Dass sich die politisch Verantwortlichen zum Start des neuen Schuljahres mit dem bayerischen Bildungssystem brüsten, war natürlich zu erwarten: 21.000 Plätze an Ganztagsschulen, Horten und in der Mittagsbetreuung seien beispielsweise geschaffen worden. Man investiere mehr in die Bildung als jedes andere deutsche Flächenland und nächstes Jahr würden (nach dem aktuellen Stellenmoratorium wohlgemerkt) 1.900 neue Stellen an den Schulen geschaffen. Was verschwiegen wird: Mit rund 5.500 zusätzlichen Schülerinnen und Schülern nur an den Grund- und Mittelschulen fehlen allein an dieser Stelle mindestens 500 Vollzeitkräfte. Schon jetzt ist klar, dass deshalb viele schulische Angebote gestrichen werden müssen. Ein Erfolg?
Baustelle Bildungsgerechtigkeit
Auch der aktuelle INSM-Bildungsmonitor 2026 (PDF zu Zahlen-Daten-Fakten) kann nicht über ungleiche Bildungschancen und rückläufige Kompetenzentwicklungen in Deutschland hinwegtäuschen – auch wenn das bayerische Bildungssystem im Ländervergleich erneut gut abschneidet. Wer den Zustand unseres Bildungssystems beurteilen will, muss das große Ganze in den Blick nehmen. Denn gute Rangplätze sagen noch nichts aus über die absolute Qualität der Bildung. Und sie sagen auch nichts aus darüber, in welche Richtung sich das Bildungssystem entwickelt.
Gerade Bayern macht diesen Unterschied deutlich: Im Handlungsfeld „Bildungsarmut“ belegt der Freistaat Platz zwei. Positiv bewertet werden unter anderem der bundesweit niedrigste Anteil an Schulabsolventinnen und Schulabsolventen ohne Abschluss von 5,9 Prozent. Auch bei der Schulqualität erreicht Bayern im Ländervergleich Platz zwei, obwohl die gemessenen Kompetenzen im Vergleich zur letzten Erhebung rückläufig sind. Gleichzeitig zeigt der Bildungsmonitor aber auch, dass der sozioökonomische Hintergrund nach wie vor erheblichen Einfluss auf den Bildungserfolg hat.
Das wirft eine grundsätzliche Frage auf: Welchen Maßstab legen wir an gute Bildungspolitik an? Reicht uns ein guter Platz im Ländervergleich? Oder muss unser Anspruch sein, dass sich Bildungsqualität tatsächlich verbessert und alle Kinder und Jugendlichen – unabhängig von ihrem familiären und sozioökonomischen Hintergrund – echte Chancen auf Bildungserfolg erhalten?
Unser Anspruch muss über einzelne Kennzahlen hinausgehen: Bildungserfolg darf keine Frage der Herkunft sein. Gute Bildungspolitik darf sich deshalb nicht mit guten Platzierungen im Ländervergleich zufriedengeben. Sie muss sich daran messen lassen, ob die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler steigen und jedes Kind die Chance erhält, seine Potenziale zu entfalten. Nicht der Vergleich mit den Schwächeren sollte unser Maßstab sein, sondern der Anspruch, bei Bildungsqualität und Bildungschancen zu den Besten zu gehören.
„Stabile“ Unterrichtsversorgung?
Auch bei der Pressekonferenz der Bayerischen Staatsministerin für Unterricht und Kultus, Anna Stolz, MdL am 11. September 2026 standen die vermeintlichen Erfolge und die Maßnahmen in Bayern natürlich im Vordergrund: Stabile Unterrichtsversorgung, Stärkung der Basiskompetenzen, Weiterentwicklung der Mittelschule, moderne Prüfungskultur und vieles mehr. Vieles davon ist nicht verkehrt und auch die datengestützte Schulentwicklung geht natürlich in die richtige Richtung. Das ändert aber leider nichts an der Realität an unseren Schulen.
„Wir haben in Bayern die höchste Zahl von Schülerinnen und Schülern seit 15 Jahren und PISA sagt uns gerade, dass ein Drittel der Kinder die Mindeststandards im Lesen und Rechnen nicht erreicht. In den Naturwissenschaften ist es ein Viertel. Dann kann die Antwort doch bitte nicht nur eine „stabile Unterrichtsversorgung“ sein, von der die Kultusministerin jetzt zum Schuljahresbeginn spricht. Damit Jugendliche nicht blank in Richtung Arbeitswelt oder Studium gehen, muss jetzt was passieren! Wir müssen Kinder frühzeitig fördern und genau da unterstützen, wo sie Probleme haben. Dafür braucht es mehr professionelle Pädagoginnen und Pädagogen sowie Expertinnen und Experten in multiprofessionellen Teams“, so BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann in ihrem aktuellen Statement.
