„Wie gelingt die Rückkehr in den Schulalltag?“, fragt BR24 zum Beginn des neuen Schuljahres im Podcast „Thema des Tages“. Antworten gibt unter anderem BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann, die erstmal allen Schüler:innen „einen guten Start“ wünscht.
„Auch wir Lehrerinnen und Lehrer starten heute und auch wir freuen uns“, ergänzt Fleischmann, schränkt jedoch ein: „Wir stellen uns aber Fragen: Werde ich den Kindern gerecht, schaffe ich den Bildungserfolg? Denn unter den jetzigen Bedingungen wird dir als Lehrer angst und bang: seit 15 Jahren so viele Schüler wie noch nie, seit 25 Jahren das schlechteste PISA-Ergebnis, ein 5-jähriger Lehrermangel und jetzt keine neuen Stellen.“
Ganzheitliche Bildung macht Schule aus
Denn die Folgen des Einstellungsstopps der Staatsregierung sind dramatisch, konstatiert die BLLV-Präsidentin: „Es fällt Unterricht aus. Arbeitsgemeinschaften oder Förderunterricht? Haben wir nicht mehr! So werden wir den Kindern eben nicht gerecht. Dieses Stellenmoratorium werden die Kinder auf lange Strecke teuer bezahlen.“
Besonders bitter sei das für Lehrerinnen und Lehrer mit Blick auf die neuen Erstklässler: „Da sitzen Kinder vor dir, die fressen dir die Haare vom Kopf, die wollen was lernen, die brauchen dich vom kleinen Zeh bis zur Haarspitze“, schildert Simone Fleischmann. „Dann machen wir uns natürlich genau diese Sorgen: Was bedeutet die angeblich "stabile Unterrichtsversorgung‘, von der die Ministerin spricht? Was passiert denn im November, wenn viele Kolleginnen und Kollegen krank sind? Was machen wir denn, wenn die Kinder nur mehr den Pflichtunterricht haben? Das ist doch nicht Schule! Schule muss doch ganzheitlich sein. Schule muss auch mal eine Theater AG haben, mal einen Chor haben, ein tolles Projekt, eine tolle Sportsession. Das ist Schule!“
Wer beim Ganztag nur mit Betreuungszeiten jongliert, verschenkt Chancen
Dafür wäre eigentlich der Ganztagsunterricht die ideale Lösung. Doch die Art, wie der Rechtsanspruch für die ersten Klassen in Bayern umgesetzt wird, hat oft einen anderen Fokus, wie die BLLV-Präsidentin berichtet: „Wir haben in Bayern sehr viele verschiedene Formen: Hort, Mittagsbetreuung, verlängerte Mittagsbetreuung, offener Ganztag, kooperativer Ganztag und der gebundene Ganztag. Wir haben einen Bauchladen an Möglichkeiten, um dem Rechtsanspruch gerecht zu werden. Das wird auch funktionieren, es werden alle Kinder jetzt die Betreuungszeiten kriegen, die sie oder die Eltern wollten.“
Für den BLLV geht es aber eben um mehr als Betreuung, betont die Präsidentin: „Der pädagogisch ausgerichtete Ganztag ist eine große Chance, um von Anfang an Bildungsungleichheiten auszugleichen. Er bietet mehr Zeit für Bildung, mehr Zeit für Individualität. Ich selber durfte den Schulversuch dazu damals als Schulleiterin begleiten. Das ist eine Chance für Kinder! Und genau das soll es sein. Es soll jetzt nicht um ‘Haken setzen’ gehen und irgendwie Räume finden, sondern um einen guten neuen Bildungsbegriff in unseren bayerischen Schulen!“
Zeitgemäße Leistungsrückmeldung: Ja, bitte!
Dafür fehlt es allerdings an Räumen und Personal – besonders, wenn der Rechtsanspruch sich auf weitere Jahrgänge ausweitet, gibt Fleischmann zu bedenken: „Wir müssen auf lange Strecke schauen, ob wirklich guter Unterricht, beste Bildung und Ausgleich der Bildungsungleichheit stattfinden kann. Denn der Anspruch zieht sich dann von der ersten Klasse die nächsten vier Jahre über bis in die vierte Klasse hoch mit entsprechend mehr Personalbedarf – und wir haben eben jetzt schon Lehrermangel und ein Stellenmoratorium.“
Dass sich die Kultusministerin indes zum neuen Schuljahr in Sachen Leistungsrückmeldung progressiver und wissenschaftsorientierter zeigt als die Staatsregierung insgesamt, und neue Prüfungsformate ermöglicht, begrüßt die BLLV-Präsidentin: „Die Welt ist doch jetzt auch anders. Wir haben eine digitale Welt, Kinder und Jugendliche leben darin, wir Lehrer und Lehrerinnen natürlich auch. Die Welt dreht sich also und deswegen muss sich doch auch die Art und Weise ändern, wie wir Leistung messen und wie wir Leistung und Feedback überhaupt definieren. Die neuen Prüfungsformate sind gut, weil sie am Prozess orientiert sind: Projektarbeit, Gruppenarbeit, Podcast, Debatte – dazu kann man im Verlauf kontinuierlich Rückmeldung geben. Innovative Kolleginnen und Kollegen – und davon haben wir sehr viele – haben das schon immer gemacht. Gut, dass es jetzt auch die Kultusministerin in den Mittelpunkt stellt. Vielleicht kommen wir auch in Bayern noch so weit, dass die Note das eine ist, aber zusätzliche andere Feedbackmethoden noch mehr im Mittelpunkt stehen. Gut so!“
» zum Podcast bei ARD Sounds: „Schulstart in Bayern: Wie gelingt die Rückkehr in den Schulalltag?“
Start ins neue Schuljahr
Startseite Topmeldung
Mehr Lehrkräfte für mehr Förderung, pädagogischer Ganztag und zeitgemäße Prüfungsformate: Das ist Schule!
Im Thema des Tages des Bayerischen Rundfunks berichtet BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann von gemischten Gefühlen bei Lehrkräften zum Schulstart. Denn bei aller Vorfreude ist klar: Um Kindern nachhaltig Bildungserfolge zu ermöglichen, muss sich einiges ändern.