Es ist eine Diskussion um Zahlen, Quoten, erreichte und verfehlte Standards – und damit ist die Debatte um PISA oft arg abstrakt. Im Gespräch mit dem Campus-Magazin über die Betroffenen schildert BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann eindrücklich, wie die Realität dahinter aussieht: „Das sind ja oft Familien, in denen die Eltern – wenn es beide sind – drei bis vier Jobs haben, damit sie sich das Leben überhaupt leisten können. Wir haben sehr viel mit Armut bei Kindern zu tun. Es sind Familien, die selber so stark psychiatrisch belastet sind, dass eine Mutter oder ein Vater Medikamente nehmen muss oder dem Alkoholismus verfällt, eine starke Depression entwickelt. Das kriegen die Kinder alles mit. Und das bringen sie alles mit in die Schule. Und dann verlange ich von dem Kind: ‘Hey, hock dich jetzt hin, trainiere für den Pythagoras! Und morgen schreiben wir die Schulaufgabe.‘ Das funktioniert doch so nicht. Wir müssen ganz anders hingucken auf die Bedarfe dieser Kinder!“
Denn laut PISA erreichen in Deutschland vor allem Kinder aus sozioökonomisch schwierigen Verhältnissen die Mindeststandards nicht. „Da sind wir das drittletzte Land von 91“, konstatiert Fleischmann und kritisiert: „Wir schaffen es nicht, die Bildungsungleichheit auszugleichen. Eigentlich ist das ein Staatsversagen.“
Schuldzuweisungen helfen niemandem
Die BLLV-Präsidentin wehrt sich dabei insbesondere gegen Stimmen im politischen Diskurs, die nun die Eltern in die Pflicht nehmen, was angesichts deren beschriebener Situation überhaupt keinen Sinn macht. „Eltern, die eben ihre Kinder nicht unterstützen können, sollen jetzt die sein, die das auffangen? Ja, wie denn? Das ist doch genau Problem dieser Familien: Die Eltern schaffen es nicht. Und dann sollen die es machen? Das ist ja idiotisch! So können wir doch nicht miteinander umgehen. Wie der Kanzler gesagt hat: Es braucht eine gemeinsame Kraftanstrengung zwischen Bund und Land, und aus meiner Sicht auch zwischen Elternhaus und Schule. Verantwortung oder Schuld abschieben hilft jetzt nicht.“
Der Verweis auf laufende schulpolitische Maßnahmen reicht aus Sicht von Simone Fleischmann dabei nicht aus: „Kultusministerin Stolz hat viele richtige Maßnahmen gesetzt. Doch wie gut ausfinanziert sind sie? Sprachstandsdiagnostik ist richtig, denn ohne Sprache wirst du keinen Bildungserfolg haben. Der Ganztag bietet die beste Chance, um Bildungsungleichheit auszugleichen. Alle Maßnahmen zur Stärkung von Rechnen, Lesen und Schreiben sind richtig. Sie sagt also, wir sind auf dem Weg. Das stimmt. Aber wann wirkt es denn? Denn wir müssen das Ziel ja auch erreichen.“
Zielgenau fördern braucht mehr professionelle Pädgaog:innen
Der Grund, warum die Programme nicht greifen, ist indes schlicht, dass häufig die Menschen fehlen, um sie auch umzusetzen, wie Fleischmann berichtet: „Nehmen wir zum Beispiel die Vorkurse. Die gibt es für Kinder, die mit viereinhalb Jahren getestet wurden und in diesen Sprachstandserhebungen Defizite zeigen. Die müssen jetzt gefördert werden. Jetzt haben wir aber blöderweise in manchen Vorkursen keine Experten dafür, ausländischen Kindern Deutsch beizubringen. Ich kann da nicht einen Seiteneinsteiger, Quereinsteiger oder irgendjemanden reinpacken in diese Vorkurse, sondern da muss ich eigentlich die absolute Expertise reinsetzen. Blöd nur, wenn wir die nicht haben. Gute Maßnahme, super diagnostiziert. Aber nicht gefördert. Dann wirkt es halt nicht.“
In den Schulen stoßen Lehrerinnen und Lehrer gleichzeitig an Grenzen im Umgang mit immer unterschiedlicheren Kindern, wie Simone Fleischmann im Gespräch mit dem Radiosender M94.5 über die PISA-Ergebnisse schildert: „Wir müssen individuell hinschauen, aber das können wir nicht bei 27 Kindern in der achten Klasse, von denen drei ADHS haben und zwei gar nicht da sind. Bei drei Kindern merkst du, dass die nicht geschlafen haben, die anderen hängen am Handy und du hast sieben Nationen im Klassenzimmer. Diese starke Heterogenität braucht individualisierte Ansätze. Und das geht halt nur mit mehr professionellem Personal – und zwar nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch Förderlehrer, Beratungsfachkräfte und mehr. Solche multiprofessionellen Teams können sich auch anders zusammensetzen, aber in Anbetracht des Lehrermangels muss ich einfach sagen: So wie wir jetzt aufgestellt sind, schaffen wir es nicht.“
Einstellungsstopp bei steigendem Bedarf?