PISA sendet ein klares Zeichen
Die aktuelle PISA-Studie spricht für sich. Die bayerische Staatsregierung brüstet sich zwar trotzdem, dass Bayern mit den Maßnahmen wie Sprachstandserhebungen und der „Pisa-Offensive von 2024“ auf genau dem richtigen Weg sei, das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die sichtbaren Erfolge bislang ausbleiben.
Der erste „PISA-Schock“ von 2001 hätte ein Weckruf sein sollen, aber weitere folgten. Besonders ernüchternd war dann die PISA-Studie 2022, die den deutschen Schülerinnen und Schülern deutlich verschlechterte Kompetenzen in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen attestierte. 30 Prozent der Jugendlichen erreichten damals nicht einmal die Kompetenzstufe II und scheiterten damit an den Mindeststandards. Bei der aktuellen Erhebung schnitten die Schülerinnen und Schüler jetzt sogar noch schlechter ab.
„Die Fragen, die man sich eigentlich stellen müsste und die wir uns besonders im BLLV stellen, sind: Warum nimmt sich die deutsche Bildungspolitik nicht die internationalen PISA-Spitzenreiter zum Vorbild und macht’s auch so? Warum lernen wir nicht endlich – wie viele andere Länder – von den Besten? Warum werden die Gelingensbedingungen für erfolgreiche Bildung nicht auch in Deutschland geschaffen? Wo ist hier eigentlich der echte Masterplan? Zig wissenschaftliche Erkenntnisse: Und was machen die politisch Verantwortlichen dann damit? Bleibt’s auch in Bayern wieder beim Klein-Klein oder werden nun endlich die Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt aller Überlegungen gestellt?“, so Simone Fleischmann.
Zu wenig bleibt eben zu wenig
Dabei ist die Analyse einfach: Immer mehr Schülerinnen und Schüler, immer mehr Aufgaben und immer größere Herausforderungen durch die zunehmende Heterogenität der Kinder und Jugendlichen an den Schulen bedeutet eben mehr Lehrerinnen und Lehrer, die durch ihre Ausbildung optimal auf den Beruf vorbereitet werden. Zu gewinnen wären diese durch bessere Arbeitsbedingungen und eine attraktive Lehrkräftebildung. Dass das Konzept der, von der bayerischen Staatsregierung berufenen, Expertenkommission zur Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung vom Mai 2025 immer noch nicht umgesetzt ist, kann deshalb so nicht hingenommen werden.
„Um die Herausforderungen zu bewältigen, müssen die Besten wieder Lust bekommen, Lehrerinnen und Lehrer zu werden. Dazu gehört eine attraktive und zeitgemäße Ausbildung der Lehramtsstudierenden, Referendarinnen und Referendare, die den aktuellen Herausforderungen an den Schulen gerecht wird und die alle Kompetenzen vermittelt, die es an der Schule braucht – für die Lehrkräfte und für die Schülerinnen und Schüler“, fordert BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann.
„Verschiebebahnhof“ statt „Chancen nutzen“
Dabei gibt es beim Lehrkräftemangel durchaus Licht am Ende des Tunnels. So könnten an den Grundschulen voraussichtlich schon in Kürze wieder mehr fachlich qualifizierte Lehrkräfte eingestellt werden als unbedingt nötig: eine riesige Chance für die individuelle Förderung und die Wiederbelebung wichtiger Angebote, die zuletzt wegen des Mangels heruntergefahren werden mussten. Die Kinder an der Grundschule hätten nach all den Einschränkungen der letzten Jahre die musisch-kreativen Angebote, ihre Arbeitsgemeinschaften und ihren Englischunterricht mehr als verdient! Anstatt auf diese Weise basale Fähigkeiten und die Resilienz der Jüngsten zu stärken, werden mit dem spezifisch ausgebildeten Grundschulpersonal perspektivisch eher die Löcher an anderen Schularten gestopft – ganz besonders an den Mittelschulen.
Wie wir aus den Schulen und aus den Bezirken wissen, hat dieser „Verschiebebahnhof“ längst begonnen – mit allen Konsequenzen, die dieses Vorgehen auch für die Lehrkräfte hat: Irritationen an den Grundschulen, „zerfledderte“ Stundenpläne, bei denen die Kolleginnen und Kollegen „mal eben“ für zwei Stunden an einen anderen Einsatzort müssen, wo sie kaum Kontakt zum Kollegium haben. Eine professionelle Unterrichtsentwicklung an den Mittelschulen ist in dieser Situation kaum möglich.
