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Was gute Lehrpläne heute leisten müssen

Wie entstehen gute Lehrpläne? Warum braucht es mehr Beteiligung, klare Werte und pädagogische Freiheit? Und wie kann die Mittelschule ihr Profil stärken? Ein Gespräch über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Bildung in Bayern.

Lehrpläne strukturieren Unterricht, geben Orientierung und setzen zugleich bildungspolitische Ziele. Sie prägen damit entscheidend, wie Schule funktioniert und damit auch, wie gut Bildung gelingt. Gleichzeitig sind sie kein starres Konstrukt, sondern Ausdruck gesellschaftlicher, pädagogischer und nicht zuletzt politischer Entwicklungen.

Doch wie entstehen Lehrpläne eigentlich – und was macht einen guten Lehrplan aus?

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Viele der aktuellen Debatten sind nicht neu. Fragen nach der richtigen Balance zwischen Wissen, Kompetenzen und Wertorientierung, nach pädagogischer Freiheit oder nach dem Einfluss der Politik auf Schule wurden schon vor Jahrzehnten intensiv geführt.

Dr. Thomas Heiland, Pädagoge und Bildungsforscher mit Schwerpunkt auf der Entwicklung bayerischer Lehrpläne, untersucht seit vielen Jahren diese Zusammenhänge. Im Gespräch mit Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), wird deutlich, wie eng Lehrpläne mit gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpft sind und welche Herausforderungen sich für die Weiterentwicklung von Schule heute ergeben. Gleichzeitig zeigt sich, warum der BLLV heute für mehr pädagogische Freiheit, echte Beteiligung und eine klare Werteorientierung eintritt.

Warum sich der Blick zurück lohnt

Für Dr. Thomas Heiland ist die historische Perspektive zentral, wenn es um die Zukunft von Schule geht: „Der Blick in die Geschichte bayerischer Lehrpläne zeigt, dass vieles, was heute als neu gilt, bereits historische Vorläufer hat. Das finde ich wahnsinnig interessant.

Ein Beispiel dafür ist die oft als innovativ dargestellte Fächerkombination wie GSE (Geschichte, Sozialkunde, Erdkunde) oder PCB (Physik, Chemie, Biologie) im Hauptschullehrplan von 1997. Das hat man damals als vollkommen neu verkauft. Tatsächlich gab es ähnliche Ansätze bereits in den 1950er Jahren“, so Heiland. Schon damals wurde im Rahmen eines Versuchs zur Einführung einer neunten Jahrgangsstufe fächerübergreifend gedacht.

Lernen abseits von starren Stundenplänen

Was Heiland beschreibt, steht in engem Zusammenhang mit dem phänomenologischen, fächerübergreifenden Lernen, das der BLLV seit Jahren fordert. Unterricht soll sich stärker an realen Phänomenen orientieren und nicht an starren Stundenplänen. Statt isolierter Inhalte geht es darum, Themen ganzheitlich zu erschließen.

Simone Fleischmann bringt dieses Verständnis auf den Punkt: „Kinder ticken nicht nach Fächern. Was sie brauchen, ist phänomenologisches, projektorientiertes Lernen. Kinder fragen sich: ‘Wie funktioniert das eigentlich mit dem Wasser?‘ Dann nehmen die Lehrkräfte dieses Phänomen in den Fokus und betrachten es gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichen Perspektiven.“

Bildung im Wandel: Neue Anforderungen an Wissen und Kompetenzen

Ein zentrales Thema der Lehrplandebatte ist die Frage, welche Rolle Wissen und Kompetenzen künftig spielen sollen. Während früher vor allem die Vermittlung von Inhalten im Mittelpunkt stand, hat sich der Fokus in den vergangenen Jahren zunehmend verschoben: Heute geht es stärker darum, Wissen anwenden, einordnen und reflektieren zu können.

Diese Entwicklung ist kein völliger Paradigmenwechsel wie Heiland betont: „Der Kompetenzbegriff ist nicht neu. Er wurde bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren diskutiert und wissenschaftlich fundiert.“ Die aktuelle Debatte knüpft also an frühere pädagogische Überlegungen an – gewinnt jedoch unter heutigen Bedingungen eine neue Dynamik. Denn Wissen ist heute jederzeit verfügbar. Digitale Anwendungen liefern innerhalb von Sekunden Antworten. Entscheidend ist daher nicht mehr nur, was Schülerinnen und Schüler wissen, sondern wie sie mit Wissen umgehen. Der BLLV setzt sich seit Langem dafür ein, Medienkompetenzen systematisch zu stärken.  

 

Lehrpläne zwischen Pädagogik und Politik

Ein besonders sensibler Aspekt bei der Entwicklung von Lehrplänen, ist die Frage, wie stark diese politisch geprägt sind. Für Heiland ist klar: „Lehrpläne waren immer auch ein politisches Instrument. Das war historisch so und gilt bis heute.“

Damit sind Chancen, aber auch Risiken verbunden. „Die Gefahr besteht, dass Lehrpläne einseitig instrumentalisiert werden“, warnt er, und verweist auf die Lehrpläne im Dritten Reich, in denen einseitige, rassenideologische Erziehungsziele in den Präambeln formuliert waren. Über moderne Lehrpläne sagt er: „Heute sind sie an Prinzipien wie Heterogenität, Mehrsprachigkeit und Multiperspektivität ausgerichtet, und zwar immer unter einer sehr ganzheitlichen, diskursiven Perspektive."

