“ heißt die bereits zu zweitem Mal erschienene Auswertung des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) in Berlin. Laut Autor Dieter Dohmen scheiden inzwischen mehr als drei Viertel der Lehrkräfte vorzeitig aus dem Beruf aus. Er prognostiziert auf Basis der Studie, dass im Jahr 2035 in Deutschland über 100.000 Lehrkräfte fehlen werden.
Für BLLV-Präsidentin Fleischmann sprechen diese Zahlen eine klare Sprache, wie sie gegenüber dem Bayerischen Rundfunk betont: „82% der Lehrkräfte gehen auf Antrag früher in den Ruhestand oder sind dienstunfähig. Damit haben wir nochmal mehr Lehrkräftemangel. Dieser Trend ist spätestens seit 2022 besorgniserregend. Der Freistaat Bayern und Deutschland müssen in der Bildung Gas geben. Das geht nur, wenn mehr Menschen bis zum Ruhestand im Beruf bleiben, indem attraktive Arbeitsbedingungen geschaffen werden.“
So wirkt sich bayerische Bildungspolitik aus
Wie prekär diese Arbeitsbedingungen derzeit sind, zeigt BR 24 mit einem Erlebnisbericht einer jungen Lehrerin, die nach fünf Jahren den Lehrberuf aufgegeben hat: „Ich bin manchmal mittags dagestanden und mir ist aufgefallen: Ich habe heute weder getrunken, noch war ich auf der Toilette, noch habe ich etwas gegessen“, berichtet sie.
Solche Schilderungen kennt der BLLV nur zu gut, und das hat Folgen für die Nachwuchsgewinnung, wie Simone Fleischmann erläutert: „Ein junger Mann oder eine junge Frau überlegen sich gut, was sie studieren wollen und schauen, wo die Arbeitsbedingungen später attraktiv sind. Da hilft es nicht, wenn in Bayern zum Beispiel die familienpolitische Teilzeit eingeschränkt wird und dieses Piazolo-Paket immer noch gilt, durch das man mehr arbeiten muss, weil Mangel herrscht. Dazu größere Klassen, die Ansage, dass man womöglich noch mehr Stunden halten muss, die fehlende Übertragung der Tarifergebnisse auf das Beamtentum, und dass die Arbeitsbedingungen generell nicht familienfreundlich sind. Das alles sind Punkte, die nicht zur Attraktivität beitragen. Es ist also ein hausgemachtes Problem: Wenn ich die Attraktivität eines Berufs nicht fördere, sondern immer weiter senke, brauche ich mich nicht wundern, dass mehr Menschen krank werden und dass viele eher aussteigen: Das ist die Quittung für die Bildungspolitik, die hier betrieben wird!“
Mehr Druck auf Lehrkräfte ist die falsche Reaktion auf Personalmangel
Eine aktuelle Studie zeigt, dass drei Viertel der Lehrkräfte vorzeitig den Beruf aufgeben. BLLV-Präsidentin Fleischmann stellt klar: Das ist das Resultat, wenn auf Lehrkräftemangel mit immer weiterer Verschärfung der Arbeitsbedingungen reagiert wird.
In den Netzwerken
Zugleich muss Schule immer mehr leisten
Das Bittere daran ist, dass viele der Maßnahmen eine Reaktion auf den sich immer weiter verschärfenden Lehrkräftemangel sind und waren – nur leider ziemlich kurzsichtige, wie BLLV-Präsidentin Fleischmann kritisiert: „Da beißt sich die Katze in den Schwanz: Wenn die Staatsregierung eine Mangelsituation dadurch zu parieren versucht, dass sie die Attraktivität schmälert – indem mehr unterrichtet werden muss pro Lehrerin, indem die Klassen immer größer werden, indem die Herausforderungen immer weiter erhöht werden – dann steigert das nicht die Attraktivität, sondern dann senkt das die Attraktivität.“
Zudem zusätzliche Herausforderungen auch von außen an Schulen herangetragen werden, wie Simone Fleischmann berichtet: „Die Anforderungen, was Bildung, was Schule leisten soll, steigen: Die Gesellschaft hat ein Problem, die Schule soll es lösen. Kinder entwickeln immer mehr psychische Störungen, die Zahlen steigen exorbitant, weil das Leben der Kinder immer schwieriger wird. Das soll Schule irgendwie auffangen. Kinder, die inklusiven Förderbedarf haben, müssen im Schulsystem aufgefangen werden, auch diese Zahlen steigen. Das Personal dafür aber nicht! Also können wir die berechtigten Ansprüche der Gesellschaft aufgrund einer knappen und immer knapper werdenden Personaldecke nicht mehr schaffen.“
Gründe analysieren und gegensteuern!
Das hat aus Erfahrung der BLLV-Präsidentin Konsequenzen sowohl für Schüler:innen als auch für Lehrkräfte: „Das ist traurig für alle Beteiligten. Wenn du jeden Tag merkst, dass du deinen Ansprüchen nicht gerecht wirst, weil diese Kinder mehr brauchen und du ihnen das nicht geben kannst, hält dich das selber psychisch nicht stabil. Das belastet dich. Das macht dich traurig, weil du eigentlich wüsstest, was diese Kinder bräuchten, ihnen das aber nicht geben kannst.“
Es gibt also jede Menge gute Gründe angesichts der Ergebnisse der FiBS-Studie gegenzusteuern, meint Simone Fleischmann: „Der Staatsregierung muss daran liegen, diese Zahlen genau zu analysieren, um nicht wieder Maßnahmen zu ergreifen, die kontraproduktiv sind und eine noch höhere Belastung auf das Schulsystem bewirken. Der Freistaat Bayern muss interessiert daran sein, genau festzustellen, wann wer aus dem Schuldienst ausscheidet und vor allem warum. Und dann gilt es genau da gegenzusteuern, nämlich mit besseren Arbeitsbedingungen und Attraktivitätssteigerung. Denn wir brauchen die Besten für die Bildung. Wir haben hier keine anderen Rohstoffe!“
» zum Bericht bei BR24: „Bildungsforscher warnt: Lehrermangel läuft ‚aus dem Ruder‘“