Diesem Vorgehen muss unbedingt ein Riegel vorgeschoben werden. Die Grundschulen und die Kinder haben diese Lehrkräfte verdient! Nach den langen Jahren des Mangels fordern wir deshalb, zuerst alle Zwangsmaßnahmen aus dem Piazolo-Paket vollständig zurückzunehmen.
Nein zum Stellenmoratorium – jetzt investieren
Genau in dieser Situation trifft das Stellenmoratorium die Lehrerinnen und Lehrer besonders hart – und zwar an allen Schularten. Das Stellenmoratorium führt zu Mehrarbeit und neuen Herausforderungen bei jeder einzelnen Lehrkraft. Und es führt dazu, dass alle Herausforderungen, die PISA aufgezeigt hat, wieder nicht angegangen werden können.
Stattdessen können die Lehrkräfte an Mittelschulen, Förderschulen und Gymnasien nur noch Pflichtprogramm nach Stundentafel machen, weil es für mehr nicht mehr reicht. Das heißt: Keine Zusatzangebote, keine Zeit für Herzensanliegen, keine Arbeitsgemeinschaften, keine Förderstunden, keine On-Top-Differenzierung und nichts mehr, was Spaß macht – mit allen absehbaren Konsequenzen für die Lehrkräftegesundheit.
Wo sind die Prioritäten? Sondervermögen Bildung jetzt!
Was möglich ist, wenn es die politisch Verantwortlichen wollen, zeigte gerade die Einführung einer dritten Sportstunde für die Erstklässler in Bayern, auf die sich der Bayerische Ministerpräsident mit der Kultusministerin geeinigt hat.
„Wenn Maßnahmen wie eine zusätzliche Unterrichtsstunde einfach aus dem Boden gestampft werden können, weil sie offensichtlich Herzensanliegen der politisch Verantwortlichen sind, dann fragen wir uns, ob nicht die individuelle Förderung der Kinder und die Bildungsgerechtigkeit die größeren und wichtigeren Themen sein sollten. Wer soll denn diese Stunden angesichts von Lehrkräftemangel und Stellenmoratorium geben? Natürlich ist der Sport wichtig, aber unsere Herzensanliegen sind die Kernkompetenzen und die Zukunft der Kinder und die Gesundheit unserer überlasteten Lehrerinnen und Lehrer! Uns liegen diejenigen am Herzen, die jeden Tag in den Schulen stehen. Die Stärke der Lehrkräfte dient der Stärke der Kinder. In der Realität verlassen allerdings immer mehr Lehrkräfte in Bayern den Schuldienst, bevor sie das reguläre Rentenalter erreichen – oft aus gesundheitlichen Gründen. Gleichzeitig steigen die Zahlen dienstunfähiger Lehrkräfte“, so die BLLV-Präsidentin.
Simone Fleischmann ergänzt: „Was wir brauchen, ist ein Sondervermögen Bildung – und zwar jetzt! Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler sinken seit einem Vierteljahrhundert. Der Investitionsstau an den Schulen geht in schwindelerregende Höhen, während die Kinder keine benutzbaren Toiletten haben und im Sommer fast umkommen vor Hitze. Wer Leistung will, muss dafür auch die Voraussetzungen schaffen – das betrifft zunehmend ganz eindeutig auch den Schulbau. Sonst braucht man auch keine Leistungsdiskussion mit Elitefokus zu führen Laut dem KfW-Kommunalpanel 2025 liegt der kommunale Investitionsstau bei den Schulgebäuden in Deutschland bei 67,8 Milliarden Euro – noch deutlich vor dem Investitionsstau im Straßenbau und anderen Bereichen. Überall fehlen Lehr- und Unterstützungskräfte, während sich die Kolleginnen und Kollegen an den Schulen oft kaputt arbeiten. Das führt uns nicht in die Zukunft, so entsteht keine Leistung und so entsteht auch keine Bildungsgerechtigkeit. Wir brauchen jetzt echte Investitionen und ein Sondervermögen für die Bildung in ganz Deutschland mit einem Fokus auf die Mittelschulen in Bayern und wir brauchen eine Staatsregierung, die uns dabei unterstützt, wenn wir nicht noch weitere 25 Jahre PISA-Schocks erleben wollen. Wir verlieren zu viele Kinder – wir müssen jetzt handeln!“