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Simone Fleischmann im Interview mit dem STERN Startseite Topmeldung
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„Wenn Gewalt passiert, müssen wir offen mit den Folgen umgehen“

Gewalt gegen Lehrkräfte ist eine zunehmende Herausforderung an Schulen. Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV, spricht im STERN über eine persönliche Gewalt-Erfahrung mit einem Schüler. Sie fordert Sensibilität und Unterstützung für Lehrerinnen und Lehrer.

Laut Polizeilicher Kriminalstatistik (April 2026) sind die Gewaltvorfälle gegen Lehrkräfte in den letzten zehn Jahren stark gestiegen. Die Gewalt an den Schulen ist ein zunehmendes Problem und der Schutz von Schülerinnen, Schülern und Personal muss allerhöchste Priorität haben, betont BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Im Interview mit dem STERN (kostenpflichtig) spricht sie über ein persönliches Erlebnis aus ihrer Zeit als Lehrerin und den Umgang mit dem Angriff eines Schülers.

„Ich war entsetzt, völlig irritiert und wütend“

„Der Fall von Dino hängt mir immer noch nach, obwohl er schon lange her ist. Ich war Lehrerin an einer Schule östlich von München, die an ein Kinderheim angegliedert war. Dino war eins unserer Heimkinder, ich war Klassenleiterin in der achten Klasse.“ Der 16-Jährige war aufgrund von Gewalt in der Familie ins Heim gekommen, das wussten auch die Lehrkräfte und Mitschüler:innen. 

Beim Vortrag einer Gruppenarbeit im Matheunterricht schrieb Dino den Rechenweg an die Tafel und verlor kurz vor der Lösung den Faden. „Er war sehr intelligent, in Mathe weit über dem Durchschnitt der Klasse“, so Fleischmann. Da sie wusste, dass er die Aufgabe lösen kann und ihn in dem Moment motivieren wollte, sagte zu ihm: „Dino! Den letzten Schritt wirst du doch jetzt auch noch schaffen!“ Daraufhin holte Dino plötzlich aus und schlug mit der rechten Hand nach ihr.

„Ich habe mich geistesgegenwärtig geduckt, sodass er mich verfehlte. Er blieb vor der Tafel stehen, wie erstarrt, und sagte nichts. Ich glaube, er war über sich selbst erschrocken.“

Professionalität bewahren – auch in Ausnahmesituationen

Gerade in solchen Situationen sind viele Betroffene irritiert und schockiert. Wie können Lehrkräfte damit umgehen und angemessen reagieren? Im Fall von Simone Fleischmann bat sie den Schulleiter, über eine Gegensprechanlage zum Sekretariat, den Schüler abzuholen. „Ich hätte ihn nicht einfach herausschicken können, schließlich musste ich davon ausgehen, dass er mit dem Geschehenen nicht umgehen konnte. Es war also dringend notwendig, dass er in Obhut kommt“, betont sie gegenüber dem STERN.

Im nächsten Schritt war es wichtig, die Klasse zu beruhigen – 23 Jugendliche, die ebenfalls Überforderung zeigten. Fleischmann bildete einen Sitzkreis mit der Klasse und redete mit den Kindern, frage wie es ihnen geht und erzählte, wie es ihr geht. „Ich habe gesagt, dass ich mir Hilfe holen werde und der Dino Hilfe bekommen wird.“

Informiert wurden die Polizei, ein Kriseninterventionsteam, das Heim und die Sozialarbeiter:innen, der Schulpsychologe. Auch das Kollegium wurde zusammengerufen.


STERN vom 17.04.2026

„Ich war entsetzt, völlig irritiert und wütend“

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Aufarbeitung mit allen Beteiligten

Der Junge blieb dem Unterricht einige Tage fern. In der Klasse sprachen sie in den Folgetagen viel über das Erlebte. Wie geht man mit Situationen um, die herausfordernd oder sogar überfordernd sind? Was mache ich, wenn ich in der S-Bahn keine Fahrkarte habe und kontrolliert werde? Was mache ich, wenn mich der Papa unter Druck setzt?

Es folgten Gespräche zwischen der Lehrerin und Dino gemeinsam mit dem Schulpsychologen und im Rahmen einer Supervision. „Für mich war klar, dass ich Dino nicht hängenlassen würde. Weil ich seine Geschichte kannte, wurde mir schnell klar, dass es nicht um mich als Person ging“, beschreibt Fleischmann. Der Schüler ist wieder in gleiche Klasse zurückgekehrt.

Gewalt im Elternhaus und die Folgen

Gewalt und Gewaltbereitschaft beginnen oft nicht erst in der Schule, sondern zu Hause. Im Fall von Dino war bekannt, dass er im Elternhaus schon öfter Gewalt erfahren hat. „Es ging um eine Situation, mit der er nicht umgehen konnte, und dann das Repertoire herholte, das er kannte. Schlagen“, erklärt Fleischmann.

Später als Schulleiterin einer anderen Schule war ihr der Umgang mit solchen Situationen ein wichtiges Anliegen: Wie können Kollegen in solch einer Situation schnellstmöglich Kontakt ins Sekretariat bekommen? Wo klopfst du? Wen holst du? 

Sie betont: „Wir haben einen Bildungsauftrag und der lautet: Wenn Gewalt passiert, müssen wir offen mit den Folgen umgehen. Ja, ich habe Dino angezeigt, es gab hier keinen Pardon, obwohl ich ihn mochte. Es musste eine Konsequenz geben. Das muss man auch den Kindern erklären. Sie müssen wissen, was Recht und was Unrecht ist.“

BLLV-Präsidentin fordert Sensibilität und Unterstützung

„Sensibel sein, hinschauen und aufdecken“ sind für Simone Fleischmann entscheidend. Niemand darf alleine gelassen werden. Dazu gehören Gespräche, die Aufarbeitung des Geschehenen sowie die Unterstützung von Lehrkräften und Schulleitungen durch den Dienstherrn.

Präventionsmaßnahmen, Tipps und Informationen für ein gewaltfreies Miteinander an Schulen finden Sie hier.