Politische Steuerung ist notwendig, aber transparente und partizipative Prozesse sind dabei unverzichtbar, darin sind sich die beiden Gesprächspartner einig. Kritisch sehen sie aktuelle Beispiele, bei denen politische Entscheidungen ohne ausreichende fachliche Beteiligung getroffen wurden, wie die Verordnung des Hymnenzwangs. Fleischmann kritisiert: „Der Ministerpräsident hat den Hymnenzwang einfach von oben für die Schulen angeordnet. Dieser Vorschlag wurde von keiner Fachkommission begleitet. Es gab keine Absprachen, wie man die Idee an den Schulen umsetzen könnte.“

Heiland bestätigt die Kritik und verweist auf den geschichtlichen Aspekt: „Aus meiner Sicht ist das ein Rückfall in die normativen Bildungspläne, die man bis in die 60er Jahre hatte. Bis dahin gab es einfach keine institutionalisierte Beteiligung von Personalrat, Verbänden, Wissenschaft und so weiter. Lehrpläne wurden von der Politik gesetzt. Und das sehen wir leider heute an manchen Punkten wieder.“

Steuerung ja – aber wie viel?

Welche Rolle soll der Lehrplan im Unterricht spielen? Auch hier sind sich beide Expert:innen einig: Er muss Orientierung geben, aber auch Raum für pädagogische Entscheidungen im Klassenzimmer lassen.

Für Heiland ist der Lehrplan „ein Steuerungsinstrument“, er dürfe den Unterricht aber nicht programmieren. Aus seiner Sicht lässt der ideale Lehrplan neben sinnvollen Lernzielen und Kompetenzen auch Raum für pädagogische Autonomie und die Orientierung am Kind. Und: „Er gibt Werteorientierung und Erziehungsziele vor, die in einer demokratisch freiheitlichen Gesellschaft wichtig sind.“

Fleischmann hat selbst jahrelang eine Mittelschule geleitet. Sie unterstreicht diesen Aspekt: „Der Lehrplan muss einen Rahmen vorgeben. Aber das Bild, das in diesem Rahmen entsteht, gestalten die Lehrkräfte mit den Kindern und Jugendlichen vor Ort, denn sie wissen am besten, was die Kinder und Jugendlichen brauchen.“

Profil der Mittelschule: Berufsorientierung als Chance

Neben grundsätzlichen Fragen der Lehrplanentwicklung rückt auch die Rolle der einzelnen Schularten in den Blick. Gerade die Mittelschule steht vor großen Herausforderungen. Historisch spielte bei dieser Schulart das Fach Arbeitslehre eine zentrale Rolle für die Vorbereitung auf die Berufswelt. Heiland und Fleischmann sehen darin ein großes Potential, das heute wieder stärker genutzt werden sollte. „Ein gut strukturiertes Fach Arbeitslehre wäre eine wichtige Stellschraube für die Entwicklung der Hauptschule bzw. heutigen Mittelschule. Früher hat dieses Fach die Schülerinnen und Schüler gut auf die Arbeitswelt vorbereitet. Auch die Betriebspraktika und Arbeitsplatzerkundungen fand ich sehr sinnvoll“, erläutert Heiland.

Gleichzeitig wurde dieses Profil im Laufe der Lehrplanentwicklungen verändert, etwa durch Umbenennungen und inhaltliche Verschiebungen. Inzwischen heißt es „Wirtschaft und Beruf“. Aus Sicht beider Gesprächspartner ist dabei ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal verloren gegangen. Fleischmann betont: „Es war immer eine große Stärke dieser Schulart, klar sagen zu können: ‚Wir bereiten auf die Berufswelt vor.‘ Davon sind wir in den letzten Jahren ein Stück weit abgekommen.“

Fazit: Lehrpläne als Motor für Bildungsentwicklung

Ein Gedanke zieht sich durch das gesamte Gespräch: Lehrpläne sind weit mehr als Verwaltungsdokumente. Sie können Impulse setzen und Entwicklungen anstoßen. „Lehrpläne können Bildungsreformen anstoßen“, bringt es Heiland auf den Punkt.

Für die Praxis bedeutet das: Die Überarbeitung von Lehrplänen ist eine wichtige Chance, Schule weiterzuentwickeln, pädagogische Qualität zu stärken und den Blick konsequent auf das zu richten, worum es im Kern geht: gute Bildung für alle Kinder.


Dr. Thomas Heiland

 

Zur Person:

  • Lehrkraft an bayerischen Haupt- und Mittelschulen seit 2007
  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Augsburg von 2015 bis 2021
  • Akademiereferent im eLearning-Kompetenzzentrum der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung Dillingen seit 2021
  • Lehrbeauftragter an der Universität Augsburg seit 2022
  • Promotion in Bildungs-, Schul- und Lehrplangeschichte 2023

Arbeits- und Forschungsschwerpunkte:

  • Einsatz und Analyse bzw. Evaluation analoger und digitaler (Bildungs-)Medien
  • Medienbildung, Medienerziehung und Mediendidaktik
  • Lehrplan- und Bildungsstandardforschung
  • Historische Bildungsforschung, v.a. Bildungs- und Schulgeschichtsforschung (mit Schwerpunkt Volks- und Hauptschule)
  • Schule im Brennpunkt zwischen Bildungspolitik und Pädagogik

Lehrpläne im Kontext von politischem und pädagogischem Wollen

Entwicklungen der bayerischen Volksschuloberstufe und Hauptschule von 1945 bis 2000

von Dr. Thomas Heiland

Ergon, 1. Auflage 2023, 494 Seiten

ISBN 978-3-98740-030-8


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Standardwerk zur Geschichte der Lehrerschaft in Bayern

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