Aus Sicht des BLLV ist daher klar: Es braucht jetzt keine weiteren Programme oder Maßnahmenkataloge, sondern eine saubere Finanzierung für echte Bildungsförderung. „Es geht eben darum, übermorgen nicht schon wieder zu vergessen, was in PISA war“, mahnt Präsidentin Fleischmann. „Wir haben Lehrermangel und wir haben zugleich ein Stellenmoratorium, das heißt Null weitere Stellen. Wir haben also mehr Kinder, mehr Herausforderungen, die schlechtesten Ergebnisse, Lehrermangel – und jetzt keine weiteren Stellen. Das versteht kein Mensch und das kann nicht funktionieren. Wir müssen da jetzt nachhaltig und fokussiert finanzieren und deswegen fordern wir ein Sondervermögen Bildung.“
Bildungspolitisch geht es außerdem auch darum, sich ernsthaft auf die diagnostizierten Defizite bei den Kernkompetenzen zu konzentrieren, fordert Fleischmann: „Die Kinder erreichen zu einem Drittel als 15-Jährige die Mindeststandards im Lesen und Rechnen nicht. Das ist die Kernaufgabe. Wir müssen jetzt Add-ons weglassen und uns entlasten von sonstigem Wahnsinn, der außenherum noch los ist oder von dem manche meinen, es bräuchte jetzt Alltagskompetenz, Finanzbildungskompetenz, eine Radfahrwoche eine ‘Wie werde ich nicht so dick‘-Woche.“
Datengestützt analysieren und dann punktgenau unterstützen
Effizienter muss die Bildungspolitik auch bei der richtigen Zuteilung der Mittel werden, fordert Simone Fleischmann: „Wir brauchen Monitoring. Deswegen wird jetzt nach PISA viel über datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung diskutiert. Das heißt, wir schauen in die Schule vor Ort: Was läuft an dieser Schule, wo braucht sie Ressourcen? Und dann stellen wir genau die Ressourcen bereit, die diese Schule braucht, und beobachten, ob sich die Kohle, die man da reinsteckt, rentiert. Das verlangen wir von der Bildungspolitik im Umgang mit unseren Steuergeldern: Die sollten so eingesetzt sein, dass dieses Geld bei den Kindern ankommt, es also richtig investiert wird. Wenn wir als BLLV ein Sondervermögen Bildung fordern, dann wollen wir das nicht mit der Gießkanne über alle Schulen ausgeschüttet sehen, sondern auf diese Weise: passgenau!“
Insgesamt kritisiert die BLLV-Präsidentin den Alarmismus bei immer neuen Studien, der dann aber schnell in Vergessen mündet – bis die nächste Studie erneut kurze Aufregung und wenig nachhaltige Maßnahmen produziert: „Wir sind über 70.000 Kolleginnen und Kollegen in unserem Verband. Die brauchen keine PISA-Untersuchung! Denn die sehen jeden Tag in ihrer siebten und achten Klasse, wo sie gerade unterwegs sind mit den 15-jährigen, was die können und was die eben nicht können. Es nützt nur nichts, dass man das alles schon lange sieht, 25 Jahre lang. Jetzt muss gehandelt werden! Deswegen fordern wir dieses Sondervermögen.“
Jedes Kind verdient eine faire Chance
Für Fleischmann sind die Schicksale der betroffenen Kinder ein dringender Auftrag: „Mich persönlich trifft am meisten, dass wir in Deutschland eben die Drittletzten dabei sind, soziale Herkunft auszugleichen. Es muss uns einfach gelingen, jedes Kind abzuholen – ob aus Armutsverhältnissen, ob aus einer Familie, in der der Vater alleinerziehend ist, ob aus einer Familie mit Migrationshintergrund, ob in schwierigen persönlichen Verhältnissen wegen Trennung, Umzug oder Tod. Das ist natürlich eine Riesenherausforderung und wir sind weit davon entfernt, das zu schaffen. Es ist ein bloßes Wunschkonzert, bei einem derart eklatanten Lehrermangel. Es muss doch jetzt jedem klar werden, dass wir das große Ganze angehen müssen. Weil wir es uns nicht leisten können, auch nur eines dieser Kinder zu verlieren. Weil wir haben hier in Bayern nun mal keine anderen Ressourcen als das, war zwischen den zwei Ohren sitzt: nämlich das Gedächtnis, die Kompetenzen und das Hirn und die Bildung unserer Kinder!“
» zum Beitrag im Campus-Magazin: „Lehrerverbands-Präsidentin: Das muss sich nach PISA ändern“